FeedHauser
AllerleiBrockhaus 1882

Hauser (Kaspar) ist der Name eines durch seine dunkle Herkunft und seine DieBerföntich Schicksale merst in Nürn Findlings. Die Persönlichkeit tauchte zuerst in Nürnberg 26. Mai 1828 auf. Anscheinend ein Bursche von 16 bis 18 Jahren, in die abgelegten Kleider eines Erwachsenen gesteckt 13 er einen fl Brief mit der Adresse des Rittmeisters er 4. Eskadron des 6. Chevaulégersregiments (von Wessenig) in Nürnberg in der Hand, dessen Wohnung er wissen wollte. Zu diesem geführt und von demselben der Polizeiwache überwiesen, gab der Unbekannte hier auf alle an ihn über seine Herkunft gerichteten Fragen keine weitere Antwort, als oedas weiß ich nichto oder «ich will ein Reiter werden v. Doch unterzeichnete er mit festen Zügen seinen Namen «Kaspar Hauserv unter dem Vernehmungsprotokoll, zeigte überhaupt, daß er im Schreiben wie im Lesen einigen Elementarunterricht genossen hatte. Seine Fähigkeit zu sprechen dagegen blieb, wenigstens in der ersten Zeit, auf wenige Worte und Sätze in oberbayr. Mundart beschränkt. Im übrigen war sein Körperbau gesund und ebenmäßig entwickelt, seine Haut weiß und fein, seine Glieder, zumal seine Füße, auffällig zart gebaut. Gegen Fleischspeisen und alle gegorenen Getränke zeigte er einen heftigen Widerwillen; Wasser und trockenes Brot waren ihm die liebsten Nahrungsmittel. In dem mitgebrachten Briefe, datiert «von der bayerschen Gränz, daß Ort ist unbenannt, 18285, teilte der Schreiber, der sich für einen armen Tagelöhner ausgab, dem Rittmeister mit, der Knabe sei ihm 7. Okt. 1812 agelegto worden, er habe ihn auferzogen, I1 seit 1812 keinen Schritt vor die Thür gelassen; Lesen, Schreiben und Christentum habe der Knabe gelernt, derselbe wolle Reiter werden. In dem Briefe lag ein ersichtlich für eine Mystifikation zurechtgemachter, wie von der Mutter geschriebener Zettel, in welchem es hieß, sie sei ein armes Mägdelein, geboren sei der Knabe 30. April 1812, sein Name sei Kaspar, sein Vater, ein Chevaulégers vom 6. Regiment, sei tot. H. wurde zunächst vom Magistrat in Nürnberg als Findling übernommen und, nachdem eine öffentliche Bekanntmachung behufs Ermittelung der Persönlichkeit keinerlei Aufklärung gebracht, auf Kosten der Stadt dem Pro1ber G. Fr. Daumer zur Lehre und Pflege übergeben. Was H. über die Vorgeschichte seines Lebens erzählte und später in einer Art von Selbstbiographie niederschrieb, enthielt im wesentlichen immer nur die Angabe, er habe, so lange er denken könne, stets allein in einem dunkeln Behältnis gesessen, nur mit einem Hemd und einer Hose bekleidet, habe stets morgens beim Erwachen Brot und einen Krug Wasser vorgefunden; wer ihn bekleidet, gereinigt, ernährt, wisse er nicht. Kurze 2*7 vor der Wegführung nach Nürnberg sei ein Mann, dessen Angesicht er aber nicht gesehen, bei ihm erschienen, habe, hinter ihm stehend, ihn durch Führung der Hand im Schreiben unterrichtet, ihn dann in einer Nacht herausgetragen, auf die Füße gestellt, ihn mit den Sachen, die er bei seinem Erscheinen in Nürnberg auf dem Leibe trug, bekleidet, ihn bis in die Nähe der Stadt begleitet und ihn hier mit dem Briefe an von Wessenig entlassen. Diese an innern Unwahrscheinlichkeiten überreiche, bald von den wundergläubigen Zeitgenossen phantastisch weiter ausgeschmückte Erzählung wurde in den Jahren der Romantik die Quelle einer umfangreichen Mythenbildung. Das Interesse des ganzen gebildeten Europa heftete sich an den merkwürdigen Findling, und unendlicher Scharfsinn wurde aufgeboten, um das Rätsel dieser Persönlichkeit und des, wie man ohne weiteres annahm, an ihm verübten Verbrechens zu ergründen. Daß H. von vornehmer Abkunft, vielleicht ein beiseite geschafftes Fürstenkind, vielleicht der natürliche Sohn eines hohen kath. Prälaten, war die gewöhnliche Annahme. Doch fehlte es auch nicht an Zweiflern, die in allem nur einen von H. selbst gespielten Betrug erblicken wollten. Die spätere Bildungsgeschichte H.s ist dadurch psychologisch bemerkenswert, daß die ursprüngliche Wißbegierde, das erstaunliche Gedächtnis und die ungewöhnliche Schärfe und Reizbarkeit seiner Sinne, die ihn anfangs auszuzeichnen schienen, in demselben Grade abnahmen, in welchem sich der Kreis seiner Kenntnisse erweiterte, wogegen die Neigung zur Lüge und Verstellung immer ersichtlicher zunahm. Die ganze geistige Entwickelungsfähigkeit H.s blieb eine eng begrenzte. Am 17. Okt. 1829 wurde H. im Keller des Daumerschen Hauses aus einer leichten Schnittwunde an der Stirn blutend vorgefunden, und wollte er, während er sich auf dem Abtritt befand, von einem Unbekannten mit schwarz verhülltem Gesicht überfallen und niedergeschlagen worden sein. Alle von den Kriminalbehörden sofort in Bewegung gesetzten Nachforschungen blieben fruchtlos; doch steigerte das Geheimnisvolle dieses fraglichen Mordanfalls natürlich das Interesse für H.s Person. Er wurde von Daumer entfernt und in das Haus des Kaufmanns Biberbach in Nürnberg gebracht. Hier lernte ihn Lord Stanhope kennen, der ihn zu adoptieren beschloß, ihn erst nach Ungarn, wo man seine Eltern vermutete, auf Reisen schickte, dann aber bald in seiner Zuneigung für H. wieder erkaltete und ihn dem Lehrer Meyer in Ansbach zur weitern Ausbildung überließ. Unter der Kuratel des Präsidenten von Feuerbach und des Gendarmerielieutenants Hickel wurde H. hier mit gerichtlichen Schreibarbeiten beschäftigt, und wäre er vermutlich bald der Vergessenheit anheimgefallen, hätte nicht sein plötzlicher Tod ihn wieder zum Mittelpunkt allgemeinster Sensation gemacht. Am 14. Dez. 1833 kam H. mit einer tiefen Stichwunde in der linken Brusthälfte nach Hause gelaufen und erzählte, ein Fremder ac ihn im Flur des Appellationsgerichts auf den Nachmittag in den Schloßgarten bestellt, ihn dort beiseite gelockt und meuchlings tödlich verwundet. Drei Tage darauf,‚, 17. Dez. 1833, starb H. an den Folgen der Verwundung. Die hierüber von neuem eingeleitete Kriminaluntersuchung mußte absolut ergebnislos 11. Sept. 1834 wieder eingestellt werden. Die Möglichkeit eines Selbstmords erschien indessen nicht ausgeschlossen. Litteratur: Meyer, «Authentische Mitteilungen über Kaspar H.» (Ansb. 1872), und desselben Verfassers «Hinterlassenes Manuskript von Joseph Hickelo (Ansb. 1881). Nur mit Vorsicht zu denutzen sind Daumers Mitteilungen über Kaspar H.j(Rürnb. 1832), seine Enthüllungen über Kaspar H.»(Frankf.1859), sowie seine neuere Schrift«Kaspar H. Sein Wesen, seine Unschuld u. s. w.» (Regensb. 1873). Das meiste seiner europ. Berühmtheit verdankt H. der geistvollen, kritisch jedoch sehr anfechtbaren Schrift des Kriminalisten A. von Feuerbach: „Kaspar H., Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben» (Ansb. 1832). Später versuchte G. F. Kolb (Broch) auf Grund eines 1852 aus dem Feuerbachschen Nachlasse publizierten geheimen Méemoire für die Königin Karoline von Bayern in einer Schrift Kaspar H.v Zür. 1859) und in vielfachen Zeitungsartikeln den Nachweis zu führen, H. sei ein von der Reichsgräfin Hochberg beiseite geschaffter Erbprinz von Baden, der 29. Sept. 1812 geborene älteste Sohn des Großherzogs Karl und seiner Gemahlin Stephanie von Baden gewesen. Durch eine Reihe aus dem bad. Hausarchiv 1875 über die Nottaufe, die Sektion und Beerdigung des erwähnten, am 16. Okt. 1812 gestorbenen Erbprinzen veröffentlichter amtlicher Urkunden ist die völlige Grundlosigkeit dieser auf den willkürlichsten Kombinationen aufgebauten Hypothese zur Evidenz dargethan worden. (Vgl. Mittelstädt, KKaspar H. und sein bad. Prinzentume, Heidelb. 1876.) Obwohl die in Veranlassung des Feuerbachschen Mémoire erwachsenen publizistischen Erörterungen den Beweis erbrachten, daß Feuerbach selbst vor wie nach dem Mémoire die Herkunft H.s aus dem bad. Fürstenhause für eine Romanerfindung gehalten, haben doch Sensationsbedürfnis und polit. Motive mannigfach zusammengewirkt, die Fabel von dem bad. Peinzenum H.s immer von neuem wieder für litterarische Versuche u verwerten. Eine 1882 erschienene anonyme Broschüre „Kaspar H.v (Regensb.), welche die eben bezeichneten Tendenzen verfolgte, führte gegen den Verleger zu einem Verleumdungsprozeß und zu des letztern Verurteilung unter strafrichterlicher Feststellung des verleumderischen Inhalts der Schrift. Eine neuere Broschüre G. F. Kolbs (Kaspar H. », Reensb. 1883) wiederholt die frühern haltlosen Inriminationen. Die wirkliche Herkunft H.s ist bis zur Gegenwart unaufgeklärt geblieben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 904Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 12

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Allerlei 6