Lesemaschinen nennt man Apparate, welche in Schulen dazu dienen, die Erlernung der Druckschrift zu erleichtern. Sie sind in größern Elementarschulen ein wesentliches Hilfsmittel für den ersten Leseunterricht. Quintilian teilt mit, daß schon im alten Rom die Kinder elfenbeinerne Buchstaben zum Spielen erhielten. Der Kirchenlehrer Chrpsostomos empfahl, Buchstaben aus Kuchenteig zu backen, um damit den Kindern Lust zum Lesen zu machen. Diese Idee griff Basedow wieder auf und führte sie in seinem Philanthropinum zu Dessau durch. Pestalozzi wandte Papptäfelchen mit großedruckten Buchstaben an, die er zu Silben und Wörtern zusammenstellte. Die zahlreichen Besucher seiner Anstalt verbreiteten dieses einfache Unterrichtsmittel und konstruierten mehr oder weniger künstliche Apparate. Gewöhnlich besteht die L. aus einer Tafel, die mit der Breite 7 durchgehenden Schlitzführungen versehen ist; in letztere schiebt man die auf einzelne Bretchen oder steife Pappen in großem Maßstab gedruckten Buchstaben ein, um sie sämtlichen Schülern sichtbar zu machen. Die nebenstehend abgebildete L. von Abelardo Nußez in Santiago hat gegenüber den ältern Apparaten mehrere Vorzüge, namentlich den der leichtern Handhabung. Die Einrichtung des Apparats ist folgende: In dem untern Teil eines rahmenartigen Rastens sind eine Anzahl hölzerner und metallener Walzen à übereinander gelagert. Jede Walze trägt an ihrem einen Ende, außerhalb des Kastens, einen Knopf b, mittels dessen man dieselbe unabhängig von den andern in Drehung versetzen kann. Im obern Teil des Kastens ist eine Walze e gelagert, welche eine der untern Walzenzahl entsprechende Anzahl Rollen trägt. über je eine dieser Rollen und eine der untern Walzen ist ein mit den aufgedruckten Buchstaben versehenes endloses Band gespannt, welches bei der Drehung der betreffenden Unterwalze a eine Riemenbewegung ausführt. Die Vorderseite des Kastens, welche den Schülern zugekehrt wird, trägt zwei gewöhnliche, schwarz angestrichene Wandtafeln Aund B, welche in der Mitte nicht zusammenstoßen, sondern einen die Breite des Kastens durchschneidenden Schlitz lassen, der durch eine der Bänderzahl entsprechende Anzahl schmaler Stege s in einzelne rechteckige Offnungen geteilt ist. In diesen Offnungen erscheinen die den Bändern aufgedruckten Buchstaben, welche der Lehrer durch Drehung der Walzen a mit Leichtigkeit zu beliebigen Wörtern zusammenstellen kann. Lesen und Lesemethoden. Lesen heißt Zeichen in Laute übertragen, und selbst beim Stilllesen findet unbewußt eine solche Übertragung statt. Die dabei in Anwendung kommenden Zeichen können die allermannigfaltigsten sein: Hieroglyphen, geometr. Figuren, Zahlen, geogr. Darstellungen u. dgl.; die gewöhnlichsten sind jedoch die Buchstaben, die Bestandteile des geschriebenen oder gedruckten Wortes. Die Erlernung des Lesens ist dem civilisierten Menschen ebenso eigentümlich wie die artikulierte Sprache und die Schrift, und mit Recht gilt die Verbreitung der Schreib- und Lesefertigkeit als Maßstab für den Kulturgrad eines Volks. Zweck und Ziel des Leseunterrichts in der Schule ist, den Schüler so weit zu bringen, daß er nicht nur alles mechanisch fertig lesen kann, sondern daß er auch versteht, was er liest, und daß er es in Ton und Ausdruck so ausspricht, als wären es seine eigenen Gedanken. Zu dieser Fertigkeit führt ein langer Weg durch die Stufen des elementarischen oder lautrichtigen, des logischen oder verständigen und des ästhetischen oder schönen Lesens, welches letztere die Frucht einer gründlichen Gesamtbildung ist. Man hat die Kunst des Lesenlernens zu allen Zeiten möglichst zu erleichtern gesucht. Anfangs lehrte man es durch Buchstabieren. Aber schon Valentin Ickelsamer 1534 versuchte das Lesen ohne Buchstabieren zu lehren. Einen andern Weg betrat zu Anfang des 18. Jahrh. der Verfasser des bei J. E. Weigel in Nürnberg erschienenen und mit hübschen Bildern versehenen A-b-e-Buchs «Neu erfundener Lustweg in allerlei schönen Künsten und Wissenschafteno. Doch fand schon damals die „zornerweckender Buchstabier⸗ und Syllabiermethode entschiedene Gegner in J. G. Zeidler (um 1700), dem Prediger Venzky (1721), J. J. Hecker in Berlin und dem pseudonymen Nachsinner (1735). Selbst der berühmte Philolog M. Geßner machte (4756) Vorschläge zu einer Verbesserung der Methode des ersten Leseunterrichts. Auch der Taubstummenlehrer Samuel Heinicke eiferte gegen die Buchstabiermethode und gab 1780 eine Lesefibel heraus. Basedow dagegen wirkte trotz seiner bekannten agebackenen Buchstabeno wenig für die Verbesserung des Leseunterrichts, und auch Pestalozzi erklärte sich noch in seiner Anweisung zum Buchstabier⸗ und Lesenlernen (1801) für die altherkömmliche Methode. Erst L. H. F. Olivier, angeregt durch Wolkes Bestrebungen, stellte (1808) der alten Buchstabier⸗ und Nominalmethode, wie man sie später nannte, die Laut⸗ oder Lautiermethode entgegen und brach damit dem Bessern Bahn. Zeichen und Laut traten bei ihm in ein richtigeres Verhältnis zueinander, indem man beim Benennen oder Aussprechen der Buchstaben jedem Konsonanten den unerläßlich nötigen Hilfslaut eben nur in einem mehr hauch⸗ als tonähnlichen e zugesellt, wie etwa das b oder p hörbar wird am Ende der Wörter Trauber oder «Tulpev, und daher die Buchstaben alle nach gleicher Analogie benennt, wodurch allerdings die unmittelbare Verbindung derselben untereinander und mit eigentlichen Vokalen sehr erleichtert wird. Die von Olivier eingeschlagene Bahn verfolgten mit verschiedenen Modifikationen Stephani, der die Lautmethode zuerst in die Volksschule einführte, Krug, der für das Physiologische der Sprache mehr als irgend einer seiner Vorgänger geleistet hat, Zeller, Pöhlmann, der zwischen der alten (Buchstabier- und neuen Methode zu vermitteln suchte, und Graser, der mit G. L. Schulze (in seiner Legographologier), Graßmann, Scholz, Harnisch u. s. w. den ersten Leseunterricht mit dem Schreibunterricht verbunden wissen wollte. Namentlich aber war es der Einfluß der Grundsätze Jacotots (s. d.), der auf die neuere Lesemethode führte, welche man, weil sie mit dem ganzen Worte anfängt und von diesem ausgeht, die Wortmethode zu nennen pflegte, obgleich sie die Lautmethode in sich einschließt. In neuester Zeit ist die Schreiblesemethode zur Geltung gekommen, d. h. das Kind lernt schreibend lesen. Diese Methode charakterisiert sich als die einfachste und natürlichste, welche das Kind auf dem leichtesten, Geist und Gemüt weckenden und angenehm beschäftigenden Wege in überraschend kurzer Zeit zur Lesefertigkeit führt. Sie beruht auf der rechten Anschauung und übt zugleich fortwährend die produktive Kraft. Ihr Hauptvertreter, Schuldirektor Karl Vogel in Leipzig, erprobte sie zuerst in der dortigen Bürgerschule, und dessen Bilderfibel, Des Kindes erstes Schulbuch»,‚ hat eine Menge Nachahmungen veranlaßt. Mehr nach Jacototschen Grundsätzen bearbeitet und in der Gegenwart am verbreitetsten ist die Fibel von Thomas in Leipzig: Lebensbilder J). Ihr schließen sich für die höhern Stufen Lebensbilder II, III und IVo an, in vorzüglicher Weise bearbeitet von Berthelt, Jäckel, Petermann und Thomas. Weiter sind hier zu nennen Böhme in Berlin, Kehr in Erfurt, Klauwell in Leipzig u. s. w. Eine gute Zusammenstellung der Methodik des Leseunterrichts findet sich in Diesterwegs Wegweiser zur Bildung für Lehrerv (5. Aufl., Essen 1877); Kehr und Schlimbach, „Methodik des sprachlichen Elementarunterrichtso (5. Aufl., Gotha 1874); Kehr, Geschichte der Methodiko (Bd. 2, Gotha 1879); Fechner, Die Methoden des ersten Leseunterrichts» (Berl. 1882). Das ästhetische Lesen behandelt Benedir, Der mündliche Vortrag (3. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1871 —77); Palleske, Die Kunst des Vortragsv (2.Aufl., Stuttg. 1884).