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ErdkundeBrockhaus 1882

Lille, vläm. Ryssel, Hauptstadt des franz. Norddepartements in Flandern, eine der stärksten Festungen Europas und zugleich eine der gewerbreichsten Städte Frankreichs, 11 Km von der belg. Grenze, 248 km im NNO. von Paris, in einer reichbewässerten, an Getreide und Produkten aller Art ergiebigen Ebene, liegt an der Nordbahn von Paris nach Belgien, von welcher hier Zweigbähnen nach Hazebrouck, Bethune, Valenciennes, Comines und Tournai führen, sowie an der kanalisierten, selbst große Schiffe tragenden und mit zahlreichen andern Kanälen in Verbindung stehenden Deule Gufluß der Lys). Die Stadt zählte 1851 nur 75 795 CE., nachdem indessen 1858 die Gemeinden Wazemmes, Moulins-L., Fives und Esquermes mit ihr vereinigt waren, 1881 bereits 145113 E. Sie ist geräumig und gut gebaut, besonders in den neuern Teilen, und hat lange Boulevards, breite Straßen und große Plätze. Die beengenden Festungsmauern sind, seit der Vergrößerung des tadtbereichs auf das Doppelte, auf der Südseite nebst fünf der alten schönen Thore niedergerissen und werden in weiterer Entfernung durch neue ersetzt. Unter den öffentlichen Gebäuden sind zu erwähnen: die St. Moritzkirche (die älteste, 1022 gegründet, später umgebaut), die Katharinenkirche aus dem 12. Jahrh. mit der seit dem 11. Jahrh. verehrten Marienstatue de la Treille, die Magdalenenkirche von 1675 und die Andreaskirche (1702 —59), beide im griech. Stil aufgeführt, die Stephanskirche aus dem 17. und 18. Jahrh., die neue Kirche von Wazemmes, besonders aber die an der Stelle des alten Chäteau du Bue (der Wiege der Stadt) 1855 begonnene und im Kreuzbogenstil des 13. Jahrh. aufgeführte großartige Kirche Notre-Dame de la Treille et St.⸗Pierre; ferner das Stadthaus, das 1846 an Stelle des alten Palais de Rihour aufgeführt wurde, und eine reiche Gemäldegalerie, das kostbare Wicar-Museum von Zeichnungen (nach dem des Louvre das wertvollste in Frankreich), das ethnogr. Moillet-⸗Museum, ein archäol. und ein technolog. Museum, sowie ein Münzkabinett enthält; das 26. Aug. 1844 inaugurierte Palais des Departemental-Archivs, des wichtigsten nach dem von Paris; der große Justizpalast, die Präfektur, das Zeughaus, das Hotel des Generalstabes, das alte Münzgebäude, die Börse (1652 in span. Stil erbaut, mit einer Statue Napoleons I., die aus bei Austerlitz eroberten Kanonen gegossen ist), das 1785 erbaute und 1825 vergrößerte Theater, der Konzertsaal, einer der schönsten Frankreichs, das 1833—47 erbaute Lyceum, in welchem sich auch die Fakultät der Wissenschaften, die mediz. Schule, ein naturhistor. Museum und die Stadtbibliothek von 42000 Bänden befinden; endlich die neue Markthalle, das Zucker-Entrepöt, die große Hauptwache, der Cirkus, das Schlachthaus. L. ist der Sitz der Departementsbehörden, des Generalkommandos des ersten Armeekorps, eines Gerichtshofs erster Instanz, eines Handelsgerichts, mehrerer Friedensgerichte, einer Handelskammer und eines Gewerberats. Außer einem Lyceum, drei Fakultäten (der Theologie, der Wissenschaften und Litteratur) und der mediz.⸗pharmaceutischen Schule bestehen noch eine Akademie für Musik Zweiganstalt des Conservatoire in Paris), Zeichenschulen, Anstalten für Bildhauerei und Baukunst, zahlreiche gelehrte Gesellschaften und ein botan. Garten. Außerdem hat L. ein allgemeines Armenhaus für 1300 Greise und Kinder, fünf Civil⸗ und Militärhospitäler, ein Departementsgefängnis, ein Irrenhaus, eine Taubstummenanstalt, ein Findelhaus, eine Zufluchtsstätte für arme Mädchen und viele mildthätige Gesellschaften. Großartig und vielseitig ist die Fabrikthätigkeit, namentlich die Textilindustrie (Flachs- und Hanfspinnereien, Leinwand⸗,‚ Damast⸗, Zwillich⸗„Band⸗, 15 Wollfabriken u. s. w.), Baumwollspinnereien und Webereien; dagegen ist die früher blühende Fabrikation von Spitzenzwirn, Spitzen und Tüll sehr in Abnahme gekommen. Außerdem liefert L. viele Posamentierarbeiten und Strumpfwaren. Es bestehen daselbst ferner eine nationale Tuchfabrik, verschiedene Maschinen⸗ und Instrumentenbau-Anstalten, Schneidemühlen, Fabriken für Fässer, Wollkratzen, Kardätschen, Seilerwaren, Chemikalien, Seife, zahlreiche Olmühlen und Olraffinerien, Färbereien, Garn⸗ und Leinwandbleichen, Brennereien, eine Tabaksfabrik, große Zuckersiedereien u. s. w. Sehr bedeutend it — Handel mit den eigenen Erzeugnissen und andern Handelsprodukten, mit Wein, Branntwein, Liqueur, Gewürzen, Kolonialwaren, Ol, Tabak und Krapp. — L. wurde 863 von Balduin I., Grafen von Flandern, erbaut und bestand, anfangs nur aus einem Schloß, das von seiner Lage 19810 den zwei Flüssen Deule und Lys die Insel, l'isle (später L.), genannt wurde. Balduin IV. umgab es 1030 mit Mauern. Philipp der Gute machte es zu seiner Residenz. Mit wenigen Unterbrechungen gehörte es fortwährend den flandr. Grafen und deren Nachfolgern aus dem Hause Burgund und Ssterreich bis 1667, wo es Ludwig XIV. eroberte, der es auch im Aachener Frieden behielt. Derselbe ließ es durch Vauban, welcher als Gouverneur von L. 1707 starb, befestigen. Die von ihm aufgeführte Citadelle, ein Meisterstück der Befestigungskunst, hat einen Durchmesser von 400 m. Zwar wurde L. 1708 vom Prinzen Eugen nach einer hartnäckigen Belagerung erobert; doch kam es infolge des Utrechter Friedens von 1713 wieder an Frankreich zurück.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 76Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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