FeedLiszt (Franz)
MusikBrockhaus 1882

Liszt (Franz), der größte Klavierspieler und nächst Paganini der größte Virtuos der neuern Zeit, auch Komponist, wurde 22. Okt. 1811 in dem ungar. Orte Raiding geboren. Sein Vater, ein Rechnungsoffiziant des Fürsten Esterhäzy, war musikalisch genug gebildet, um die erste Entwickelung des jungen Talents zu leiten. Im neunten Jahre spielte L. zum ersten mal öffentlich und erregte allgemeines Staunen. Durch die Unterstützung der Grafen Amadé und Szapary wurde der Vater in den Stand gesetzt, nach Wien zu gehen, wo Czerny den Unterricht des jungen L. übernahm und auch Salieri sich für ihn interessierte und in der Komposition unterwies. Nach 18 Monaten eifriger Studien trat er auch hier mit dem glänzendsten Erfolge auf. Darauf wandte sich der Vater mit ihm nach Paris, um ihn im Konservatorium seine Bildung vollenden zu lassen, wo er indes von Cherubini als Ausländer abgewiesen wurde. Doch das Talent des jungen Künstlers brach sich selbst Bahn. Er spielte vor dem Herzog von Orléans und war bald der Liebling der pariser Welt. Nachdem er zweimal nach England gereist, wo er ebenfalls viel Aufsehen erregte, wurde 1825 eine Oper, Don Sanchev, von ihm in der Académie Royale aufgeführt, die jedoch keinen nachhaltigen Erfolg hatte. Nach einem Ausfluge in die Schweiz 1827 unternahm L. eine dritte Reise nach England, doch seine wankend gewordene Gesundheit veranlaßte den Vater, ihn in die Bäder von Boulogne zurückzuführen. Hier starb der Vater, und L. kehrte nach Paris zurück. Offen allen Eindrücken der Außenwelt, schrieb er nach Ausbruch der Julirevolution eine cSymphonie révolutionnairey, die er aber nicht veröffentlichte. Im J. 1831 hörte er Paganini, und der durch diesen erregte Eindruck beeinflußte seine ganze spätere Richtung. Nachdem er 1833—35 in Genf in ziemlicher Zurückgezogenheit gelebt, kehrte er nach Paris zurück, wo er mit Thalberg in Rivalität trat, und 1837 begab er sich nach Italien, woselbst er bis gegen Ende 1839 verweilte. Von 1840 bis 1848 unternahm er jene großen Kunstreisen, die seinen Ruhm durch ganz Europa trugen. Im J. 1848 verließ L. die Laufbahn als reisender Virtuos und wandte sich nach Weimar. Hier wirkte er fortan als Hofkapellmeister in außerordentlichen Diensten (nachdem er diesen Titel schon 1844 erhalten) und wurde der Mittelpunkt eines Kreises von Schülern und Anhängern, der für die Ideen und Erzeugnisse Richard Wagners und Berlioz', sowie für die daraus hergeleiteten Bestrebungen eifrigste Propaganda machte. Nachdem er 1859 seine freiwillige Kapellmeisterstelle aufgegeben hatte und zum Kammerherrn ernannt war, wandte er sich nach Rom, wo er 1865 in den geistlichen Stand trat und fortan als Abbe lebte. In neuester Zeit hält er sich zeitweilig in Pest auf, wo er an der neugegründeten königl. ungar. Musikakademie als deren Präsident wirkt. Was L. als Klavierspieler geleistet und noch leistet, ist nach allen Seiten hin eminent und wunderbar. Auf den höchsten, vor ihm für unerreichbar gehaltenen, ja nicht geahnten Gipfeln der Mechanik bewegt er sich mit verwegenster Sicherheit, und alles, was er vorträgt, führt den Stempel vollendeter Genialität. Doch darf ihm der Vorwurf nicht erspart oleiben, daß er die Erzeugnisse fremder, namentlich der klassischen Meister oft zu wenig objektiv behandelt und zu sehr mit seiner eigenen Individualität durchsetzt. An Gedächtniskraft und an Fertigkeit des Primavista-Spielens hat er kaums einesgleichen. Bei den Leistungen L.s als Komponisten hat man zu unterscheiden zwischen dem, was er während seiner Virtuosenlaufbahn, und zwischen dem, was er nach 1848 geschaffen hat. Die Erzeugnisse jener frühern Periode sind zum allergrößten Teil Klavierstücke, die als Widerspiegelung seiner enormen Virtuosität und durch viele neu aufgeschlossene Klaviereffekte Interesse gewähren, wenn auch darin die eigene Erfindung nur Dürftiges und wenig Gesundes bietet. Die Arbeiten seiner spätern Zeit verfolgen indes andere Zwecke. L. tritt darin als ein Komponist auf, der die bestehenden Kunstformen nach seiner individuellen Empfindung zu gelalten und die gesamte Tonkunst in neue Bahnen einzulenken sucht, wobei er sich auf mancherlei stützt, was Wagner und Berlioz ihm vorgearbeitet haben. Das in diesem Sinne von ihm Geschaffene besteht hauptsächlich in Orchesterstücken, die er »fymphonische Dichtungeno benannt hat (Tassoo, „Die Hunnenschlachto, Fausto, «Die Ideglev, Orpheusv, Prometheuso u. s. w.), dann in einigen Instrumentalsachen und in kirchlichen Werken (eine große Messe, die Oratorien: Die heil. Elisabetho, „Christuso u. s. w.). Auch als geistvoller Schriftsteller bekundet sich L. sowohl in Journalen wie in den Schriften „De la Fondation-Goethe à Weimaro (Lpz. 1851), (Lohengrin et Tannhäuser de Richard Wagnero (Lpz. 1851), Er. Chopino (Par. 1852) und „Des Bohémiens et de leur musique en Hongrien (Par. 1859). Eine eingehende Charakteristik gab er über den Liederkomponisten Robert Franz (Lpz. 1872). Vgl. Nohl, Beethoven, Liszt, Wagnero (Wien 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 115Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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