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Handwerk & GewerbeBrockhaus 1882

Lloyd ist ursprünglich der Name eines der vielen Besitzer von Kaffeehäusern, welche Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrh. in der City von London gegründet wurden, und damals als Sammelplätze sowohl der verschiedenen Berufskreise als auch politischer Pärteien zeitweilig eine große Bedeutung für das kommerzielle und politische Leben der Hauptstadt erlangten. Edward Lloyd wird nachweislich zuerst im J. 1688 erwähnt, anfänglich in Tower-Street, später (1691 oder 1692) Ecke von Abchurch-Lane und Lombard-Street. Schon 1696 gründete Lloyd unter dem Namen LIoVd's Newsy ein wöchentliches Zeitungsblatt, zu dem Zwecke, um seine Besucher mit den neuesten Handels⸗ und Schiffahrtsnachrichten zu versorgen. Her sche einer polit. Unvorsichtigkeit mußte Lloyd aber schon im folgenden Jahre die Veröffentlichung einstellen. Erst 1726 wurde die erste Lloyd's Listo wieder gedruckt. Inzwischen war Lloyds Kaffeehaus aber immer mehr der Mittelpunkt für alle Kategorien von Geschäftsleuten, welche Schiffahrts⸗ „interessen hatten, geworden, namentlich aber für Versicherer und Versicherungsmäkler, welche das „zuerst von den Hanseaten (merchants of the steelyard, betreehene Aerdckereg später von den Lombarden betriebene Versicherungsgeschäft als Privatassekuradeurs (private underwriters) in Lloyds-Rooms konzentrierten. Das Kaffeehaus Lloyds ist längst verschwunden, sein Name prangt aber an einer andern Stelle der City, nämlich über dem Eingange an der Ostseite der Royal-Exchange (Börse), in deren Räumen 1771 die Gesellschaft unter dem Namen New- auch 0 sich ein eigenes Heim errichtete. Hier ist au 9oud noch die eigentliche Seeversicherungsbörse Londons, an welcher bei weitem die meisten Seeversicherungen geschlossen werden, ungeachtet der Mitbewerbung einer Anzahl bedeutender, seit 1824 entstandener Seeversicherungs-Aktiengesellschaften, in welchem Jahre das Monopol der beiden ältesten Kompagnien (London Assurance Corporation und Royal Exchange Assurance Corporation, 1720 als sog. chartered companies gegründet) aufgehoben wurde. — — Höhepunkt fällt in die Zeit der Seekriege zu Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrh. Zu jener Zeit beteiligte sich alles, was auf eine hervorragende Stellung im Kreise der engl. Kaufmannschaft Anspruch machen durfte, als Privatassekuradeur an dem Seeversicherungsgeschäft auf Lloyds, und wie zu jenen unruhigen Zeiten die Bank von England als der sicherste Hort für auf dem Kontinent gefährdet erachtete Kapitalien galt, so Dons pon auch das Seeversicherungsgeschäft Londons von der Gunst der Lage in hohem Maße. Gestützt blieb dasselbe nach wie vor auf ein zu immer größerer Vollkommenheit herausgebildetes Nachrichtensystem. Lloyds hatten schon damals Agenten in allen bedeutenden Seehäfen der Welt, welche die Anstalt von jedem, die Schiffahrt und den Handel betreffenden politischen oder nautischen Ereignis im Bereich ihres Wirkungskreises Mitteilung machten. luch der Regierung kam die Organisation zu statten, und die Unterstützung der engl. Admiralität und der Corporation of Lloyds war eine gegenseitige. Auch heute noch nimmt das Committee ot Lloyds eine hervorragende Stellung ein und pflegt bei keinem einigermaßen wichtigen Schritte der Regierung in Schiffahrtsangelegenheiten übergangen zu werden. Der in alten Zeiten lose Zusammenhang unter den einzelnen Mitgliedern hat im Laufe der Jahre, zuerst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, durch wiederholte Reorganisationen eine feste Gliederung erhalten, und die Mitgliedschaft Lloyds als Privatassekuradeur ist mit besondern Cautelen bezüglich der pekuniären Sicherstellung der eingegangenen Versicherungsverpflichtungen umgeben. Im J. 1871 erhielt die Gesellschaft durch Parlamentsakte Korporationsrechte. Die Zahl der Mitglieder betrug Ende 1883 614, wovon 462 underwriting und 152 non under-Die seit 1800 täglich erscheinende Lloyd's Listo wurde 1884 mit der 1836 gegründeten Shipping and mercantile Gazette kombiniert, und erscheint jetzt unter dem gemeinschaftlichen Titel Shipping and Mercantile Gazette and Lloyd's List v. Die Zeitungen reproduzieren die in dem Lokale Lloyds ausliegenden, aber nur den Mitgliedern zugänglichen geschriebenen Listen (Lloyd's written list), die täglich sofort nach Eingang der Nachrichten aus der ganzen Welt über Abgang und Ankunft von Schifsen, Über Schiffsunfälle und sonstige mit der Schifffahrt in Verbindung stehende Ereignisse zusammengestellt werden. Auch in andern Beziehungen ist die technische Ausrüstung der Lloydslokalitäten eine mustergültige. Unter andern wird wöchentlich ein Inder herausgegeben, in welchem die Reisedaten uber jedes in transatlantischen Reisen beschäftigte Schiff genau vermerkt und nachgeführt werden. Nachdem die Lloydskorporation schon seit langen Jahren im Interesse ihrer Mitglieder Einrichtungen für die Klassenbestimmung der zu versichernden Schiffe getroffen hatte, gründete dieselbe, nach dem Vorgange des bereits 1828 gegründeten franz. Bureau Veritas 1834 ein öffentliches Schiffs-Klassifikationsinstitut unter dem Namen LIoyd's register of British and oreign shipping, welches unter den Auspizien des Mutterinstituts ebenfalls eine hervorragende Bedeutung für den engl. Seehandel gewonnen hat. Das Institut, welches seine Bureaus in White-Lion-Court, Cornhill, hat, bezweckt mit der Herausgabe eines alphabetisch geordneten Registers die genaueste Auskunftserteilung über die Bauart, Materialien, Tragfähigkeit, Dimensionen, Takelung, Maschinen u. s. w., und vor allem über die Klasse (Güte) eines Schiffs. Eine gute Klassifikation in Lloyds Register erwies sich naturgemäß als ein wesentlicher Vorteil für die betreffende Reederei bei der Verfrachtung und Versicherung des Schiffs, sodaß man sich nicht nur für vorhandene Schiffe um die Klassifikation bewarb, sondern auch den Neubau von Schiffen der Beaufsichtigung der Beamten des Instituts bereitwillig unterwarf. Das Institut bot dazu die Hand durch Ausarbeitung und stete Vervollständigung von Bauregeln und durch Erteilung eines fernern Empfehlungszeichens an die unter seiner Aufsicht gebauten Schiffe, indem es der Klasse einen dies bezeichnenden Stern hinzufügte. Das Register für 1884 enthält Nachweis über circa w15000 Schiffe, worunter circa 3000 Schiffe fremder Flagge. In diesen Zahlen sind jedoch auch die nicht klassifizierten Schiffe enthalten, da das Register der Vollständigkeit wegen alle engl. Schiffe über 100 t aufführt. Außerdem enthält das Register eine Liste der brit. Reeder, sowie der hervorragenden fremden Reedereien, ferner der Trocken⸗ und Schwimmdocks in den hauptsächlichsten Häfen der Erde. Der Abonnementspreis beträgt einschließlich der Supple—⸗ mente 4 Guineen für das Jahr. Denselben Zwecken wie Lloyds Register dient das bereits erwähnte franz. Bureau Veritas, welches unter ganz ähnlichen Einrichtungen jährlich ein Klassifikationsregister veröffentlicht, worin neben einer ebenso eingehenden Beschreibung der Schiffe formel angewandt wird. Das Bureau Veritas hat aber im Vergleich mit dem Lloyds Register eine wesentlich internationalere Bedeutung zu erlanger gewußt. Ende 1883 enthielt das Register 10 748 Segelschiffe und 1147 Dampfschiffe, zusammer 11895 Schiffe, von denen 7852 Schiffe mit nock laufenden Klassen versehen waren. Unter letztern waren 1946 deutsche, 1134 französische, 920 eng lische. Das Bureau Veritas veröffentlicht außerdem jährlich ein sog. Generalregister, in welchem sämtliche Schiffe der Welt, und zwar alle Segelsahrt iche 50, alle Dampfschiffe über 100 t aufge-Uhrt stehen. Ebenfalls ist hervorzuheben die 1868 in Rostock konstituierte, später aber nach Berlin übergesiedelte Gesellschaft Germanischer Lloyd, welche, trotz der Schwierigkeit der Konkurrenz mit den oben angeführten ältern Instituten, eine hervorragende Stellung namentlich für die Klassifikation deutscher Dampf⸗ und Segelschiffe einnimmt. Die übrigen, leichen Zwecken dienenden Gesellschaften: Norske Veritas (Norwegen), Registro Italiano, Veritas Austro-Ungarico, American Lloyds u. s. w., haben nur Bedeutung für die Schiffe eigener Nationalität. Der mit dem Namen L. verknüpfte universelle Begriff hat denselben auch für eine Reihe anderer dem Seehandel dienender Institute zu einem beliebten gemacht. Als See, beziehentlich Transport-Versicherungsgesellschaften dieses Namens sind unter andern zu nennen: der Deutsche Lloyd in Berlin, der Rheinisch-Westfälische Lloyd in München-Gladbach, der LIOVd frangais in Paris, der Russische Lloyd in Petersburg. Als Dampfschiffahrtsgesellschaften des Namens L. nehmen, abgesehen von der im J. 1876 in Liquidation getretenen kleinern stettiner Gesellschaft Baltischer Lloyd, eine hervorragende Stellung ein: der Norddeutsche Lloyd in Bremen und der Osterreichisch-Ungarische Lloyd (s. Lloyd Austro-ungarico) in Triest. Der 1857 durch Vereinigung mehrerer kleinern Gesellschaften in Bremen als Aktiengesellschaft (anarud mit 4 Mill. Goldthalern, 105 20 Mill. ark) errichtete Norddeutsche Lloyd ist eine Dampfchi Reedereianstalt, welche eine regelmäßige ampfschiffahrt für Passagiere (wichtig für die Auswanderung) und Güter, hauptsächlich nach Neuyork (im J. 1883 97 Reisen nach Neuyork) und Baltimore (im 1883 44 Reisen nach Baltimore) unterhält, außerdem in unregelmäßiger Fahrt nach Südamerika und einzeln nach Galveston. Ferner unterhält derselbe eine regelmäßige Dampfschiffahrt zwischen der Weser und hum sowie einen ausgedehnten Fluß⸗ und Schleppdampferverkehr auf der Weser und zwischen Weser und Elbe. Ende 1883 besaß die Gesellschaft 28 Dampfschiffe in transatlantischer,? Dampfer in europäischer Fahrt und 14 Flußdampfer, insgesamt 92467 Brutto- und 61437 Nettoregistertons mit 22361 Pferdekräften repräsentierend); außerdem 57 eiserne Schleppkähne mit 10952 Bruttoregistertons. Unter den transatlantischen Dampfern befinden sich drei Schnelldampfer von je 45005000 t Brutto⸗, circa 3000 t Netto-Raumgehalt, mit je 15—1700 Pferde⸗ „kräften. Im J. 1884 wurden weitere zwei dieser nmächtigen, auch mit besonderm Comfort, unter annderm elektrischem Licht in allen Räumen, ausgestatteten Dampfschiffe in Fahrt gestellt, sodaß die Gesell⸗ „schaft jetzt in der Lage ist, außer ihren regelmäßigen Passagierdampfern allwöchentlich einen Schnelledampfer nach Neuyork abzufertigen. Die Gesellschaft besitzt in Bremerhaven ein eigenes Trockendock, 8Reparaturwerkstätten u. dgl., üherdies in Hoboken n(Reuyork) ihren eigenen Pier als Anlegeplatz für ihre Dampfer. Außer der Beteiligung an dem Risiko nihrer eigenen Schiffe betreibt die Gesellschaft auch in Ubeschränkten Grenzen das Versicherungsgeschäft.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 133Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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