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GeschichteBrockhaus 1882

Lucca, bis 1847 ein souveränes Fürstentum, seitdem mit Toscana vereinigt, mit welchem es 1860 an das Königreich Italien kam, ist begrenzt vom Mittelländischen Meer und von den Provinzen Massa e Carrara, Modena, Florenz und Pisa und bildet gegenwärtig eine ital. Provinz von 1410,2 qkm mit (1881) 301 474 E. An den Grenzen streichen die Apenninen hin; der einzige Fluß ist der nicht schiffbare Serchio. Der Boden ist trefflich angebaut. Die Hauptprodukte sind Oliven, Obst, Kastanien, Mandeln, Pomeranzen, Citronen und Feigen, auch wird der Maulbeerbaum eifrig gezogen; das Getreide dagegen reicht nicht zum Bedarf aus. Außerdem zieht man guten Wein, und das lucchesische ol ist das vorzüglichste in Italien. Ebenso sind der Seidenbau und die Viehzucht von Wichtigkeit. — Das Gebiet von L. war ursprünglich (seit 178 v. Chr.) eine Kolonie der Römer, welche mit dem Sturze des longobard. Reichs 774 durch Karl d. Gr. unter fränk. und durch Otto d. Gr. 962 unter deutsche Hoheit kam. Seitdem wurde es von verschiedenen Familien beherrscht. Ludwig der Bayer ernannte 1327 den tapfern Castruccio Castracane zum Herzog von L., der die Stadt zu großer Macht erhob. Nach manchem Herrscherwechsel an Florenz verkauft, erlangte es endlich 1369 vom Kaiser Karl IV. für Geld als Republik seine Freiheit, welche es, oft mit Florenz im Kriege, bis 1797 behauptete, wo es, von den Franzosen erobert, sich eine neue Verfassung aufdringen lassen mußte. Mit Piombino vereinigt, wurde es 1805 als Fürstentum dem Schwager Napoleons I., Bacciocchi, zugeteilt, 1815 aber durch den Wiener Kongreß der Infantin Marie Luise (s. d.), der Tochter König Karls IV. von Spanien und Witwe des ehemaligen Königs von Etrurien (s. d.), und deren Kindern unter dem Titel eines Herzogtums mit völliger Souveränetät bis dahin überlassen, wo diese mit ihrer Familie wieder zum Besitze Parmas, das auf Lebenszeit die Witwe Napoleons 1., Marie Luise, erhielt, gelangen würde. In diesem Falle sollte L. an Toscana gelangen. Doch erst 1818, nachdem der Infantin der Rückfall von Parma völlig zugesichert worden, trat sie die Regierung an. Ihr folgte 13. März 1824 der Sohn Karl II. (s. d.), welcher in den Unruhen von 1847 das Land 15. Sept. verließ und 7. Okt. abdankte, worauf Toscana 11. Okt. von L. Besitz nahm. Doch erst 18. Dez., nach denn Tode der Witwe Napoleons I., Marie Luise, trat Herzag Karl, den Verträgen gemäß, die Regierung in Parma (s. d.) an. L. wurde 1860 gleich den übrigen Staaten von Sardinien annektiert. Die Stadt Lucca, früher die Hauptstadt des Fürstentums, jetzt der Provinz, Sitz eines Erzbischofs, der Präfektur, eines Appellhofs und eines Tribunals erster Instanz, Station der Linie Florenz-Pistoja-Pisa der Oberitalienischen Bahnen, in einer von Bergen umgebenen fruchtbaren Ebene, zählt (Ende 1881) 20 421 E. (mit dem Stadtgebiet 70399). Der Ort, von Wällen umschlossen, die angenehme Spaziergänge bilden, hat krumme und enge Straßen, sowie unansehnliche Häuser. Die Domkirche San-Martino, groß und alt, von 1063, ist reich an vollendeten Kunstwerken und hat ein wichtiges Archiv, der frühere herzogl. Residenzpalast aber ist unvollendet; das in der Nähe gelegene Lustschloß Villa di Marlia ist ein prächtiges Gebäude. Es bestehen eine königl. Akademie für Wissenschaften, Litteratur und Künste (1684 begründet), eine andere, den ähnlichen Zweck verfolgende Akademie (Accademia dei filomati), eine königl. Kunstakademie, ein Lyceum, ein Gymnäsium und eine öffentliche Bibliothek von 50000 Bänden. Eine schöne Wasserleitung von 459 Bogen ward von der Fürstin Bacciocchi begonnen und später fortgeführt. Die Stadt hat Seiden⸗, Samt⸗, Baumwoll⸗- und Tuchfabriken, Eisengießerei, Glas- und Strohpapierfabriken, und treibt starken Handel mit Seide und Öl, sowie fleißigen Felddbau. Von Altertümern der ursprünglich ligurischen, zur Zeit des zweiten Punischen Kriegs unter die Herrschaft der Römer gekommenen Stadt L. sieht man die Reste eines großen Amphitheaters von 54 Arkaden für jedes Stockwerk. In der Nähe der Stadt gibt es viele herrliche Villen und die berühmten heißen Mineralbäder von L. (S. unter Bagno.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 209Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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