Ludwig XV., König von Frankreich 1715—74, Urenkel und Nachfolger Ludwigs XIV. und Sohn des Dauphin Louis, Herzogs von Bourgogne, wurde 15. Febr. 1710 geboren. Als ihm 1. Sept. 1715 die Krone zufiel, übernahm der Herzog von Orléans (s. d.) als erster Prinz von Geblüt die Regentschaft. Der junge König war äußerst schwächlich und erhielt den unfähigen Marschall Villeroi zum Erzieher, den Kardinal Fleury zum Lehrer. Während der Leichtsinn des Regenten und die Kreditoperation des Schotten Law die Monarchie vollends dem Abgrunde zuführten, erzogen diese Männer den König zum bigotten und folgsamen Werkzeuge. Auf Fleurys Rat erhielt nach Orléans' Tode, 2. Dez. 1723, der Herzog von Bourbon die Leitung der Geschäfte. Derselbe vermählte ihn 16. Aug. 1725 mit Maria Leszezynska, der Tochter des entthronten Königs Stanislaus von Polen. Schon 1726 vertrieb Fleury den Herzog von Bourbon vom Staatsruder, um es selbst zu ergreifen. Er hob durch Sparsamkeit die Finanzen, verfolgte nach außen eine Friedenspolitik, sah sich aber doch in den Kampf um die Krone Polens verwickelt. Im Interesse seines Schwiegervaters verband sich L. mit Spanien und Savoyen gegen den Kaiser und sandte im Okt. 1733 Berwick mit einem starken Korps über den Rhein, während de Silly Lothringen nahm und Villars nach Italien aufbrach. Dennoch blieb die Sache Stanislaus'verloren, und Frankreich schloß 31.Dez. 1738 mit dem Kaiser den Frieden zu Wien. L. gab die Eroberungen am Rhein zurück, erhielt dagegen für den Schwiegervater Lothringen, welches nach dessen Tode an Frankreich fallen sollte. Der junge König war bereits beim Volke Gegenstand der Verachtung geworden. Er umgab sich mit verworfener Gesellschaft, verließ seine Gemahlin und nahm hintereinander die vier Schwestern Mailly zu Maitressen. Im J. 1740 starb Kaiser Karl VI., und der Ssterreichische Erbfolgekrieg (s. d.) brach aus. Auch Frankreich hatte die Pragmatische Sanktion (s. d.) garantiert, suchte aber jetzt die Lage des Hauses Habsburg zu dessen Zertrümmerung zu benutzen und unterstützte statt Maria Theresia den Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern zur Erlangung des Kaiserthrons. Fhein im Juli führte Belleisle ein Korps über den Rhein, vereinigte sich mit dem Kurfürsten von Bayern und drang durch Oberösterreich nach Böhmen ein, während sich der Marschall Maillebois nach Westfalen wandte. Obschon der Kurfürst als Karl VII. zum Kaiser erwählt wurde, sah doch Frankreich bald seine Erwartungen scheitern. Fuedrich II. von Preußen söhnte sich mit Maria Theresia aus, und die Franzosen in Böhmen wurden von dem Herzoge Karl von Lothringen so hart bedrängt, daß sie nach der Auslieferung von Prag das Land im Sept. 1743 räumen mußten. Unterdessen war Fleury 29. Jan. 1743 gestorben. L. erhob Orry zum Finanzminister, und Maurepas erhielt das Seewesen, Amelot das Auswärtige, d'Argenson das Kriegsdepartement. Im März nußte der Herzog von Noailles mit einem neuen Heere über den Rhein gehen, der aber 24. Juni bei Dettingen von der pragmatischen Armee geschlagen wurde. Frankreich, das den Krieg bisher im Namen Karls VII. geführt, trat nun selbständig auf und erklärte den Krieg gegen England, dessen Verbündeten, Sardinien, und Maria Theresia. Der König selbst drang in Begleitung Noailles' mit 100000 Mann in die Niederlande ein. Er eroberte die Barrierenplätze und wandte sich im Juni 1744 nach dem Elsaß. In seiner Gegenwart eroberte hierauf Coigny im November Freiburg, und der Bruder Belleisles nahm Konstanz und die vier Waldstädte. Auch in dem Feldzug von 1745 begab sich L. nach den Niederlanden, wo der Marschall Moritz von Sachsen die Belagerung von Tournai eröffnet hatte. Der große Sieg über die Verbündeten bei Fontenoi, 11. Mai, hatte die Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. Einnahme der wichtigsten Plätze zur Folge. In Italien eroberte Maillebois Mailand 19 Parmd. Obschon Frankreich im Frieden zu Dresden zum zweiten mal seinen Verbündeten, den König von Preußen, verlor, beschloß doch L., den Krieg gegen Osterreich und England fortzusetzen. Von Frankreich unterstützt, mußte der engl. Prätendent Eduard im Juli 1745 in Schottland landen. Die franz. Armee unter Moritz von Sachsen machte so außerordentliche Fortschritte, daß der Kaiserin im Herbst von den Niederlanden nichts blieb als Luxemburg und Limburg. Dennoch stimmten die Unfälle der bourbonischen Truppen in Italien den König für den Frieden, und er willigte im Okt. 1746 in die Eröffnung des Kongresses zu Breda. Um den Unterhandlungen Nachdruck zu geben, mußte der General Löwendal im April 1747 in Holländisch-Flandern einbrechen, was jedoch zur Erneuerung des Kampfes führte. Die Franzosen schlugen die Verbündeten 2. Juli bei Laffeld unweit Mastricht und eroberten nach harter Belagerung 16. Sept. das starke Bergenop-Zoom. Dagegen gefährdete die brit. Flotte die franz. Kolonien in Ost- und Westindien. Als auch Elisabeth von Rußland die österr. Partei ergriff, schloß L. den Frieden zu Aachen 18. Okt. 1748. Während das Parlament seinen langen Streit mit dem Klerus zu Gunsten des Jansenismus führte, versank L. unter der Herrschaft der Pompadour, welche die Geliebte und Kupplerin zugleich spielte, in das unwürdigste Serailleben. Bald nach dem Frieden zu Aachen brach auch der Kampf zwischen England und Frankreich um die Herrschaft in Nordamerika und Ostindien wieder aus. Am 20. April 1756 landete der Herzog von Richelieu auf Minorca und eroberte 29. Juni Port-Mahon. Auch an dem Landkriege in Deutschland sollte Frankreich teilnehmen. Nach dem Sturze Maurepas' (April 1749) nämlich, an dessen Stelle der unfähige Rouillier trat, arbeitete die Pompadour unablässig an einem Bündnisse Frankreichs mit Osterreich. Dieser Bund, welcher das polit. . Mat⸗ Frankreichs von Grund aus änderte, kam 1. Mai 1756 wirklich zu Stande. Aber der Siebenjährige Krieg, der nun gegen Preußen zu Lande und gegen England zur See auszufechten war, führte gegen jenes zu den Niederlagen von Roßbach, Krefeld, Minden, gegen dieses zu den vernichtenden Schlägen von Quiberon, Quebee, Belleisle und zu dem Verlust der schönsten Kolonien: Canada, die meisten westind. Inseln und außer Pondichery und Mahe ganz Ostindien wurden an England im Pariser Frieden (10. Febr. 1763) abgetreten; das Bündnis mit Spanien, welches L.s Minister, der Herzog von Choiseul, im Aug. 1761 schloß, verwickelte den bourbonischen Nachbarstaat nur in die franz. Niederlagen und Verluste. Der König blieb bei alledem in Trägheit versunken. Selbst ein Mordversuch, den 1757 ein Fanatiker, Damiens, auf ihn machte, konnte ihn nicht emporreißen. Mehr bewegte ihn der Kampf, den die von jansenistischen Sympathien erfüllten Parlamente gegen die Jesuiten begannen. Choiseul, der seit Aug. 1758 erster Minister war, wollte sich anfangs neutral halten und den Ordensgeneral Ricci zu Reformen des Ordens bestimmen. Der aber setzte ihm sein starres «sit, ut sunt, aut non sinto entgegen, und so ward in Frankreich die Verfolgung gegen den Orden von oben her begonnen. Im Nov. 1764 ward der Orden für Frankreich aufgehoben, 9 J. vor der Bulle Dominus ac redemptor noster, welche die völlige Aufhebung des Ordens aussprach. Es war ein Sieg der Parlamente, der sich zugleich gegen die Monarchie richtete; denn die Parlamente und vor allen das von Paris stellten sich als die Vertreter des nationalen Willens gegenüber der königl. Willkür auf. Als Hebel ihrer Macht benutzten sie das alte Recht, die Einregistrierung der Steueredikte in ihre Akten zu verweigern. Die Regierung mußte ihre Steueredikte, zu denen die wachsende Finanznot sie trieb, durch wiederholte Lits de justice (s. d.) und mit militärischer Gewalt erzwingen. Als sich die Parlamente als eine vereinigte nationale Körperschaft konstituierten (1766), erklärte die Regierung das für null und nichtig. Der Sturz Choiseuls (1770) bestärkte die Regierung, welche jetzt Maupeou übernahm, nur in ihrer Haltung. Auf seinen und des verhaßten Abbeé Terray Rat setzte L. die Parlamentsräte ab und schickte sie in Verbannung. Er setzte hierauf ein Interimsparlament und sechs Obergerichte ein, welche die Justiz verwalten sollten. Diese Gewaltstreiche brachten die Nation in die heftigste Bewegung und steigerten die Verachtung gegen den Hof. L. hingegen widmete sich in der letzten Zeit gänzlich der Jagd und seinen Maitressen. Da er ernste Beschäftigungen scheute, griff er oft aus Langeweile zu den seltsamsten Zerstreuungen. Er druckte nicht nur Bücher, sondern wollte auch als der beste Koch in seinem Reiche gelten. Schon lange war er zufolge seiner Ausschweifungen mit einer geheimen Krankheit behaftet. In diesem Zustande bekam er durch ein junges Mädchen die Kinderblattern, an welchen er 10. Mai 1774 starb. Die Nation freute sich über die Erlösung, und der Pöbel feierte sein Begräbnis durch Pasquille und Gassenlieder. Sein einziger Sohn war 20. Dez. 1765, seine Gemahlin 24. Juni 1768 gestorben. Ihm folgte sein Enkel, Ludwig XVI. auf dem Throne. gl. Barbier, Chronique de la régence et du rgne de Louis XVo (zuletzt, 8 Bde., Par. 1866); Boutaric, «Correspondance inédite de Louis XV sur la politique étrangères (2 Bde., Par. 1866); Lemontey, Ilistoire de la régence et de la minorité de Louis XVy (2 Bde., Par. 1832); Capefigue, (Louis XVet la société du 18° siècles (4 Bde., Par. 1842); Tocqueville, Histoire philosophique du règne de Louis XVy (2 Bde., Par. 1847); Michelet, Louis XV. 1724—575 (Par. 1866); Jobez, „La France sous Louis XVo (5 Bde., Par. 1864 —69); Compardon, «Madame de Pompadour et la cour de Louis XV (Par. 1868); Bonhomme, „Louis XVet sa famillen (1873); Pajol, «Les guerres sous Louis XVY (2 Bde., Par. 1881—-83).