FeedLudwig XVI. (August)
GeschichteBrockhaus 1882

Ludwig XVI. (August), König von Frankreich 1774—92, der dritte Sohn des Dauphin Ludwig aus der Ehe mit Marie Josephe von Sachsen, wurde 23. Aug. 1754 geboren und empfing den Titel eines Herzogs von Berri. Nach dem Tode seiner ältern Brüder verlor er 1765 den Vater und bald darauf auch die Mutter. Der Prinz besaß von Natur einen starken Körper, viel Herzensgüte, aber geringen Verstand und noch weniger Willenskraft. Der Herzog von Vauguyon, der seine und seiner jüngern Brüder, der Grafen von Provence (Ludwigs XVIII.) und Artois (Karls X.), Erziehung leitete, erzog ihn in Frömmigkeit. Für die Wissenschaften zeigte L. wenig Sinn, dagegen große Vorliebe für mechan. Arbeiten. Obschon in der Atmosphäre des verdorbensten Hofs erzogen, bewahrte er einfache, reine Sitten, zeigte Rechts⸗ und Pflichtgefühl, haßte den Luxus und hatte ein warmes Herz für die arbeitenden Klassen. Seine Vermählung mit Marie Antoinette (s. d.), 10. Mai 1770, war von einem furchtbaren Zufall begleitet. Bei einem Feuerwerk, welches die Hauptstadt am 16. zur Feier abbrannte, entstand ein Gedränge, in welchem Tausende beschädigt, 300 getötet wurden. Der bestürzte Prinz that alles nur Mögliche und wies viele Monate seine Apanage an, um die Verunglückten zu unterstützen. Nach dem am 10. Mai 1774 erfolgten Tode Ludwigs XV. trat L. die Regierung an; Maurepas wurde erster Minister. Die neue Regierung erweckte große Hoffnungen, da patriot. Männer, wie Vergennes, Saint-Germain, Malesherbes und Turgot, die Geschäfte übernahmen. Nach der Krönung zu Rheims, 11. Juni 1775, sah der König schon die Schwierigkeiten seiner Stellung wachsen. Ein Edikt, das die Wegebaufronen, ein anderes, das den Zunftzwang abschaffte, konnten von den durch Turgot wiederhergestellten Parlamenten nur durch ein Lit de justice durchgesetzt werden, und Turgot mußte bald darauf mit Malesherbes aus der Verwaltung scheiden. Nach der kurzen reaktionären Finanzverwaltung Clugnys, der das Gesetz über die Aufhebung der Fronen suspendierte, die Befreiung der Industrie widerrief, trat 1776 Necker an die Spitze der Finanzverwaltung, die er durch geschickt kontrahierte Anleihen zu heben suchte, die aber bei den wachsenden Ansprüchen des Kriegs bald in noch schlimmere Zerrüttung kamen. Als er wieder auf die Finanzpolitik Turgots zurückgriff, empörte er die feudalen Kreise, verlor die Gunst der öffentlichen Meinung und ward Mai 1781 beseitigt. Nach den ebenfalls vergeblichen Versuchen Fleurys und d'Ormessons übernahm Okt. 1783 Calonne das Amt als Generalkontrolleur. Als es infolge dessen verschwenderischer Verwaltung mit dem Kredit völlig zu Ende war, sah er sich genötigt, eine Notabelnversammlung zu neuen Reformen im Sinne Turgots einzuladen (Febr. 1787). Diese stürzte zunächst ihn selbst. Der König übergab die Finanzen 1. Mai 1787 dem unfähigen Loménie de Brienne, der von den Notabeln die Einwilligung zu einer allgemeinen Grundsteuer, zur Stempeltaxe und zur Einführung von Provinzialversammlungen erhielt. Hierauf verweigerte das Parlament die Bestätigung der Reformedikte, und zwar nicht ohne Zuthun derer, die sie bewilligt hatten. In den Diskussionen sowohl der Notabeln wie des Parlaments wurde die Verschwendung des Hofs rücksichtslos aufgedeckt und zum ersten mal Reichsstände verlangt. Der König ging indes auf die Berufung der Stände nicht ein, sondern erzwang durch ein Lit de justice 6. Aug. 1787 die Einregistrierung der Edikte und verbannte das Parlament nach Troyes. Bald darauf gab er dem Parlament das Versprechen, daß er die Reichsstände binnen fünf Jahren zusammenberufen wolle, verlangte aber für die Zwischenzeit die Bewilligung einer bedeutenden Anleihe und rief das Parlament unter dieser Bedingung zurück. Das Parlament verweigerte jedoch seine Zustimmung zur Anleihe, und der Herzog Philipp von Orléans protestierte in einem Lit de justice 19. Nov. 1787 gegen die erzwungene Einregistrierung des Edikts. Der König, aufs höchste erbittert, verbannte den Prinzen und ließ mehrere Parlamentsmitglieder verhaften. Auf Veranlassung Briennes erschien endlich das Edikt vom 8. Mai 1788, welches die Parlamente auflöste und an deren Stelle die Cour plénière einrichtete. Darüber bemächtigte sich der Nation eine tiefgehende Aufregung, und Brienne glaubte sich nur dadurch retten zu können, daß er in dem Edikt vom 8. Aug. 1788 die Generalstände auf 1. Mai des nächsten Jahres berief. Wenige Wochen darauf, am 26. Aug., dankte er selbst ab und Necker trat sein zweites Ministerium an. Im Gegensatz zu den Beschlüssen einer neuen, im November berufenen Notabelnversammlung bewog er den König zur Verdoppelung des dritten Standes. Am 5. Mai 1789 wurden die Generalstände in Versailles eröffnet; nach nutzlosen Verhandlungen,‚ vergeblichen Protesten der obern Stände, des Königs und der Minister, erklärte sich der dritte Stand als Vertretung der Nation und erzwang in revolutionärem Vorgehen die Anerkennung einer konstituierenden Nationalversammlung. Der König war dabei ein willenloses Werkzeug der Parteien. Der Bastillesturm vereitelte den letzten Versuch der Feudalpartei, durch Entlassung Neckers und Aufbieten der Truppen die Revolution zu hemmen. L. unternahm 17. Juli die gefährliche Reise nach Paris und bestätigte die Errichtung der revolutionären Autoritäten und der Nationalgarde. Auch wurde Necker zurückgerufen, ein Entwurf der Menschenrechte, welcher die Konstitution einleiten sollte, diskutiert und die zwei ersten Kapitel derselben votiert. ber den Artikel des suspensiven oder absoluten Vetos geriet die Krone mit dem Parlament im September wieder in Konflikt. In Paris entstand eine neue Bewegung, und ein zufälliger Umstand trug dazu bei, daß endlich die Revolution mit voller Wut ausbrach. Neben der Bürgermiliz und der Leibgarde hatte der Hof zur Sicherung des Schlosses das Regiment Flandern nach Versailles rufen lassen, bei welcher Gelegenheit die Miliz wie die Gardisten den Offizieren des Regiments ein Fest gaben. Zu Ende des Mahls trank man auf das Wohl der königl. Familie, nicht aber auf das der Nation. Diese unpatriotische Stimmung soll, wie die revolutionäre Presse behauptete, als auch die Königin, ihre Kinder und ihren Gemahl mit sich führend, bei dem Gastmahl erschien, bis zur Beschimpfung der Nationalfarben geführt haben. Auf die Kunde hiervon rotteten sich am Morgen des 5. Okt. in der Hauptstadt wütende Haufen, darunter viele Weiber, zusammen und zwangen Lafayette, an der Spitze von 40000Nationalgarden und abgefallenen königl. Garden mit nach Versailles zu ziehen. Gegen Abend traf der Zug ein. Man forderte von der Rationalversammlung Brot und die Bestrafung der Offiziere, welche die Nationalfarben beschimpft hätten. Eine Deputation der Versammlung, begleitet von zwölf Weibern, begab sich zum König, der die möglichste Abstellung der Hungersnot versprechen, der Deputation aber die Bestätigung des suspensiven Vetos bewilligen mußte. Schon schien die Gefahr beseitigt, als am andern Morgen eine aufgereizte Menge sich auf das Schloß stürzte, einzelne Gardisten ermordete und sogar in das Zimmer der Königin drang, die kaum aus dem Bett zu ihrem Gemahl entfliehen konnte. In der Wut durchstach man das Bett und drang dann gegen das Zimmer des Königs vor; allein die Soldaten Lafayettes trieben endlich den Haufen aus dem Schlosse. Als hierauf der Pöbel Anstalten traf, die gefangenen Gardisten an dem Gitterwerk des Schlosses aufzuknüpfen, erschien der König auf dem Balkon und bat für seine Gardisten um Gnade. Auf dieses Wort und die Versicherung L.s, daß er mit nach Paris ziehen werde, ließen die Rasenden von ihrem Vorhaben ab. Um 1 Uhr nachmittags fuhr der König mit seiner Familie, begleitet von der pariser Nationalgarde und den Pöbelhaufen, Welche die gefangenen Gardisten und die Köpfe der Ermordeten auf Piken mit sich führten, der Hauptstadt zu; die Nationalversammlung nahm seit den. 19. Okt. ebenfalls ihren Sitz in Paris. Der König verfiel in gänzliche Apathie. Die Nationalversammlung dekretierte, der König bestätigte und beschwor 14. Juli 1790 die Grundzüge der neuen Verfassung. Als er sich 18. April 1791 mit seiner Familie zur Osterfeier nach St.⸗Cloud begeben wollte, hielt ihn eine wütende Menge zurück, weil man wußte, daß die Anhänger des Hofs Fluchtpläne hegten. In der That traf der Marschall Bouillé Anstalten, die königl. Familie zu seinen Truppen an die lothring. Grenze zu bringen, wo man die Kontrerevolution beginnen wollte. In der Nacht vom 20. zum 21. Juni reiste demnach L. mit seiner Gemahlin, seiner Schwester und seinen beiden Kindern heimlich aus Paris ab und schlug die Straße nach Montmedy ein. Erst früh gegen 9 Uhr wurde die Abreise bekannt. Der Wagen war bis nach Varennes gelangt, wo der Postmeister Drouet (s. d.) den König erkannte und ihn festhalten ließ. In der Begleitung einer aufgeregten, nach Tausenden zählenden Menge trat L. die Rückreise nach Paris an. Nachdem ihm hier die Nationalversammlung die Krone wieder zugesprochen, beschwor er 14. ept. 1791 die inzwischen vollendete neue Verfassung. Willenlos ergab er sich in sein Schicksal. Er ließ sich die Unterstützung der Girondisten in der neuen gesetzgebenden Nationalversammlung gefallen, nahm aus dieser Partei seine Minister, willigte in die Maßregeln gegen seine emigrierten Brüder und erklärte sogar an Osterreich den Krieg. Einmal in der Macht, suchte die Gironde alle entgegenstehenden Elemente, die sich damals in der pariser Nationalgarde gesammelt und um Lafayette geschart hielten, auszutilgen. Zwar gelang es letztern, mit Hilfe Dumouriez', vom König und der Königin unterstützt, am 13. Juni 1792 die Girondisten noch einmal aus dem Ministerium zu verdrängen; aber das war nur das Signal zu neuer Anspannung der revolutionären Kräfte, die sich in dem Aufstand vom 20. Juni offenbarten. Als der Pöbel in die Tuilerien eindrang, ließ L., nur von einigen Dienern umgeben, die Thüren öffnen und ertrug mit Ruhe die Beschimpfungen der Menge. Der von den Jakobinern sodann förmlich organisierte Aufstand vom 10. Aug. traf Hof und König nicht ohne Vorbereitung. Das Schloß war mit Linientruppen und Nationalgarden umgeben; das Innere verteidigten 1600 Schweizer. Doch war auf die Truppen und Nationalgarden kein Verlaß, sodaß der König auf den Rat des Gemeindeprokurators Röderer mit seiner Familie Schutz in dem Schoße der Nationalversammlung suchte. Hier vernahm er alsbald die Stürmung der Tuilerien und schickte den Schweizern den Befehl, die Verteidigung des Schlosses aufzugeben. Am 11., um 1 Uhr des Morgens, brachte man endlich den König als Gefangenen mit seiner Familie nach dem Palast Luxembourg und von hier nach einigen Tagen in den festen Turm des Temple. Die eigentliche Absetzung und das Gericht über den Unglücklichen überließ die Versammlung dem 21. Sept. zusammentretenden Nationalkonvent. Nachdem der Konvent Frankreich zur Republik umgewandelt, begannen die Verhandlungen über das Schicksal des Königs. Am 11. Dez. erschien L. vor den Schranlen der Versammlung. Er verteidigte sich in würdiger Haltung mit dem Hinweis auf sein konstitutionelles Recht. Am 26. Dez. erschien er zum zweiten mal vor den Schranken und nahm, nachdem Un Desoze verteidigt, selbst das Wort, um seine nschuld zu beteuern. Der Konvent erklärte zunächst Ludwig Capet, wie man den König hieß, der Verschwörung gegen den Staat und die Sicherheit der Nation schuldig. Seit dem 16. Jan. wurde unter dem Zudrange wütender Pöbelmassen uber die Strafe selbst entschieden und am 19. das Todes—⸗ urteil ohne Aufschub und Appellation mit 383 gegen 310 Stimmen ausgesprochen. Nachdem er die Nacht vom 20. ruhig geschlafen und die Tröstung der Religion empfangen, bestieg er 21. Jan. 1793 den Wagen des Maire, der ihn auf den Revolutionsplatz brachte. Als ihn die Henker gebunden, riß er sich los und rief dem Volke zu: 4 Franzosen, ich sterbe unschuldig; ich wünsche, daß mein Blut nicht über Frankreich komme » Hierauf fiel sein Haupt unter der Guillotine. Sein Leichnam wurde auf dem Kirchhof Ste.Madeleine neben den Gräbern der bei seiner Vermählung Verunglückten und der am 10. Aug. gefallenen Schweizer bestattet, nach der Restauration 1815 aber wieder ausgegraben und nach Saint-Denis in die Königsgruft der Kathedrale gebracht. Nach den Bestimmungen seines Testaments erklärte sein Bruder, der Graf von Provence, den Dauphin als Ludwig XVII. (s. d.) zum König, den die fremden Mächte auch anerkannten. Vgl. Soulavie, „Mémoires historigues et politiques du regneé de Louis XVIH (6, Bde., Par. 1801); Moleville, Histoire de la révolution de France, pendant jes dernières années du règne de Louis XVIo (10 Bde., Par. 1801); Bournisseaur, „Ilistoire de Louis XVIY (4 Bde., Par. 1829); Droz, Hlistoire du regne de Louis XVIy (3 Bde., Par. 1839—40); Capesigue, Louis XVIy (4 Bde., Par. 1844); Feuillet de Conches,Louis XVI,Marie-Antoinette éet Mme. Elisabeth. Lettres et documents inéditeso (6 Bde., Par. 1864 —73), gibt vielsach unechtes Material; Nicolardot veröffentlichte ein „Journal de Louis XVIV (Par. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 226Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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