Ludwig XVIII. (Stanislaus Xaver), König von Frankreich 1814—24, geb. zu Versailles 17.Nov. 1755, war der vierte Sohn des Dauphin Ludwig, des einzigen Sohnes Ludwigs XV., aus der Ehe mit Marie Josephe von Sachsen. Er erhielt den Titel eines Grafen von Provence und hatte mit seinen Brüdern, dem Herzog von Berri (Ludwig XVI.) und dem Grafen von Artois (Karl X.), den Herzog de la Vauguyon zum Erzieher. Er verheiratete sich 1771 mit Marie Josephine Luise, der Tochter Victor Amadeus' III. von Sardinien. In der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1791 begab er sich zugleich mit dem König auf die Flucht und gelangte unangefochten nach Brüssel. Jetzt erklärte er sich offen gegen die Nationalversammlung, rief die Hilfe der fremden Mächte an und sprach mit seinem Bruder Artois durch die Deklaration von Pillnitz dem König das Recht ab, die Konstitution anzunehmen. Diese feindseligen Schritte der Prinzen, um die sich zu Koblenz ein förmlicher Hof bildete, ihr Eifer in der Bildung eines Emigrantenheers richteten Ludwig XVI. vollends zu Grunde. Dur Dekret vom 16. Jan. 1792 erklärte die Nationalversammlung den Grafen von Provence des Rechts auf die Thronfolge verlustig. Im Juli 1792 vereinigte der Prinz ein Emigrantenkorps von 6000 Mann mit dem preuß. Invasionskorps. Nach dem Rückzuge aus der Champagne wandte er sich nach Hamm in Westfalen. Auf die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVIᷓI. veröffentlichte er ein Manifest, in welchem er den Dauphin als Ludwig XVII. ausrief, sich selbst aber zum Regenten und den Grafen Artois zum Generallieutenant ernannte. Er verlegte nun seinen Hof nach Verona und nannte sich Graf von Lille. Nach dem Tode seines Neffen, des sog. Ludwig XVII., nahm er 1795 den Königstitel an. Die Drohungen, welche Bonaparte an die venet. Republik richtete, hatten die Ausweisung des Prinzen zur Folge. Er ging im April 1796 über den St. Gotthard und vereinigte sich mit dem Korps des Prinzen Condé, das mit der österr. Armee verbunden war, begab sich aber bald darauf nach Dillingen in Schwaben, wo er von einem franz. Meuchelmörder einen Streifschuß am Scheitel erhielt, und dann nach Blankenburg im Braunschweigischen. Nach den Ereignissen vom 18. Fructidor (1797) in Frankreich gewährte ihm der Kaiser Paul ein Asyl zu Mitau, wo er im März 1798 eintraf. Die Verhandlung Pauls mit der franz. Konsularregierung hatte jedoch zur Folge, daß der Graf Lille Mitau 1801 verlassen mußte, worauf er sich mit Bewilligung Preußens nach Warschau wandte. Mit Genehmigung des Kaisers Alexander I. kehrte er w1805 nach Mitau zurück, aber der Friede zu Tilsit nötigte ihn, 1807 Zuflucht in England zu suchen, wo sich auch der Graf Artois seit 1796 aufhielt. Hier kaufte er 1809 das Schloß Hartwell (Grafschaft Buckingham), das er fortan bewohnte und wo 1810 seine Gemahlin starb. Als der Sturz Napoleons JI. in Aussicht stand, erließ er mit dem Grafen von Artois und dem Herzog von Angouléme eine vom 1. Febr. 1814 datierte Proklamation, in welcher er liberale Institutionen versprach. Der Senat ernannte hierauf eine Provisorische Regierung, an deren Spitze Talleyrand stand. Diese veröffentlichte einen vom Senat 5. April 1814 angenommenen Konstitutionsentwurf, nach welchem die Bourbons auf den Thron zurückgerufen wurden. Ein anderes Senatsdekret vom 4. April übertrug vorläufig dem Grafen von Artois die Statthalterschaft. L. landete 26. April zu Calais, hielt 3. Mai als König von Frankreich seinen Einzug in Paris und erließ 4. Juni die konstitutionelle Charte. (S. Frankreich.) L. würde sich bei der Milde seiner Gesinnung mit dem neuen Zustande versöhnt haben, hätte sich nicht die alte Adels- und Priesterpartei, an ihrer Spitze der Graf Artois, zwischen das Volk und den schwachen Monarchen gestellt. Die wichtigsten Bestimmungen der Charte, Preßfreiheit, Eigentumsrecht, Rechtsschutz, wurden sogleich mit Füßen getreten und die Anhänger des Kaisers, die Republikaner und die Protestanten verfolgt. Erst auf die Nachricht von der Landung Napoleons lenkte der König selbst um, beschwor aufs neue die Charte und erließ vergeblich freisinnige Proklamationen. Bei der Annäherung Napoleons floh er mit seiner Familie in der Nacht vom 19. zum 20. März 1815 nach Lille, von wo aus er sich 23. März über Ostende nach Gent begab. Nach der Schlacht von Waterloo erließ L. zu Cambrai eine Proklamation vom 25. Juni, in welcher er eine allgemeine Amnestie, mii Ausnahme der Verräter, und die Sicherung der Charte durch neue Bürgschaften versprach. Unter dem Schutze des Herzogs von Wellington hielt er 9. Juli 1815 seinen Einzug in Paris. Dennoch ließ er sich von der alten Partei unterjochen und gab damit die Staatsgewalt dem maßlosesten Fanatismus preis. Die am 7. Okt. eröffnete Kammer (4Chambre introuvableo) war mit ultraroyalistischen Fanatikern so angefüllt, daß der Herzog von Richelieu dem König riet, dieselbe (5. Sept. 1816) aufzulösen. Dieser Maßregel folgten royalistische Komplotte, welche den Umsturz der Charte und die Entthronung L.s zum Zwecke hatten. Kaum war es dem Ministerium Decazes gelungen, den Sturm etwas zu besänftigen, als die Ermordung des Herzogs von Berri (s. d.), 13. Febr. 1820, der ultraroyalistischen Partei aufs neue Stärke verlieh. Zur Stärkung der Legitimität ließ sich auch der König 1823 noch zu dem ruhmlosen Feldzuge nach Spanien verleiten. Er starb 16. Sept. 1824. Die (Mémoires de Louis XVIII (12 Bde., Par. 1832 sind ein apokryphes Werk, welches mehrern Autoren sein Entstehen verdankt.