FeedLudwig Philipp
GeschichteBrockhaus 1882

Ludwig Philipp, König der Franzosen 1830 —48, geb. zu Paris 6. Okt. 1773, war der älteste Sohn des Herzogs Ludwig Philipp Joseph von Orléans (s. d.) und der Prinzessin Louise Marie Adelaide von Penthievre. Bei der Geburt erhielt er den Titel eines Herzogs von Valois, 1785 den eines Herzogs von Chartres. Im J. 1782 übertrug sein Vater die Erziehung seiner Kinder der Frau von Genlis. Beim Ausbruch der Revolution trat L. in die Nationalgarde und nach dem Beispiel seines Vaters 1. Nov. 1790 in den Klub der Jakobiner. Am 7. Mai 1792 zum Mareéchal-de-Camp ernannt, befehligte er in der Armee Luckners eine Kavalleriebrigade, stieg dann unter Kellermann 7. Sept. zum Generallieutenant und wohnte als solcher 20. Sept. der Kanonade von Valmy bei. Hierauf trat er in die Armee Dumouriez' über und gewann mit diesem gemeinschaftlich 6. Nov. die Schlacht bei Jemappes. Zufolge der Creignisse vom 10. Aug. 1792 hatte der Prinz seine Titel abgelegt und gleich seinem Vater den Namen Cgalité angenommen. Als der Konvent die Verbannung über alle Bourbons verhing, erlangten Vater und Sohn ein Ausnahmegesetz. Dennoch wurde nach der unglücklichen Schlacht bei Neerwinden (18. März 1793), wo der Prinz das Centrum befehligte, die Lage desselben höchst mißlich. Er wurde in den Verhaftsbefehl gegen Dumouriez eingeschlossen und trat mit demselben 4. April 1793 auf das österr. Gebiet. Später erhielt er die Stelle eines Lehrers der Geographie und Mathematik an der Schule zu Reichenau bei Chur in der Schweiz, begab sich nach der Hinrichtung seines Vaters (6. Nov. 1793) nach Bremgarten zu dem emigrierten General Montesquiou, als dessen Adjutant er unter dem Namen Corby galt. Später machte er eine Reise nach Skandinavien und lebte dann in Hamburg. Seine Mutter, sowie seine beiden Brüder, der Herzog von Montpensier und der Graf Beaujolais, waren inzwischen in Frankreich freigelassen worden. Doch stellte das Direktorium die Bedingung, daß der älteste Prinz Europa verlassen sollte. Der Herzog von Orléans, wie er nach dem Tode seines Vaters hieß, schiffte sich demnach ein und kam 21. Okt. 1796 in Philadelphia an. Infolge des 18. Fructidor mußte die Herzogin-Witwe mit einer Rente nach Spanien auswandern, die jüngern Brüder folgten dem ältesten und landeten im Febr. 1797 in Amerika. Die drei Prinzen bereisten nun die Vereinigten Staaten und schifften sich Anfang 1800 nach England ein, wo sie länger als sieben Jahre im Dorfe Twickenham bei London lebten. Nach dem Tode seiner beiden Brüder reiste L. nach Sicilien an den Hof des Königs Ferdinand I. Dieser sandte ihn mit dem Prinzen Leopold von Salerno nach der span. Küste, um hier die Sache der Bourbons gegen Joseph Bonaparte aufrecht zu erhalten. Die Prinzen landeten zu Gibraltar; aber auf Betrieb Englands wurde Leopold festgehalten und der Herzog von Orléans im Sept. 1808 nach London gebracht, wo er mit Mühe die Erlaubnis zur Rückkehr nach Palermo erhielt. Nach seiner Vermählung daselbst mit der zweiten Tochter des Königs Ferdinand I., Marie Amélie, 25. Nov. 1809, wurde er von der Junta zu Sevilla nach Spanien berufen, wo er an der Spitze eines Heeres Catalonien zum Aufstand bringen sollte. Er schiffte sich 21. Mai 1810 ein und kam zu Tarragona an, fand aber keine Armee und kehrte, von den Cortes dazu auf gefordert, 3. Okt. nach Sicilien zurück. Nach dem Sturze Napoleons reiste er nach Paris und ward von Ludwig XVIII. in seine Güter und Würden wieder eingesetzt und 15. Mai 1814 zum Generaloberst der Husaren ernannt. Auf die Nachricht von Napoleons Rückkehr ging er nach Lyon zur Unterstützung der Operationen des Grafen Artois, kehrte aber, da alle Anstrengungen vergebens, nach Paris zurück und beschwor in der Kammersitzung vom 16. März 1815 mit dem königl. Hause die konstitutionelle Charte. Am 24. März ging er nach Twickenham, wohin er auch nach einem abermaligen Aufenthalt in Paris vom Juli bis Okt. 1815 zurüdtehrte Erst im Febr. 1817 nahm er wieder in Frankreich seinen Aufenthalt, wo sein Hof ein Sammelplatz freisinniger Männer wurde. An den Ereignissen, welche der Revolution von 1830 vorangingen, nahm er keinen Anteil. Als 29. Juli auf dein Stadthause die Absetzung Karls X. ausgesprochen worden, beschloß die Kammer auf Laffittes Vorschlag am 30., dem Herzog von Orléans die Regentschaft als Generallieutenant des Reichs anzutragen. Der Herzog kam hierauf in der Nacht vom 30. zum 31. Juli von seinem Schlosse Neuilly nach Paris, nahm die Würde an und trat auf dem Stadthause dem sog. Juliprogramm bei. Zugleich hatte auch Karl X. mit seiner und des Dauphins Abdankung den Herzog von Orléans zum Generallieutenant des Reichs ernannt. Nachdem er als Regent die Kammern 3. Aug. berufen, beschwor er hierauf 9. Aug. die reform. Charte und bestieg kraft des Beschlusses und der Aufforderung der Kammer vom 7. Aug., der auch die Pairs beigetreten waren, als König der Franzosen den Thron. Während der König nach außen den Frieden mit Eifer zu erhalten strebte, suchte er sich inmitten des innern Parteigewirrs auf die Mittelklasse, deren Repräsentanten in der Kammer ihn auf den Thron berufen, zu stützen, die andern Parteien dagegen durch die Politik des sog. Juste-Milieu niederzuhalten. Doch konnte er die mit der Julirevolution erstarkten Ansprüche der großen demokratischen Partei durch seine Taktik nicht beseitigen. Vielmehr sah er sich bald durch eine Reihe Verschwörungen und Attentate gegen sein Leben bedroht. Wiewohl unter solchen Verhältnissen jede wahrhafte polit. Entwickelung unterblieb, nahm doch Frankreich während dieser Zeit einen unermeßlichen materiellen Aufschwung, und der Bestand des Julithrons schien sich schon darum zu konsolidieren. Die äußere Politik des Königs in den orient. Wirren von 1840, noch mehr aber der durch einen unglücklichen Zufall erfolgte Tod des Thronerben (des Herzogs von Orléans, gest. 13. Juli 1842), der die Nachfolge eines damals vierjährigen Kindes in Aussicht stellte, machten indessen seit dem Beginn der vierziger Jahre die Lage des Julithrons unsicherer als je. Dazu kam die gänzlich unfruchtbare, mit Hartnäckigkeit jede Reform zurückweisende Verwaltung des Ministeriums Guizot (seit 29. Okt. 1840). Außerdem offenbarte sich in einer Reihe skandalöser Prozesse eine unerhörte Korruption der Verwaltung selbst, die sogar bis in die Ministerien hinaufreichte. Als der König bei der Kammereröffnung vom 28. Dez. 1847 die Reformbewegung geradezu verdammte, führte dies zur Demonstration der sog. Reformbankette, gegen welche die Regierung mit Gewalt einzuschreiten suchte. Die demokratischsozialistische Partei benutzte endlich die volle Vereinzelung des Hofs und der Regierung und begann 22. Febr 1848 in den Straßen von Paris den Aufstand. Bereits am Mittag des 23. Febr. legte Guizot sein Ministerium nieder. Weder der Befehl zum Einstellen des Feuers von seiten der Truppen am Morgen des 24. Febr., noch die einige Stunden später erfolgte Abdankung des Königs zu Gunsten seines Enkels, des Grafen von Paris, noch endlich der mutvolle Versuch der zur Regentin ernannten Herzogin von Orléans, die Rechte ihres Sohnes in der Kammer zur Anerkennung zu bringen, waren im Stande, den Sturm zu beschwören. Ludwig Philipp verließ um die Mittagszeit des 24. Febr. mit seiner Familie die Tuilerien und floh aus Paris. (S. Frankreich.) Er wandte sich der normann. Küste zu, wo er sich mit seiner Gemahlin unter mancherlei Gefahren mehrere Tage verbarg, und gelangte 3. März nach England. Hier nahm er unter dem Titel eines Grafen von Neuilly seinen Aufenthalt auf Claremont, einer Besitzung des Königs der Belgier unweit Windsor. Im Winter 1849 ging er nach Richmond, kehrte aber schon im März 1850 nach Claremont zurück, wo er am Morgen des 26. Aug. starb. Seine Überreste wurden 2. Sept. in der kath. Kapelle zu Weybridge beigesetzt und 9. Juni 1876 nebst den neun Leichen der übrigen Angehörigen der Familie Orleans durch den Grafen von Paris in die Begräbniskapelle zu Dreux übergeführt. Ludwig Philipp besaß eine kräftige Konstitution, große Klarheit und Schärfe, sowie Festigkeit und Kühnheit des Geistes, reine Sitten, umfassende Bildung, reiche Erfahrung und war ein strenger Haushalter und der beste Familienvater. Aus seiner Ehe mit Marie Amelie von Sicilien (gest. 24. März 1866 zu Claremont) ging eine ahlreiche Familie hervor. Repräsentant der Rechte seines Hauses ist sein Enkel, Prinz Ludwig Philipp Albert von Orléans, Graf von Paris, geb. 24. Aug. 1838. (Über die einzelnen Glieder der Familie Ludwig Philipps s. Orléans und die betreffenden Spezialartikel.) Seine Reden, Schriften etc. wurden unter dem Titel Discours, allocutions, réponseso (17 Bde., Par. 1833—47) zusammengestellt; auch erschien sein Tagebuch von 1815: Mon Journal, événements de 18155 (2 Bde., Par. 1848). Vgl. außer Blanc, Regnault, Nouvion und Guizots Memoiren noch: Birch, «Ludwig Philipp, König der Franzosen » (3 Bde., Stuttg. 1841—44); Boudin, (Iistoire de Louis Philippe Jo (deutsch von Große, 2 Bde., Lpz. 1847 — 48); Douglas, „Life and times of Louis Philippe (Lond. 1848); Montalivet, Le roi Louis Philippe, etc.o (Par. 1851); Lemoine, «Abdication du roi Louis-Philippe, racontée par lui-mémer (Par. 1851); Cretineau-Joly, Histoire de Louis Philippe d'Orléanso (2 Bde., Par. 1862 fg.); Billault de Gerainville, Mlistoire de Louis Philippes (3 Bde., Par. 1870 — 76); Hillebrand, «Geschichte Frankreichs 1830—715 (Bd. 1 und 2, Gotha 1877— 79).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 229Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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