FeedLüneburg
ErdkundeBrockhaus 1882

Lüneburg, Hauptstadt des gleichnamigen Landdrosteibezirks der preuß. Provinz Hannover, sowie des frühern Fürstentums L., liegt an der bis hierher schiffbaren Ilmenau, 22 Em vom Einflusse derselben in die Elbe, Station der Linien Wittenberge-Buchholz, Lehrte-Harburg und L.⸗Hohnstorf der Preußischen Staatsbahnen. Die ehemaligen Wälle sind zu Promenaden eingerichtet und teilweise abgetragen und bebaut; von der Stadtmauer sind noch Reste an der Nordseite der Stadt. Außer vielen altertümlichen Privathäusern sind von öffentlichen Gebäuden bemerkenswert: die im reinsten got. Stil restaurierte Nikolaikirche, das am großen und schönen Marktplatze gelegene, 1695 erbaute königl. Schloß, jetzt Kaserne, das alte Rathaus mit vielen Altertümern, Kunstsachen undandern Sehens-⸗ würdigkeiten, die Michaeliskirche mit dem Grabgewölbe früherer Fürsten, die alte, 1857 restaurierte Johanneskirche im reinsten got. Stil mit 111m hohem Turme, die 1877 und 1883 erbauten Kavalleriekasernen. Von höhern Unterrichtsanstalten bestehen das Johanneum (Gymnasium und Realgymnasium) und das Seminar in den Gebäuden des frühern Michaelisklosters. Die Stadtbibliothek (35000 Bände) und das Ratsarchiv enthalten viel Merkwürdiges. L. ist Sitz der Regierung, eines Landratsamts, eines Land- und eines Amtsgerichts, einer Handelskammer, eines Hauptzollamts und zählt (1880) 19034 meist prot. E., die nicht unbedeutenden Handel und Verkehr unterhalten. Die Grundlagen hierzu gewähren die sehr ergiebigen Kalk- und Gipsbrüche, welche sich in der Nähe bei einem 53 m hohen, langgestreckten Felsen befinden, ferner die altberühmte Saline, die eine Sole von 25—26 Proz. versiedet, jährlich an 400000 Ctr. Salz liefert und mit einer Sodafabrik und einem Solbad verbunden ist. Auch besteht eine Anzahl größerer gewerblicher Etablissements, darunter eine Eisengießerei, Cementfabrik, Haartuchweberei, Tapetenfabrik, Böttcherwerkstätte, Kunstdüngerfabrik u. s. w. Jährlich finden zu L. zwei vierzehntägige Messen statt. Die Anfänge der Stadt L. lassen sich auf das 8. Jahrh. zurückführen. Das Michaeliskloster wurde bereits 904 von Otto dem Erlauchten am Fuße des Kalkbergs bei der Stadt gegründet. Auf demselben Berge erbaute Hermann Billung 961 zum Schutze gegen die Einfälle heidnischer Wenden eine Burg, neben der allmählich die Stadt entstand. Letztere blühte infolge der Zerstörung von Bardowiek (1189) rasch auf und trat frühzeitig zur Hansa. Oft war L. Residenz Heinrichs des Löwen und bis 1369 Sitz der Herzöge von L. Der Erbstreit welfischer Fürsten, in den sich die Stadt fortwährend verwickelt sah, führte zur Blutnacht des 21. Okt. 1371, in welcher ein überfall feindlicher Ritter von den Bürgern erfolgreich bekämpft wurde. Das Michaeliskloster wurde 1382 in die Stadt gelegt und 1655 in eine höhere Bildungsanstalt, die Ritterakademie, umgewandelt, die man 1850 aufhob. Durch das Treffen bei L. gegen den franz. General Morand wurde 2. April 1813 der Befreiungskrieg in Deutschland eröffnet. Der sehr thätige Altertumsverein in L. hat eine Beschreibung der «Altertümer der Stadt L. und des Klosters Lünen (Lüneb. 1852 fg.) begonnen. Vgl. außerdem Volger, «Urkundenbuch der Stadt L. (Hannov. 1872 fg.); derselbe, «Führer durch die Stadt L.» (Lüneb. 1875). Das ehemalige Fürstentum Lüneburg ist ein Teil des norddeutschen Flachlandes, welches in seiner nördl. Hälfte dem Gebiet der Elbe, in seiner südlichen aber dem der Weser angehört. Die süd—⸗ westl. Gegenden des Landes bilden weitgedehnte Flächen, während die nordöstlichen von zahlreichen Höhen durchzogen sind. Die Elbe, welche meist die Nordgrenze gegen Hamburg, Lauenburg, Mecklenburg und Brandenburg bildet, nimmt im Lüneburgischen die Jeetzel, die Ilmenau mit der Luhe und die Seeve auf. Der schiffbaren Aller, welche den ganzen Süden des Landes durchfließt, gehen von Rorden her Ise, Lachte, Orze und Böhme, von Süden her Ocker, Fuse und bei Hudemühlen die ebenfalls schiffbare Leine zu. Während in den südl. Strichen des Landes stehende Wasser weitgestreckte Moore bilden, breitet sich in dem nordwestl. Teile die Lüneburger Heide aus. Der Boden dieser Heide, aus einem von gelblichem Sand und Lehm, Granit- und Feuersteingeröll zusammengesetzten Diluvialgebilde bestehend, fördert zum Teil einen dürftigen Pflanzenwuchs, zeigt aber nur an wenigen Stellen völlige Sandblößen. Mitten in den eigentlichen Heidestrichen finden sich große geschlossene Waldungen, wie die 5260 ha haltende wildreiche Göhrde, der 6000 ha bedeckende Lüß, die unweit Gartow liegenden von Bernstorffschen Forsten 9200 ha u. a. Überhaupt berechnet man den Forstgrund der ganzen Landdrostei L. auf 158892 ha, also etwa auf 14 Proz. des ganzen Areals. Der schwerere Marschboden an Elbe, Aller und Leine wird zu 52630 ha angegeben, auf ebenso viel auch der ergiebige Niederungsbodeno der kleinern Flüsse. Holz, Torf, Korn, Buchweizen, Flachs, Hopfen, Honig, Wolle, Pferde sind die hauptsächlichsten Erzeugnisse des Landes, zugleich die wichtigsten Gegenstände der Ausfuhr. Die Pferde sind durchweg tüchtig, besonders in den Marschen. Die unter dem Namen der Heidschnucken bekannte Schafgattung wird gegenwärtig nur noch in den dürftigsten Gegenden der Heide gezüchtet. Die Bewohner des Landes sprechen einen niedersächs. Dialekt und zeigen im allgemeinen einen einfachen, gutmütigen und treuen Sinn. Durchschnittlich herrscht Wohlhabenheit. Den nordöstlichen, von der Jeetzel durchflossenen Teil des Fürstentums, der noch gegenwärtig Wendland genannt wird, bewohnten früher Slawen (Drevianer und Glinjaner), an welche noch jetzt viele Spuren in Sitte und Sprache erinnern. Das Fürstentum L. ist das alte Erbe des Welfenstammes. (S. Hannover und Braunschweig.) Dasselbe bildet jetzt den Landdrosteibezirk Lüneburg, welcher auf 11514gkm Areal (1880) 401 339 E. (wovon 4320 Katholiken und 1092 Juden) zählt und die Kreise Celle, Gifhorn, Fallingbostel, Ulzen, Dannenberg, L. und Harburg umfaßt. Der Kreis Lüneburg zählt auf 1074 qkm (1880) 51 452 überwiegend prot. E. Vgl. von Lenthe, «Archiv für Geschichte und Verfassung des Fürstentums L. » (9 Bde., Celle 1854 — 63); Manecke, «Topogr.⸗histor. Beschreibung der Städte u. s. w. im Fürstentum L. (2 Bde., Celle 1858); Mithoff, «Kunstdenkmale und Altertümer im Hannoverscheno (Bd. 4: Fürstentum L.», Hannov. 1877). (schweig (Geschichte).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 252Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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