FeedHalberstadt
ErdkundeBrockhaus 1882

Halberstadt, Kreisstadt im Regierungsbezirk Magdeburg der preuß. Provinz Sachsen, an dem Flüßchen Holtemme und an den Linien Magdeburg-Thale und Halle-Grauhof-Löhne der Preußischen Staatsbahnen gelegen, ist Sitz eines Landratamts, eines Land⸗, Schwur⸗ und Amtsgerichts, einer Reichsbanknebenstelle und zählt (1880) 31.260 meist prot. E. Unter den zehn Kirchen sind die 1005— 1147 erbaute Liebfrauenkirche und der dem heil. Stephan gewidmete, um die Mitte des 13. Jahrh. im strengern got. Stil begonnene, im 14. Jahrh. beendigte und 1850 restaurierte Dom die wichtigsten. Letzterer enthält einige wertvolle Gemälde sowie andere interessante Altertümer (das reiche Holzschnitzwerk des Bischofsstuhls aus dem J. 1510) und schöne Glasmalereien. H. hat ein Domgymnasium, ein Realgymnasium, eine Oberrealschule, eine höhere Töchterschule, ein Schullehrerseminar mit Taubstummenanstalt, zwei ansehnliche Bibliotheken, ein Schauspielhaus und nächst dem Gleimschen Freundschaftstempel, welcher 120 in Öl gemalte Porträts von Gelehrten, Dichtern und Staatsmännern des 18. Jahrh. enthält, sehr beachtenswerte Privatsammlungen von Gemälden, Muünzen und Altertümern. Überhaupt hat sich in dem Orte aus der Zeit, wo Gleim daselbst einen auserwählten Kreis (die sog. Halberstädtische Dichterschule) um sich versammelte, ein reger Sinn für Kunst und Wissenschaft erhalten. Die Bandschr liefern Zucker, Spiritus, Leder, Seife, Handschuhe und besonders auch Cigarren. Wichtig sind außerdem die Bierbrauereien. Wichtig ist auch der Handel mit Produkten der Kupferhütten und Bergwerke. Die 2 km entfernten Spiegelschen Berge gewähren eine schöne Aussicht. Ihren Aufschwung verdankt die Stadt den Bischöfen, welche seit 804 daselbst ihren Sitz hatten und deren Sprengel sich anfangs über Nordthüringau, Hartinggau, Darlingau, Hassigau und Schwabengau erstreckte, bald aber zu Gunsten des neuerrichteten Erzbistums Magdeburg beschränkt wurde. Doch wußten in der Folge die Bischöfe ihre Stiftsgüter ansehnlich zu vermehren und die Landes— Conversations-Lexikon. 13. Aufl. VIII. hoheit zu erringen. Unter anderm brachten sie noch kurz vor der Säkularisation des Stifts (1643) die Grafschaft Regenstein an sich. Die Reformation hatte schon seit 1542 im Bistum Eingang gefunden; doch wurde dasselbe erst 1648 durch den westfäl. Friedensschluß aufgehoben und als Fürstentum (1980 qkm), mit Sitz und Stimme auf dem Reichstage, an Brandenburg gegeben. Durch den Tilsiter Frieden wurde es 1807 an das Königreich Westfalen abgetreten und bildete darin den Hauptbestandteil des Saaldepartements. Im J. 1813 nahm es Preußen wieder in Besitz und schlug es größtenteils zum Regierungsbezirk Magdeburg; das übrige kam zum Regierungsbezirk Merseburg. Vgl. Lucanus, «Wegweiser durch H.» (2. Aufl., Halberst. 1866); derselbe, Der Dom zu H. v (Halberst. 1837) und «Die Liebfrauenkirche zu H.v (2. Aufl., Halberst. 1872); Scheffer, «Inschriften und Legenden halberstädtischer Bauten » (Halberst. 1864); Zschiesche, «H. sonst und jetzt » (Halberst. 1882); Schmidt, «Urkundenbuch der Stadt H.“ (2 Bde., Halle 1878—79); derselbe, «Urkundenbuch des Hochstifts H.n (Bd. 1, Lpz. 1883). Der Kreis Halberstadt zählt auf 494 qkm (1880) 66 145 meist prot. E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 721Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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