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ErdkundeBrockhaus 1882

Madrid, die Haupt- und Residenzstadt Spaniens, Hauptort der gleichnamigen Provinz in Neucastilien, am linken Ufer des Manzanares, über welchen acht große steinerne Brücken führen, liegt in einer öden Hochebene auf einer Menge Hügel, 655 meüber der Meeresfläche, fast im Mittelpunkte des Reichs und bildet ein unregelmäßiges Viereck, das durch die neuen Vorstädte sich besonders nach Osten und Norden strahlenförmig ausdehnt. Obgleich die größte und bevölkertste Stadt Spaniens, wird sie doch noch nach alter Schreibart nicht als Ciudad (Stadt), sondern als Villa und Corte (Residenz) bezeichnet. Sie hat über 600 Straßen, 76 Plätze, 25 Promenaden und zählt (1884) 391.829, mit den Vorstädten 500 900 E. Der ältere Teil der Stadt hat niedrige Häuser und enge, krumme Gassen; der neuere, bei weitem größere, ist in gutem Geschmack, hat schöne, hohe, jedoch etwas einförmige Häuser und breite, gerade, gutgepflasterte Straßen, unter denen die von Alcalä, Sevilla, Calle mayor oder Carrera de San-Geronimo, Atocha und Fuencarral sich besonders auszeichnen. Von den vielen öffentlichen Plätzen ist vor allem zu nennen: die Plaza de Orientemitder Statue Philipps IV., in einem größern Abstande umgeben von 44 Statuen span. Könige, die Plaza Mayor, um welche sich sehr hohe Häuser erheben, deren unterer Stock, unter Arkaden, zu Läden benutzt wird und in dessen Mitte ein Garten sich befindet. Hier fanden in frühern Zeiten die großen Autos de Fe statt, d. h. die Verurteilungen der Ketzer durch die Inquisition, welche ihre Schlachtopfer dann auf dem Quemadero im Norden Madrids verbrennen ließ. Die Puerta del Sol, die den Mit—⸗ telpunkt der Stadt bildet und der Sammelplatz der geschäftlosen Welt ist, dabei aber auch während der Mittagsstunde den Stockjobbers zu einer Art von Vorbörse dient, ist der belebteste Punkt von ganz M. Auf dem Cortes-Platz befindet sich die Statue des Cervantes, auf dem Murillo-Platz, an der Südseite der Bildergalerie, die des Murillo, vor dem Teatro espanol die Calderons de la Barca, und vor dem Hippodrom die Isabellas der Katho-⸗ lischen. Schöne öffentliche Spaziergänge sind der Prado, Recoletos, Castellana, die Florida und der Park von M. oder Buen-Retiro. Unter den 93 Kirchen und Kapellen, die weder durch Größe noch durch besondere Schönheit auffallen, aber reich sind an Meisterwerken berühmter span., ital. und niederländ. Maler, verdienen Erwähnung: die der Schutzheiligen von M., der Virgen der Einsamkeit in der Straße de la Paloma, geweihte Kapelle, die von Philipp IV. gegründete prächtige St. Isidorskirche, Madrids Kathedrale, mit Gemälden von Tizian und Mengs, die Kirche der Saleserinnen, die neuerdings renovierte von San-Francisco, die schönste unter allen, die Kirche San-Gerönimo, die einzige gotische, die Kirche von Atocha mit dem Bilde der Maria, angeblich vom Evangelisten Lukas gemalt und mit den dem Feinde in Kriegen abgenommenen Fahnen. Das seit dem Brande von 1734 neu aufgeführte königl. Residenzschloß, auf einer Anhöhe der Westseite der Stadt, ist unstreitig das vorzüglichste der öffentlichen Gebäude M.s; es bildet ein regelmäßiges Viereck, 150 melang, ebenso breit und 30 mehoch, mit plattem Dache, im Innern aufs kostbarste, namentlich auch mit herrlichen Malereien von Mengs, Tizian, Murillo u. a. bis zur Überladung ausgeschmückt. Andere erwähnenswerte Gebäude sind die Paläste des Senats, des Kongresses und das Handelsministerium, das Ministerium der Kolonien (UItramar), die Gemäldegalerie und namentlich das Kriegsministerium. Zu den wissenschaftlichen Anstalten gehören die Nationalbibliothek mit 315000 Bänden (worunter 1700 Inkunabeln), 30000 Manuskripten und einer Medaillensammlung von 120 000 Stück, die Bibliothekzu San-Isidro, die Universitätsbibliothek, welche die alte complutensische Bibliothek von Alcalä de Henares mit umfaßt, die des naturwissenschaftlichen Museums; das Museo del Prado oder das königl. Museum, welches die reichste und vorzüglichste Gemäldesammlung der Welt (nicht bloß viele Murillos und Velasquez, sondern auch viele Rafaels, Tizians, Rubens u. s. w.) enthält; die Armeria, eine reichhaltige Waffensammlung; das archäol. Museum, berühmt wegen seiner Vasen⸗ und Münzsammlung, sowie wegen der einzigartigen Sammlung von Altertümern von Mexiko und Peru; das königl. Naturalienkabinett, welches sehr reichhaltig, besonders an inländischen Mineralien ist; die Sternwarte; der botan. und zoolog. Garten und die Bibliotheken und Kunstsammlungen der Herzöge von Osuna, Medina-Celi u. a. An Unterrichtsanstalten besitzt M. die Central-Universität, die Institute oder Gymnasien von San-Isidro und vom Kardinal Cisneros, die ebenfalls zur Universität gehörenden besondern Fakultäts-Hochschulen der Heilkunde und Pharmacie, eine Hochschule der Musik, eine Ingenieurschule, eine Bergbauschule, ein industrielles Institut, eine Tierarzneischule, eine Architekturschule u. s. w. Hierzu kommen acht königl. Akademien, unter welchen letztern die der schönen Künste von San-Fernando, die der Rechtsgelehrsamkeit, der span. Sprache, der Geschichte, der exakten Wissenschaften und der Medizin besonders hervorragen; ferner das Ateneo artistico, cientifico y literario, das Ateneo mercantil, mehrere wissenschaftliche Vereine für Anthropologie, Naturwissenschaften, Geographie u. s. w. Außerdem hat M. 18 Hospitäler sowie 15 Asyle und andere Wohlthätigkeitsanstalten. Unter den 18 Theatern nimmt das königl. Opernhaus den ersten Rang ein, während das Teatro espaßol besonders durch seine Aufführung klassischer Stücke berühmt ist. Sonst sind noch zu erwähnen das neue, 1874 eröffnete Amphitheater für Stiergefechte, welches 12000 Personen faßt, der große Wettrennplatz oder Hippodrom, eine große und eine kleinere Wasserleitung, die das Wasser nach der Stadt und in die zahlreichen Brunnen leiten. Neuerdings haben mehrere Stadtviertel bedeutend gewonnen, neue Straßen, besonders neben der Puerta del Sol, sind eröffnet, sowie außerhalb der Stadt neue Barrios oder Vorstädte, wie Argüelles, Pozas, Salamanca und Peñuelas, entstanden, sodaß M. gegenwärtig von 11 Vorstädten umgeben ist. Industrie und Handel sind mit denen anderer großen Städte Europas nicht zu vergleichen. Den Handel unterstützen die Eisenbahnen nach Irun Mordbahn), Lissabon, Saragossa und Alicante. Neben der Bank von Spanien mit einem Kapital von 400 Mill. Realen, welche die einzige Emissionsbank ist, bestehen noch verschiedene Kredit- und Versicherungsgesellschaften, eine Hypothekenbank, die 1874 neu erbaute Börse mit dem Handelsgericht, Fabriken für Tabak, Cigarren, Teppiche, Papier, Gold⸗ und Silberwaren, Porzellan, Leder u. s. w. Es erscheinen in M. 30 polit. Zeitungen, unter denen die 4Correspondencia de“ Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XI. Espana, der Imparcialo, der (Globov und der „Liberalo die verbreitetsten sind, 10 Revuen namentlich die Revista de Espanav, die 6 Revista cristiana o, im liberalen Sinne redigiert, viele illustrierte Zeitschriften, darunter die Allustracion espanolaà y americanay. Die Einwohner der span. Hauptstadt ergeben sich dem Luxus und den Belustigungen außerhalb des Hauses und fin4 ihr größtes Vergnügen an Stiergefechten, Wettrennen, demnächst am Theater, an Kaffeehäusern, Bällen u. s. w. Das Leben in M. ist teurer als in andern Hauptstädten Europas. In der ige von Madrid. etwas einförmigen, aber im Frühling herrlich grünen, hügeligen Umgegend, welche im Norden durch die großartige, oft bis April mit Schnee bedeckte Sierra Guadarrama begrenzt wird, liegen einige königl. Lust-und Jagdschlösser, namentlich die Casa de Campo, mit schönem Park, El-Pardo, mit oad wald und Tiergarten, Villa-Viciosa, wo Ferdinand VI. 1759 starb, La Moncloa; ferner die Besitzung des Herzogs von Osuna El Capricho, die Villa Vista Alegre und die der Gräfin von Montijo. M. ist seit Philipps II. Zeiten (1561) die Residenz der Könige von Spanien, welche sich abwechselnd hier und auf den Reales Sitios oder zeitweiligen Residenzen von Aranjuez, Escorial und San-Ildefonso (La Granja) aufhielten, und wurde durch eine Menge Verträge und Friedensschlüsse, insbesondere durch die zwischen Karl V. und Franz I. d von Frankreich 1526, zwischen Spanien und Ve-I1 nedig 1617 und zwischen Portugal und Spanien 1 1800 historisch merkwürdig. Vgl. Mesonero Romanos, «El antiguo M.y (Madr. 1861); Amador de los Rios, Ilistoria de la villa y corte de M.„f (4 Bde., Madr. 1861 —64); Fernandez de los Rios, Guia de M.v (Madr. 1876); Valverde, Laf capital de Espanas (Madr. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 320Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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