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ErdkundeBrockhaus 1882

Sevilla, Hauptstadt der span. Provinz Sevilla (13 71⁴ akm, 1877 mit 506 812 C.), dem Raum nach die größte, der Einwohnerzahl nach die vierte Stadt Spaniens, in einer höchst fruchtbaren und sorgsam angebauten Ebene voller Oliven-und Orangenhaine, am linken Ufer des Guadalquivir gelegen, durch Eisenbahnen mit Cadiz, Madrid und Huelva verbunden, ist Sitz eines Erzbischofs seit der Westgotenzeit, des Generalkapitäns von Andalusien, eines königl. Obergerichts (Audiencia real) und einer Universität. Die Stadt (Ciudad) hatte 1870 mit ihren sieben Vorstädten einen Umfang von 26 km, 111 Plätze, 477 Gassen, 74 Kirchen und zählt (1884) 132.856 E. Von der einst die innere Stadt umgebenden, mit 66 viereckigen, zinnengekrönten Türmen maurischer Bauart versehenen und von 15 Thoren und Pforten durchbrochenen Ringmauer sind nur noch einzelne Reste übrig. Die Straßen sind eng, aber die Häuser Berzierunt mit platten Dächern und maurischen erzierungen. Die schlangenförmig gewundene, enge, dem Wagenverkehr nicht zugängliche Calle de Sierpes ist die Hauptpulsader der Stadt; die mit großen Marmorplatten gepflasterte Straße hat prächtige Kaffee⸗ und Klubhäuser, sowie elegante Juwelier⸗ und Modewarenläden. Die Plaza nueva, mit Orangenalleen, Palmen und Springbrunnen geschmückt und von modernen Bauten umgeben, ist Sammelplatz und Wohnort der Fremden. Als Sehenswürdigkeit ist ganz besonders hervorzuheben: die der heil. Jungfrau geweihte gotische Kathedrale, 1401—1519 auf dem Fundament der frühern von dem Almoraviden akub Almansur herrührenden Hauptmoschee aufgeführt, die größte und herrlichste Kirche in Spanien, reich an Kostbarkeiten und Gemälden der besten span. Meister, worunter der vor einigen Jahren aus seinem Rahmen herausgeschnittene und entwendete, doch wieder erlangte kniende heil. Antonius von Murillo das berühmteste, mit fünf Schiffen von 136 m Länge und 41—55,5 m Höhe, und 37 Seitenkapellen, 95 trefflich gemalten Fenstern, einer großen, 5000 Pfeifen Chrstoph Colun sowie mit dem Grabdenkmal des Christoph Columbus, in welchem die Reste von dessen Sohne Ferdinand ruhen. Von den 83 Altären ist der prächtige Hochaltar ein Werk von Danchart und Bernardo Ortega aus dem J. 1482. Die hinter dem Hochaltar gelegene Capilla de los Reyes birgt die Gebeine Ferdinands III., des Eroberers und Schutzpatrons von S., und seines Sohnes Alfons X. des Weisen und von dessen Gemahlin. Die im Renaissancestil erbaute Capilla mayor und die Sala capitular bewahrt den Kirchenschatz. Neben der Kathedrale befindet sich der schöne Turm Giralda, 114 m hoch, mit ansehnlichen Resten arab. Architektur des viereckigen Minarets von 1195; inwendig führt eine Rampe in 25 Absätzen bis zu dem 1568 aufgesetzten Oberbau, welcher 22 harmonisch gestimmte Glocken enthält; die oberste Zinne der Giralda ziert eine m hohe Bronzestatue, eine allegorische weibliche Figur des Glaubens, welche auf einer drehbaren Kugel steht. Ferner sind noch zu nennen: der großartige königl. Palast Alcäzar, an Stelle der 1197 von Ibn Hakub Jusuf erbauten Residenz der maurischen Könige 1354 —64 von Peter dem Grausamen von Castilien aufgeführt und in neuerer Zeit vollständig in maurischem Stil restauriert; von dem aus dem Ende des 12. Jahrh. stammenden Bau ist nur der von 52 Marmorsäulen umgebene Patio de las Doncellas und der von einer Kuppel überragte Saal der Gesandten oder die Sala de la medio naranja vorhanden. Im Alcazar errichtete unter Isabella 1478 die Inquisition ihr erstes Tribunal in Spanien. An das Schloß schließen sich von Kaiser Karl V. angelegte weitläufige Gärten an. Noch sind namhaft zu machen: die Münze, das von Murillo gestiftete und durch seine Meisterwerke 05. M. der Fünftausend, St. Johannes de Dios; Moses, der das Wasser aus dem Felsen schlägt) geschmückte Hospital de la Caridad oder Caritas; das Amphitheater zu den Stiergefechten Elaza de toros), ein Polygon von 30 Seiten mit einer Arena von 76 m Durchmesser, das 18000 Menschen faßt und bis zur Erbauung des neuen Stieramphitheaters in Madrid der größte Stierkampfplatz Spaniens war; die römische, noch jetzt Sevilla mit Trinkwasser versehende Wasserleitung (Canos de Carmona), welche 410 Bogen hat; die Alameda, ein großartiger öffentlicher Spaziergang, und die Promenade Paseo am Guadalquivir, las Delicias genannt; die große, 1757 errichtete, von Gräben mit Zugbrücken umschlossene königl. oder Nationaltabaksfabrik, ein Meisterstück der Baukunst, 215 mlang, worin 4000 Arbeiterinnen beschäftigt werden; das Handelstribunal (el Consulado), ge-Inter die Börse (la Lonja) genannt, als s olche unter Philipp II. im Renaissancestil durch Juan de Herrera erbaut, aber jetzt zu verschiedenen andern Zwecken dienend und im obern Geschoß seit Karl III. das amerik. Archiv in 50000 Aktenmappen enthaltend, die wichtigste auf die Entdeckung Amerikas und die span. Herrschaft in der Neuen Welt bezügliche Dokumentensammlung. Die Universität zu S. (in dem von Herrera im Renaissancestil erbauten ehemaligen Jesuitenkollegium) wurde 1504 gestiftet; sie ist im Besitz einer Bibliothek von 20000 Bänden und zählt gegen 1000 Studenten. Außerdem sind zu bemerken: der im florentin. Stil erbaute Palast Santelmo, der an Kunstschätzen reiche, inmitten eines Parks gelegene Sitz des Herzogs von Montpensier, die Akademie der schönen Wissenschaften, die Bau⸗, Bildhauer⸗ und Malerakademie, das Museum mit Meisterwerken von Murillo (St. Thomas von Villanova, St. Franziskus vor dem Kreuze Christi), Zurbaran (Triumph des heil. Thomas von Aquino), Herrera dem Altern und Pacheco und mehrere andere Gemäldesammlungen; z. B. die des Don Manuel Lopez Cepero (mit über 1000 Nummern)); ferner das 1847 erbaute, für Aufführung großer Opern bestimmte duns N Teatro de San-Francisco; das Geburtshaus Murillos und das diesem großen Maler 1866 vor dem Museum errichtete Bronzedenkmal. Die Casa de Pilatos (Haus des Pilatus), Ende des 16. uum vielleicht von einem arab. Baumeister in maurischem Stil aufgeführt, gehört jetzt dem Herzog von Medinaceli und enthält wertvolle Skulpturen nach antiken Vorbildern und aus dem Altertum stammende röm. Kaiserbüsten. Aus arab. Zeit stammen noch eins der Stadtthore, Puerta del Carbon, und die Glockentürme der Kirchen San-Salvador und San-Marcos, zierliche Minarets ehemaliger Moscheen. Die Stadt hat eine Succursale der Bank von Spanien, die Bank von S., Eisengießerei, hwaren tion von Maschinen, Porzellan, Baumwollwaren, Chokolade, Pianinos, Lakritzen, Schnupftabak(Spaniol von S.), Salpeter, Korkstöpseln u. s. w. Die Seidenfabrikation, obgleich bei weitem nicht mehr so blühend wie the, I beschäftigt doch immer noch viele Webstühle. In der Vorstadt Triana (bei den Arabern Tharjanah), am rechten Ufer des Guadalquivir, welche durch eine schöne, aus drei mächtigen Bogen bestehende, ganz aus Eisen konstruierte Brücke mit der Stadt verbunden ist, befindet sich die große königl. Stückgießerei. Sonst war S. die Niederlage des ganzen Nationalverkehrs und die größten Schiffe konnten bis zur Stadt kommen; später der Fluß so versandet, daß nur kleinere Schiffe ihn zu befahren vermochten; neuerdings jedoch hat sich S. durch Ausbaggerung des Strombettes und infolge der Entwickelung des Eisenbahnnetzes gehoben und Cadiz wieder überflügelt. An dem neuen mit Baumreihen geschmückten Quai, zwischen der Guadalquivirbrücke und dem Goldturm, können die größten Dreimaster und Dampfer vor Anker gehen. S. treibt lebhaften Handel sowohl mit Manufaktur⸗ und Kolonialwaren als auch mit Getreide, Blei, Kupfer, Kork, Silbererz, Wein, Wolle, Gl, Südfrüchten, Safran und Süßholz. Im J. 1880 sind aus⸗ und eingelaufen 1922 Handelsschiffe von 303 979 Re-Feanterter darunter 352 Dampfer von 232 715 egistertons. S. ist Sitz eines deutschen Konsulats. Geschichtliches. S., das alte Hispalis, eine Pflanzstadt der Phönizier, genannt Sephela, d. i. Niederung, schon unter den Römern ein sehr ansehnlicher Ort und seit Julius Cäsar röm. Kolonie unter dem Namen Julia Romula, galt unter den Vandalen und Westgoten als die Hauptstadt des südl. Spanien. Hier wurden 590 und 619 die beiden Concilia Hispalensia abgehalten. Im J. 712 fiel die Stadt in die Hände der Araber unter ihrem Anführer Musa, die sie Ischbilijah nannten, und unter denen sie zur Landschaft Schedüna gehörte, seit dem 11. Jahrh. zur bedeutendsten Stadt der Halbinsel emporblühte und 400000 E. zählte. In der Nähe besiegte 762 der Omajjade Abd-er-Rahman I. den von Afrika herübergekommenen Feldherrn der Abbasiden Ali Ibn Mughith, der in der Schlacht seinen Tod fand. Im J. 844 segelte eine Wikingsflotte den Guadalquivir hinauf; in einer dreitägigen Schlacht vor den Thoren S.s wurde der Emir Abd-er-Rahman II. durch die Normannen besiegt, welche hierauf die Stadt auf das entsetzlichste verheerten. Seit 1026 war sie Sitz des maurischen Königreichs der Abadiden oder Beni-Abäd, 1091 kam sie in Besitz der Almoraviden, 1147 der Almohaden. Am 22. Nov. 1248 wurde sie nach 18monatlicher Belagerung von Ferdinand III. von Castilien erobert und blieb seitdem im Besitz der Christen. Damals wanderten gegen 300000 E. größtenteils nach Granada und Afrika aus. Noch im 17. Jahrh. zählte S. 130000 Menschen, die mit Seidenweberei und andern Gewerben beschäftigt waren; in der Kunstgeschichte erwarb sich S. damals einen Namen durch seine großen Maler Murillo, Zurbaran, Valdes Leal u. a. Seit 150¹ —1726 hatte S. den ausschließlichen Handel mit Amerika. Jährlich gingen von hier aus die 12 Galeonen nach Portobello und (seit 1547) die 15 Schiffe nach Veracruz. Hier landeten die Silberflotten und speicherten ihre Schätze in dem Torre del Oro (Goldturm, jetzt Hafencapitanie) auf. Seitdem sich aber der Handel 1726 nach Cadiz zog, geriet auch die Gewerbthätigkeit in Verfall. Am 9. Nov. 1726 schloß hier Spanien mit Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden einen Vertrag, durch welchen der österr. Handelsgesellschaft zu Ostende ein Ende gemacht wurde und der Infant Don Carlos die Anwartschaft auf Parma und Toscana erlangte. Zu S. bildete sich 27. Mai 1808 die span. Centraljunta gegen die Franzosen, die sich bei dem Vorrücken derselben 1810 nach Cadiz zurückzog. Auch die Cortes flüchteten sich 20. März 1823 von Madrid nach S. Vom 20. bis zum 25. Juli 1843 wurde S. durch Espartero bombardiert; 1873 war die Stadt ein Mittelpunkt des Sozialismus und Föderalismus. Schon unter Kaiser Karl V. hatte zu S. eine prot. Gemeinde bestanden, welche jedoch durch Philipp II. unterdrückt worden war; im J. 1871 tagte hier die erste prot. Generalsynode Spaniens. Vgl. Wackernagel, 4Sevillav (Bas. 1854; 2. Aufl. 1870). Seyre ist der Name von zwei Flüssen im nordwestl. Frankreich. Die Sövre-Nantaise entspringt in der Bergebene Gatine, nimmt rechts den Moine, links die Kleine Maine auf und ergießt sich nach einem Laufe von 138 Km, wovon 21 schiffbar, Nantes gegenüber in die Loire. Die Sevre-Niortaise entspringt etwa 52 km südöstlicher bei dem Dorfe Sepvret und mündet nach einem Laufe von 165 km, wovon 71 (von Niort an) schiffbar, und nach Aufnahme der Autize und Vendee in einer sumpfigen Gegend in das Atlantische Meer, 18 km nördlich von La-Rochelle und 12 kKm unterhalb Marans, bis wohin Seeschiffe von 200 t aufsteigen. Nach diesen beiden Flüssen ist das Depart. Deur; Sevres genannt, welches die Quellen beider und die größere Stromstrecke der S.⸗Niortaise als seinen Hauptfluß enthält. Dasselbe ist aus Teilen von oitou, Aunis und Saintonge zus ammengesetzt und zählt (1881) auf 5999,38 qEm 350 103 E. Die Bergebene Gätine (d. h. verdorben, wenig fruchtbar), eine nordwestl. Verlängerung der Gebirge von Limousin, ein wechselvolles, stark bewaldetes Granitplateau, nirgends über 100 m hoch, nimmt fast ein Drittel des Areals ein. Es enthält viele fischreiche Teiche und die Quellen vieler kleiner Flüsse, von denen die beiden S., der Thouet, dessen linke Nebenflüsse Thouaret und Argent, die Boutonne, die Autize und die beiden Dives nennenswert. Das Klima ist kühl, feucht und in manchen Gegenden ungesund. Der Boden ist in den Thälern fruchtbar. Man gewinnt Getreide im Überfluß, Gemüse aller Art, Wein, Kastanien, Nüsse, Mandeln u. s. w. Ausgedehnte Weiden und Wiesen unterstützen die Viehzucht, welche einen Haupterwerbszweig des Landes bildet. Das Mineralreich bietet Eisen, Steinkohlen, Antimonium, Mühl- und Feuersteine und Salpeter. Die besuchteste der Mineralquellen ist die von Bilazay unweit Thouars. Die Gerberei, Handschuhfabrikation und Branntweinbrennerei sind die Hauptzweige der Industrie. Außerdem bestehen Fabriken in Leinwand, Woll- und Baumwollzeugen, Strumpfwaren, Leder u. s. w. ferner Papiermühlen und Töpfereien. Der Handel ist lebhaft, hauptsächlich mit Maultieren und Mauleseln, Pferden, Getreide, Mehl, Holz, Branntwein u. s. w. Das Departement zerfällt in die vier Arrondissements Niort, Bressuire, Melle und Parthenay, zusammen mit 356 Gemeinden in 31 Kantonen, und hat zur Hauptstadt Niort (s. d.).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 738Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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