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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Manichäer hießen alle Anhänger des von Manes (s. d.) oder Mani gestifteten Religionssystems. Das manichäische System läßt sich am einfachsten bezeichnen als pers. Gnostizismus. Es nimmt zwei gleich ewige Grundwesen an, das gute oder das Licht und das böse (Hyle) oder die Finsternis, beide von unzähligen, von ihnen abhängigen, gleichartigen Aonen oder Elementarkräften umgeben. Das Urlicht oder der erste Herrliche besteht aus zweimal fünf Gliedern oder Elementen; unter ihm stehen der Lichtäther und die Lichterde, wieder mit je fünf Gliedern. Den fünf Gliedern der Lichterde (oder des Paradieses) leiser Lufthauch, Wind, Licht, Wasser und Feuer stehen die fünf Glieder der Finsternis gegenüber: Nebel, Brand, Glühwind,‚ Gift und Dunkel. Aus den Urelementen der Finsternis entsteht Satan. Derselbe erhebt sich zur Grenze des vorher unerkannten Lichtreichs und will es erobern. Um ihn zu bekämpfen, rüstet der König des Lichts den Urmenschen mit den Elementen der Lichterde aus. Dieser aber unterliegt im Kampfe und ein Teil seines Lichts wird von Satan und den Elementen der Finsternis verschlungen. Durch Hilfe von oben wird der Urmensch befreit; zur Errettung der geraubten Lichtelemente aber wird aus einer Mischung der Elemente des Lichts und der Finsternis das Weltall gestaltet. Sonne und Mond leiten als die glänzenden Schiffe die Lichtelemente nach oben: der Mond, in welchem die Mutter des Lebens ihren Sitz hat, übergibt sie der Sonne, dem Sitz des Urmenschen und diese wieder dem Lichtreich: um den Archonten der Finsternis ihre Lichtkraft zu entziehen, sucht die Lichtjungfrau durch ihre Schönheit sie an sich zu locken. Zum Kampf wider das Lichtreich erzeugt der Teufel mit fünf weiblichen Dämonen den Adam, dessen Seele dem Lichtreiche, dessen Leib mit seinen Begierden der Finsternis entstammt, und die Eva, die personifizierte Sinnenlust. Zu Adams Erlösung wird Isa (Jesus) gesandt, der ihn über den Unterschied von Licht und Finsternis belehrt. Um ihn und um die Kinder, welche Eva teils ihm, teils den Dämonen geboren, bewegt sich der Kampf beider Reiche, der zuletzt durch die Erscheinung desAlteno und den großen Weltbrand im Sinne einer definitiven Trennung von Licht und Finsternis entschieden wird. Annäherung an das Christentum hat schon Mani selbst gesucht, und in noch höherm Maße thaten das später seine Anhänger im Römischen Reiche. Aber von dem Jesus, dem »Sohne der armen Witwer, den die Juden gekreuzigt hatten, unterschied Mani den in einem Scheinleibe erschienenen wahren Erlöser, den er ebenfalls Jesus (Isa) nannte. Derselbe brachte die wahre Erkenntnis, welche Mani selbst als Paraklet vollendet hat. Die biblischen Schriften wurden von Mani teils ganz verworfen (so namentlich das ganze Alte Testament), teils für mehr oder minder gefälscht erklärt. Dafür verfaßte er eigene Lehrschriften und Sendschreiben, sowie ein eigenes Evangelium. Die M. teilten sich in zwei Klassen. Die Auserwählten oder Wahrhaftigen sollten drei „Sigelo (ein signaculum sinus, oris und manus) haben, d. h. sich des Weins, des Fleisches, sowie aller tierischen Nahrung, des geschlechtlichen Umgangs und aller die Lichtwelt schädigenden Beschäftigungen, der Handarbeit, des Besitzes irdischer Güter und des Kriegs enthalten, kein Tier, Ungeziefer ausgenommen, töten und ihr Leben der frommen Betrachtung widmen. Mehr war den Zuhörern erlaubt; durch ihre Arbeit mußten sie sich und die Auserwählten ernähren, in der Ehe Mäßigkeit üben und ihr Glück in der Armut suchen. Den Gemeinden standen «Lehrero, „Dienendes und «Altester vor, welche den manichäischen Klerus bildeten und noch über den Auserwählten standen. Im Abendlande hießen sie nach christlicher Analogie Bischöfe, Presbyter und Diakonen. Der Gottesdienst bestand vornehmlich aus Gebeten, deren vier täglich vorgeschrieben waren und (wöchentlichen, monatlichen und jährlichen) Fasten. Ihre Gotteshäuser waren ohne Altäre und entbehrten jedes Schmucks. Im März feierten sie des Mani Todestag (Bema), an dem in ihren Versammlungssälen ein auf fünf Stufen erhabener Lehrstuhl für den im Geist auwesenden Mani stand. Die abendländischen M. seierten auch den Sonntag (als gemeinsamen Fasttag) und den Todestag Jesu, auch hielten sie Taufe und Abendmahl (letzteres aber nur mit Wasser und Brot). Von Persien, dem Vaterlande der M., aus haben sie sich bis zur Mitte des 4. Jahrh. über Syrien und Kleinasien nach Nordafrika und selbst bis Italien ausgebreitet. Seitdem begannen die blutigen Verfolgungen der Partei. In Nordafrika wurden sie im 5. und 6. Jahrh. von den Vandalen ausgerottet; gleiches Schicksal hatten sie im Römischen Reiche, besonders in Italien. Endlich auch in Persien unterdrückt, zogen sie sich seit dem 6. Jahrh. zeils in das noch heidnische östl. Asien, teils in das Dunkel geheimer Verbrüderungen zurück und traten später nur unter andern Namen wieder auf. Im Morgenlande lebten sie als Paulicianer und Bogomilen, im Abendlande als Priscillianisten und später noch als Katharer fort; doch ist ihr Name im Mittelalter ketzerischen Parteien und Gesellschaften, wie den 1022 zu Orléans verbrannten Kanonicis, nur um den Volkshaß aufzuregen, beigelegt worden. Vgl. Reichlin-Meldegg, „Die Theologie des Magiers Maneso (Frankf. a. M. 1825); Baur, Das nanichäische Religionssystem» (Tüb. 1831); Flügel, „Mani, seine Lehre und seine Schriften (Lpz. 1862); A. Geyler, «Das System des Manichäismus und sein Verhältnis zum Buddhismuso (Jena 1875); K. Keßler, Mani oder Beiträge zur Kenntnis der Religionsmischung im Semitismuso (Bd. 1, Lpz. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 409Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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