FeedMarburg
ErdkundeBrockhaus 1882

Marburg, Universitäts⸗ und Kreisstadt im Regierungsbezirk Kassel der preuß. Provinz Hessen-Nassau, an beiden Ufern der Lahn, Station der Linie Frankfurt-Kassel der Preußischen Staatsbahnen, ist Sitz eines Landgerichts, Amtsgerichts, Hauptsteueramts, Landratsamts, Kreisbauamts, einer evang. Superintendentur und zählt (1880) 11225 meist prot. E. Der größere Teil der Stadt liegt auf den Terrassen eines bis zum Flußufer allmählich sich abdachenden, mit einem altertümlichen Schlosse gekrönten Berges an dem rechten, der kleinere Teil, die Vorstadt Weidenhausen und der Bahnhof, an dem linken Ufer der Lahn. Zwei größere Brücken verbinden beide Stadtteile miteinander. M. gewährt von außen durch seine hohe Lage, die großen altertümlichen Kirchen und öffentlichen Gebäude und die Schönheit seiner Umgebungen einen sehr malerischen Anblick. Unter den Kirchen zeichnet sich die 1235—38 erbaute, 1860 restaurierte St. Elisabethkirche, mit dem trotz seiner Beraubung durch die Franzosen immer noch prächtigen Sarkophag der heil. Elisabeth, einer der bedeutendsten Goldschmiedearbeiten des 13. Jahrh., den Grabdenkmälern verschiedener hess. Landgrafen und vielen sonstigen Monumenten, durch Reinheit des Stils und ihre schönen Verhältnisse besonders aus. Das frühere landgräfl. Residenzschloß dient gegenwärtig zum Aufbewahrungsorte der Archive des frühern Kurstaats, sowie der mit dem Regierungsbezirk Kassel vereinigten ehemaligen darmstädt. undbayr. Landesteile und des Kreises Biedenkopf. Das Archiv ist eins der umfangreichsten und bedeutendsten Deutschlands. Architektonisch sind der Rittersaal und die Schloßkapelle sehr wichtig. Der 1280—1320 erbaute Rittersaal ist nächst der Marienburg der bedeutendste got. Profanbau Deutschlands; die Schloßkapelle, aus derselben Zeit stammend, zeichnet sich besonders durch schöne architektonische Verhältnisse aus. Beide sind in neuerer Zeit wieder stilgemäß restauriert. Histor. Bedeutung hat das Schloß als Geburtsstätte Philipps des Großmütigen und als der Ort des 1529 (vom 1. bis 3. Okt.) zwischen Zwingli und den Schweizern einerseits und Luther und den Wittenbergern andererseits stattgehabten Religionsgesprächs. Daselbst befindet sich auch die nicht unbedeutende Sammlung des Hessischen Geschichtsvereins, Abteilung Marburg. Vgl. Schirrmacher, Briefe und Akten zu der Geschichte des Religionsgesprächs zu M. 15295 (Gotha 1876). Die Stadt hat außer der Universität an Unterrichtsanstalten ein Gymnasium, Realprogymnasium, gut eingerichtete Bürgerschulen, eine höhere Töchterschule, eine Fachschule für Mädchen und viele wohlthätige Anstalten, unter letztern drei Spitäler zur Verpflegung alter und unvermögender Leute, ein Waisenhaus, ein Arbeitshaus für Beschäftigungslose, ein Landkrankenhaus, ein Elisabethenhaus zur Pflege armer kranker Kinder und eine Kleinkinderbewahranstalt. Zugleich ist M. der Sitz einer naturforschenden Gesellschaft (seit 1817) und der Bibelgesellschaft für Oberhessen. Die bedeutendsten Industriezweige sind Töpferei (welche viel Ware, sog.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 432Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 7

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6