FeedGiesten
ErdkundeBrockhaus 1882

Giesten, Hauptstadt der großherzogl. hess. Provinz Oberhessen und des gleichnamigen Kreises, in einer schönen, fruchtbaren Ebene, umgeben von Wäldern und sanften Anhöhen und am linken Ufer der Lahn gelegen, in die hier die Wieseck mündet, Station der Linien Kassel-Marburg-Frankfurt a. M. und Deutz-G. der Preußischen Staatsbahnen, so- wie der Linien G.⸗Fulda und ehnes Knetder der Oberhessischen Bahnen ist Sitz eines Kreisamts, dessen Chef auch Provinzialdirektor ist, des Landgerichts für diese Provinz, eines Amtsgerichts und zählt (1880) 16855 E. Die Straßen der innern Stadt sind eng und winkelig, außerhalb der frühern )Thore sind neue Stadtteile mit eleganten Gebäu⸗ „den entstanden. Außer den Bauten für die Uni⸗ „]versität treten von öffentlichen Gebäuden hervor: das Kanzleigebäude, eigentlich das alte Schloß, von dessen ursprünglichem Bau im 12. Jahrh. aber „nur wenige überreste erhalten sind; ferner das alte Rathaus am Markte, die 1821 an der Stelle der „alten (1809 abgetragenen) erbaute evang. Stadtkirche, die kath. Kirche, die neue Synagoge und edas 1586 erbaute geschmacklose Zeughaus, jetzt Kaserne. Die neue Aula, das neue Gymnasium, „die neue Realschule, das Justizgebäude und das Lazarett liegen an den herrlichen Anlagen um die Stadt. G. ist Sitz der Landesuniversität (Ludoviciana) für das Großherzogtum Hessen, welche „infolge der Vertreibung der luth. Theologen aus Marburg, dessen Universität sich zur reform. Kirche bekannte, durch den Landgrafen Ludwig V. gegründet, 19. Mai 1607 von Kaiser Rudolf II. bestätigt und 5. Okt. 1607 eingeweiht wurde. Mit derselben sind verschiedene Anstalten und Sammlungen verbunden, wie die vereinigte Universitäts⸗ und Senckenbergische Bibliothek mit wertvollen handschriftlichen Schätzen, ein anatom. Theater, ein akademisches Hospital mit Klinikum, ein Entbindungsinstitut, ein chem. Laboratorium (von Liebig eingerichtet), ein botan. Garten, Sammlungen für Naturwissenschaften, physik. Instrumente, Forstakademie mit Forstgarten u. s. w. In der Aula befinden sich die Hörsäle der meisten Professoren. Außer der Universität bestehen zu G. noch eine Augenklinik, ferner ein Gymnasium, eine Realschule und eine höhere Töchterschule. Unter den industriellen Etablissements befinden sich Tabaks- und Cigarrenfabriken, Spinnereien, Webereien, bedeutende Bierbrauereien, mechan. Werkstätten, eine chem. Fabrik u. s. w. In der Nähe der Stadt liegen Schiffenberg, früher Kommende des Deutschen Ordens, sowie die Ruinen der Burgen Gleiberg und Vetzberg, der Badenburg und des Stauffenbergs. Bei G. finden sich ergiebige Mangan- und Eisensteingruben. Die Stadt entstand im 12. Jahrh. aus den Dörfern Selters, Aster und Kroppach, zu deren Schutz der Graf Wilhelm von Gleiberg zu Ende des 12. Jahrh. diesseit der Lahn die Burg zu den G. erbaute. Durch Vermählung kam die Herrschaft G. an die Pfalzgrafen von Tübingen, die sie 1265 an den Landgrafen Heinrich von Hessen verkauften. Bereits 1250 wird G. als Stadt erwähnt. Es wurde 1530 mit Festungswerken versehen, die 1547 Kaiser Karl V. schleifen ließ. Sodann ward es 1560 von neuem mit Werken umgeben, die aber seit 1807 nach und nach abgetragen worden sind. Vgl. Nebel, (Geschichte der Universität G.»(Marb. 1828); Kraft, 4Geschichte von G. (Darmst. 1876); Buchner, « Führer durch Vogelsberg, Wetterau, Lahn⸗ und Dillthal, mit besonderer Berücksichtigung von G. und Umgebungo (Gieß. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 30Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 5

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6