Marseille, die dritte Stadt Frankreichs, Hauptstadt des Departements der Rhönemündungen (Bouches du Rhône), Sitz eines Bischofs, Waffenplatz und Hauptort des 15. Armeekorps und Frankreichs erste, sowie nach London, Liverpool und Hamburg die bedeutendste, großartigste Seehandelsstadt Europas, liegt in 43 17 nördl. Br. und 25⁵ 22“ östl. L. von Ferro, zwischen den Rhönemündungen und Toulon, an der Paris-Lyon-Mittelmeerbahn, am Fuße eines felsigen Ausläufers der provengal. Alpen und an einer östl. Bucht des Golfe du Lyon um den sehr geräumigen und sichern Hafen herum. Die Stadt zählte 1814 nur etwa 96000, 1851 bereits 195 138, 1881 269 340 und 1884 (nach Inkorporation der Vorstädte) 362983 C. Seit Eröffnung des Suezkanals hat die Stadt beträchtlich an Umfang gewonnen. M. besteht aus der Alt-und der Neustadt, welche beide durch den langen Cours Belsunce oder Grand Cours, mit der Rue d'Aix und dessen südl. Fortsetzung, die Rue de Rome, geschieden sind. Diese von Norden gegen Süden gerichtete schnurgerade Straße ist mit doppelten Alleen besetzt, unter welchen auf einzelnen Strecken Kaufbuden einen immerwährenden Markt unterhalten. Durchkreuzt wird der Cours durch die von Osten nach Westen zum Alten Hafen ziehende Rue Cannebière und deren neue östl. Fortsetzung (Allée de Meilhan und Boulevard de la Madeleine), die reichste und prächtigste Straße M.s. Die Altstadt, der größere und volkreichere Teil, zieht sich im Westen des Cours hufeisenförmig auf höherm Terrain zu dem Alten Hafen herab und hat enge, steile und winkelige Gassen, unansehnliche Häuser, dunkle Klostermauern und Kirchen. Im Norden dieser Altstadt ist seit dem Bau des neuen Hafenbassins ein ganz neuer Stadtteil entstanden (Ville maritime), der für 60000 E. Raum hat und dessen durch die Altstadt hindurchgebrochene Rue de la République den Alten und Neuen Hafen verbindet. Die Neustadt, östlich vom Cours, hat schöne, gerade, breite und reinliche Straßen, massive, zum Teil palastähnliche Häuser und Hotels. Die frühere Kathedrale, die älteste Kirche Galliens, auf den Ruinen eines Dianentempels erbaut, nur durch einige uralte Säulen merkwürdig, wurde niedergerissen und durch die Neue Kathedrale ersetzt, eine Basilika im byzant. Stile, mit mehrern Kuppeln von malerischem Effekt. Auch die alte berühmte Kapelle Notre-Dame de la Garde, 1214 auf der nach ihr benannten Felsenhöhe im Süden des Alten Hafens erbaut, ist durch eine neue große Kirche im roman.⸗byzant. Stile ersetzt, im Innern mit Marmorsäulen und mit Wandgemälden vom düsseldorfer Maler Müller geschmückt. Die neuerdings vollendete St. Michaeliskirche, ein schöner got. Bau, faßt 4000 Menschen. Die reform. Konsistorialkirche ist ein hübscher moderner Bau. Die Griechen haben eine Kapelle und die Juden eine Konsistorialsynagoge. Zu den bedeutendsten öffentlichen Gebäuden gehören: das Stadthaus am Kai mit Bildsäulen und Karyatiden von Puget, der 1858—-60 erbaute großartige Justizpalast mit der Statue Berryers vor dem Aufgang, die 1854—60 von der Handelskammer aufgeführte Börse in Form eines griech. Tempels, die neue Präfektur, der erzbischöfl. Palast, das Große Theater von 1784, die auf 32 Säulen toscan. Stils ruhende neue Markthalle (Halle Puget), das Hötel-Dieu, die Quarantäne-Anstalt, der Bahnhof, die prachtvollen Kais und die neue Schule der Künste (und Bibliothek) mit imposanter Facade. Das prächtigste Bauwerk Mis ist das Chäteau d'CEau (Palais de Longchamp) mit dem dahinter liegenden zoolog. Garten und dem naturhistor. Museum, der Sternwarte, sowie einer Bildergalerie in den Seitenflügeln. Unter den zahlreichen Plätzen zeichnen sich aus der Börsenplatz (früher Place-Royale), der St. Michaels- und der St.⸗Ferréolplatz, alle drei, wie einige andere, mit Springbrunnen, Baumgängen, Grasplätzen und Blumenbeeten versehen. Auch fehlt es nicht an schönen Promenaden innerhalb und außerhalb der Stadt. Unter diesen ist besonders die Promenade des Prado zu bemerken, welche 4 Km lang, in doppelten Platanenalleen von der Stadt zum Meere führt. An derselben liegt das der Stadt gehörige Chäteau Borelli mit interessanten, auch phönizischen Antiquitätensammlungen und einem schönen Park. Der Alte Hafen der Stadt (900 melang, 300 m breit, 28 ha Fläche, 4—6 m tief), gegen alle Winde geschützt und etwa 1200 Kauffahrern Raum bietend, aber für Kriegsschiffe nicht geeignet, zeigte sich, nachdem M. 1818 zum Freihafen erklärt worden, für den Schiffahrtsverkehr nicht mehr hinreichend, und es begannen seit 1823 erweiternde Bauten. Durch einen 1300 m langen Damm und zwei kürzere Querdämme wurde 1853 vor dem nordl. Abschnitt der Altstadt der Port de la Joliette, ein längliches Viereck von 22 ha, geschaffen und durch einen Kanal mit dem Alten Hafen verbunden. Dazu kamen die 1864 vollendeten Hafenbassins du Dock, de la eine Hasenf National, Lazaret, d'Arenc,] durch eine g zusammen eine Hafenfläche von 171 ha mit einer baues bei Kailänge von 7,2 km. Doch auch dies reichte nicht Das Klima hin, und man hat bereits mehrmals Erweiterungen Winter 7½ und Verbesserungen gemacht, die noch nicht völlig sehr häufig zum Abschluß gebracht sind. Die Reede von M. (Mistral) erstreckt sich von Cap Croisette im Südosten bis wechsels sch Cap Couronne im Nordwesten 28 EKm weit. Die⸗ M. hat ei selbe bietet in den der Stadt fast westlich gegenüber-ein Arbeiter liegenden, durch Batterien gedeckten Felsinseln eine Hande Pomegue und Ratonneau den ersten Schutz und Keinen Gewe hat nur eine einzige, durch einen Turm bezeichnete] den Gesell Klippe (le Canoubier), während außerdem vier der Wissenf Leuchttürme die Schiffahrt sichern. Am nördl. die Societé Eingang zum Alten Hafen liegt das Fort St.⸗Jean, tenbau, südlich gegenüber das Fort Nicolas, die Citadelle Pharmacie und mehrere Batterien. Nahe östlich von Pomogue werbfleiß und Ratonneau befindet sich die Klippe If mit dem Seifensiede Fort Chäteau d'If, das, im 16. Jahrh. erbaut, Soda⸗, Zuc öfters als Staatsgefängnis gedient hat und durch Mühlen, W Dumas' Roman Monte Christop berühmt gewor⸗ gießereien, den ist. Rückwärts der Stadt, auf den sie um⸗ ten und ver gebenden Anhöhen, liegen Fabriken, Gärten, Wein⸗ ments. A berge und zwischen Oliven⸗ und Maulbeerpflan⸗ Bierbrauer zungen wenigstens 5000 Bastiden (Landhäuser). Die ö macherei,‚ Stadt wird mit Wasser aus der Durance versehen Tonnen, berühmte Wasserleitung. Jahrestemperatur 14,8 C., 21/¾1e C.) ist infolge des scharfen Nordwestwindes verbundenen Temperatur-Personen nicht zuträglich. erster Instanz, ein Handels⸗, und sechs Friedensgerichte, Ackerbaukammer, sowie eine große Menge Unterrichts⸗ und wissenschaftlicher Anstalten, wie eine Fakultät für Wissenschaften, eine Schule für Medizin und Pharmacie, ein Pyceum, ein theol. Seminar, eine Handelsschule, eine Kunstschule, ein Taubstummeninstitut, eine Spezialschule für orientalische Sprachen, eine Schule für Hydrographie und für Schiffsjungen, unentgeltliche Vorlesungen über Kunst und Gewerbe, über Physik und Chemie, Naturgeschichte u. s. w. Im ganzen gibt es neun 103 Kommunal⸗ und 260 freie Primärschulen. Ferner besteht eine Bibliothek von mehr als 80000 Bänden und 1300 Handschriften nebst Prachtgebäude der Ecole des beaux Arts, ein reiches Stadtharchiv, ein Marineobservatorium, ein Museum für Altertümer, für Gemälde und Naturalien (eins der reichsten Frankreichs), ein großes Theater, sowie mehrere kleinere. Unter nennen die Akademie Litteratur und Künste, Philosophie, Agrikultur, Gar-Geographie, Medizin und Der Kunst⸗ und Gehoher Blüte. Es gibt viele Olmühlen, Gerbereien, sowie , Zündholzfabriken, mehrere Hohöfen, Eisenmetallurgische Etablissebeschäftigen viele Hände die Behandlung der Weine, die Hutvon Matten, Fässern, die Fabrikation von Nudeln, Konfitüren, Konserven, Parfümerien etc. Den Geschäftsbetrieb unterstützen eine Menge von Banke, Kredit⸗ und Assekuranzinstituten, Handels- und Dampfschiffahrtsgesellschaften. Die Bankfiliale machte 1876 für 342 Mill. Frs. Escomptierungen. M.s Handel hat besonders seit der Eroberung Algeriens einen rapiden Aufschwung genommen und erstreckt sich jetzt nach allen Weltteilen. Besonders aber versieht es den algier. und levant. Handel. Der Packetbootdienst umfaßt die Linien nach den wichtigsten Häfen des Mittelmeers, nach Italien, Malta, Griechenland, Konstantinopel, Donaumündung, Alexandria, Algier, Tunis, Barcelona, Alicante, Cadiz und von da nach Westindien, Brasilien und dem La-Plata, endlich nach Ostindien, Japan, China und Australien. Hauptausfuhrartikel sind Seidenzeuge, Wollstoffe, Baumwollgewebe, raffinierter Zucker, Weine und Spirituosen, Ole, Seifen, Gerbereiartikel, Gold⸗ und Silberstoffe, Glas⸗, Quincaillerie-und Bijouteriewaren u. s. w. Der Haupteinfuhrartikel ist Getreide aus dem Schwarzen Meer und aus Algerien; sodann Seide, Eisen, Blei, Kupfer, Rohwolle, Bauholz, Rohzucker, Kaffee (meist aus Brasilien), Baumwolle, Farbehölzer, Kakao, Gummi, Pfeffer, holländ. Käse, Stockfische, Thran, Schwämme, Häute, Reis, Wein, Branntwein und Steinkohlen. Geschichtliches. M. gehört zu den ältesten europ. Städten, wurde von den Phocäern schon um 600 v. Chr. gegründet, hieß griech. Massalia, lat. Massilia, war ein aristokratischer Freistaat, sowie der Mutterstaat griech. Kolonien an der gallischen und hispanischen Küste und blühte durch Handel und Schiffahrt bis 50 v. Chr. Ein berühmter Sitz der Kunst und Gelehrsamkeit, wird es von Cicero bezeichnet als das Athen Galliens, von Plinius als die Beherrscherin der Wissenschaften. Mit Rom war es von alters her befreundet, verlor aber seit dem Bürgerkriege zwischen Pompejus und Cäsar, wo es auf der Seite des erstern stand, an polit. Bedeutung. Aber die ausgezeichnete Handelslage machte die Griechenstadt bald wieder zum großen Emporium. Auch das Christentum wurde von M. aus mittels griech. Sprache und Bildung nach Südgallien getragen. Zur Zeit der Völkerwanderung fiel die Stadt in die Hände der verschiedenen Gallien erobernden Völkerschaften. Später kam es an Burgund und Arelat. In den unruhigen Zeiten des Mittelalters wußte es sich stets seine Unabhängigkeit und Freiheiten zu bewahren, bis es endlich 1482 den Königen von Frankreich sich unterwerfen mußte. Vgl. Saurel, M. et ses environso (5. Aufl., Par. 1882).