Chalons-fur-Marne, Hauptstadt des franz. Depart. Marne, im östl. Teile der Champagne, 173 km östlich von Paris, an der Ostbahn, in 82 m Höhe, ist mit Mauern umgeben und von zwei Armen der Marne durchflossen, über welche 22 Brücken führen. Die Stadt zählt (1876) 20 236 E., hat zwar enge, aber doch ziemlich regelmäßig gebaute Straßen und besitzt mehrere ausgezeichnete Gebäude, wie die große, 1138 und 1230 abgebrannte, von Ludwig XIV. zum Teil, in ihrem Südportal erst 1850 wiederhergestellte Kathedrale (St.⸗Stephan) gemischten Stils mit einem roman. und einem got. Turm und Resten trefflicher Glasmalereien; die schöne Kirche Notre-Dame aus dem 12. und 13. Jahrh., die in der Revolutionszeit teilweise zerstört, aber geschmackvoll wieder erge⸗⸗ stellt ist; das Stadthaus von 1771; die Prasektur (ehemals Hotel der Zuhendont, ein schätzbares Archiv enthaltend), eine prot. Kirche, Synagoge u. a. C. ist der Sitz eines Bischofs, welcher vor der Revolution der zweite geistliche Graf und Pair des Reichs war, der Departementsbehörden, eines Tribunals erster Instanz, eines Handels⸗ und eines Arbeiterschiedsgerichts sowie eines Gewerberats. Es befinden sich hier eine ausgezeichnete Gewerbe-1 schule (im alten Seminargebäude) für 300 Zöglinge, die auf Staatskosten unterhalten werden, ein Kommunal-College (im ehemaligen Jes uitenhause), ein Großes und ein Kleines Priester⸗, sowie ein Lehrerseminar, eine Bibliothek von 25600 Bänden. ein Naturalienkabinett, Gesellschaften für Ackerbau, Tierarzneikunde, Handel, Künste und Wissenschaf⸗ ö ten, ein Theater, ein Irrenhaus, ein Zellengefängnis u. s. w. Die schöne Promenade du Jard am x Marnekanal enthält 36 Alleen mit 1800 uralten Ulmen; sie liegt im frühern Bett der Marne, welche 1776 abgeleitet wurde. Industriezweige sind hauptsächlich Gerberei, Fabrikation von Woll⸗ und Baumwollzeugen, von Leinwand, Hanfleinwand und Gurten, von Strumpfwaren und Schuhmacherarbeiten, sowie die Produktion von Wein, Hanf, e Spargel und Melonen. Der lebhafte Handel be-l schäftigt sich insbesondere mit dem Vertriebe von 1 Champagnerwein, von dem jährlich im Durchschnitt 1 Mill. Flaschen ausgeführt werden. In der Vor-1 stadt befinden sich im Etablissement Jacquesson zu 1 dem Zwecke Kellereien von über 10 km Ausdehnung, die über 3 Mill. Flaschen +4* Hieran schließt sich der Verkehr in Getreide, Mehl,‚, Wolle, Hanf, Olsaat, Samen, Holz, Gips und verschiedenen eigenen Fabrikaten. Es werden jährlich neun Märkte gehalten. C. ist das alte Catalaunum oder Durocatalaunum im Lande der Catalauni, die zu Gallia Belgica gehörten. Im J. 273 n. Chr. schlug hier Aurelianus den Tetricus, 366 e auf die Alamannen. Auch fand in der Nähe auf den Catalaunischen Feldern (s. d.) 451 die große Niederlage Attilas statt, der die Stadt schonte, angeblich durch die Beredsamkeit ihres Bischofs St.⸗Alpinus bewogen. C. wurde 643 vom Grafen Herbert von Vermandois, 931 von Rudolf von Burgund, 947 von Robert von Vermandois erobert und verheert. Im J. 1147 predigte hier der heil. Bernhard den zweiten Kreuzzug. Im J. 1360 vereinigte König Johann die Grafschaft Chälons mit dem Königreiche; 1430 und 1434 schlug C. 8000 gegen die Stadt anrückende Engländer zurück. . V. verlegte 1589 das Parlament von Paris nach C., welches 15. Juni 1591 die balle⸗ Heinrich IV. gerichtete Exkommunikationsbulle Gregors XIV. öffentlich durch den Henker verbrennen ließ, sowie 1592 die Bulle Clemens' VIII. Am 4. Febr. 1814 eroberten die Preußen unter Vork die Vorstadt St.⸗Memmie gegen Macdonald und besetzten 5. Febr. nach dessen Abzug die Stadt selbst; 3. Juli 1815 wurde sie von Tschernytschew erobert und dabei General Rigault gefangen. Napoleon III. errichtete 1856 das berühmte Lager von C., 24 km im Nordosten der Stadt C., zwischen der Vesle und Suippes, als lbungslager für die franz. Truppen. Bei Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs war dasselbe das Standquartier des 6. Armeekorps unter Marschall Canrobert, der zugleich den Auftrag zu schleunigster Organisierung der Mobilarde erhielt. Nach den ersten Niederlagen der Franzosen und nachdem Canrobert mit seinen Truppen nach Metz abgegangen, zogen sich die Trümmer der Armee Mac-Mahons und des Korps de Faillys nach C. zurück, wo sich die Truppen unter dem Oberbefehle Mac-Mahons verstärkten und neu organisierten. In der Nacht vom 21. auf den 22. Aug. 1870 verließen dieselben jedoch das Lager, das sie teilweise verbrannten, und schon 22. Aug. wurde die Stadt C. von deutschen Truppen besetzt.