Memel, Kreisstadt und Seehafen im Regierungsbezirk Königsberg der preuß. Provinz Ostpreußen, zugleich die nördlichste Stadt in Deutschland, liegt unweit der russ. Grenze an dem Eingange des Kurischen Haffs, an der Mündung der Dange in dasselbe, Station der Linie Tilsit-M. der Preußischen Staatsbahnen, ist Sitz eines Landratsamts, eines Land- und Amtsgerichts, eines Hauptzollamts, einer Reichsbankstelle und einer Lotsenstation und zählt (1880) 19660 meist prot. E. Der Hafen ist gut, geräumig, sicher, fast stets eisfrei und hat bei der Einfahrt 5— 6 m Tiefe. Vor demselben steht auf einem Hügel ein Leuchtturm von 23 m Höhe und auf der äußersten Molenspitze ein zweiter, eiserner, 1884 erbaut, 10 m hoch. Gegenüber, auf der äußersten Nordspitze der Kurischen Nehrung, wurde 1866 ein Fort erbaut. Von höhern Unterrichtsanstalten besitzt die Stadt ein Gymnasium, zwei höhere Töchterschulen und eine Navigationsschule. Von Bedeutung sind die Fabriken für chem. Produkte, Kalk-⸗ und Ziegelbrennereien, Eisengießereien, Bierbrauerei und Seifensiederei. Die hauptsächlichste Erwerbsquelle der Bevölkerung bildet der Handel mit Holz und Getreide, sowie mit Lumpen, Flachs, Hanf und Sämereien. Das Holz kommt aus Rußland und wird auf dem Memelflusse und dem 1873 der Benutzung übergebenen König-Wilhelms-Kanal 49 2 M. befördert; mit seiner Zurichtung sind bei M. etwa 30 Sägemühlen beschäftigt. Das Getreide und die übrigen Agrikulturprodukte Litauens werden zum großen Teil über M. ausgeführt. Der Gesamtwert der Einfuhr (Salz, Kohlen, Heringe, Eisen u. s. w.) betrug (1884) 24, der der Ausfuhr 21 Mill. Mark, wovon über die Hälfte auf Holz kommt. Die Stadt wurde 1253 unter den Mauern der Ordensburg Memelburg gegründet, wurde Memelburg genannt und bekam 1254 Lübecker Recht. Da die Stadt auf dem Gebiete des Bischofs von Kurland erbaut war, gehörte ein Drittel derselben diesem, zwei Drittel besaß der livländ. Orden. Letzterer übertrug seinen Anteil 1326 dem preuß. Orden, der 1328 die ganze Stadt erhielt und sie 1404 aufs neue befestigte. Sie hatte in den Kriegen mit den Litauern und Polen im 13. bis 15. Jahrh. viel zu leiden, war im 17. Jahrh. eine Zeit lang in den Händen der Schweden, wurde 1757 von den Russen besetzt und war 1806, nach der Schlacht bei Jena, der Aufenthalt Friedrich Wilhelms III. Am 28. Jan. 1807 wurde daselbst ein Traktat zwischen England und Preußen entworfen in Betreff der Entsagung des letztern auf Hannover und der Herstellung der gegenseitigen Handelsbeziehungen. Am 27. Dez. 1812 wurde M. von den Russen besetzt infolge der Kapitulation zwischen Trabenfeld und Paulucci. Seit ihrer Gründung wurde die Stadt neunmal durch feindliche Heere oder durch Feuers—⸗ brunst zerstört; der große Brand vom 5. Okt. 1854 legte über die halbe Stadt in Asche. Der Kreis Memel, die nördlichste Spitze der Provinz Ostpreußen, sowie überhaupt des ganzen preuß. Staats und des Deutschen Reichs, umfaßt 841 akm mit (1880) 59 748 meist prot. E.