Memoiren (rz.) oder Denkwürdigkeiten stehen zur eigentlichen Geschichtschreibung in einem ähnlichen Verhältnis wie die Chroniken, nur daß diese letztern die Thatsachen einfach und oft mit einer gewissen Dürftigkeit hinstellen, während das Wesen der M. in einer Entwickelung des Einzelnen und in einer durch die Subjektivität des Darstellers bedingten Darlegung der innern Motive besteht. Der Memoirenschreiber umfaßt gewöhnlich nur die Erscheinungen, an denen er selbst teilgenommen hat oder deren Zeitgenosse er wenigstens gewesen ist. Daher tragen die Produktionen dieses histor. Genre, die seit dem Mittelalter eine höchst ergiebige Fundgrube für den Geschichtsforscher bilden, ihrer ganzen Anlage nach insgesamt ein mehr oder weniger individuelles Gepräge an sich. Das klassische Altertum hat nur zwei Schriftsteller aufzuweisen, welche als Muster dieser Gattung genannt werden können: Xenophon und Cäsar. Unter allen modernen Völkern sind die Engländer und Franzosen am reichsten an histor. Denkwürdigkeiten. In England gewinnen dieselben besonders seit der Regierung der Königin Elisabeth an Bedeutung, welche sich noch steigert in den M. aus der Zeit der innern Kämpfe des 17. Jahrh. (Die bedeutendsten dieser Erscheinungen sind zusammengestellt in Guizots 4Collection des mémoires relatifs à la révolution d'Angleterren, 33 Bde., Par. 1823.) Von da an reicht eine ununterbrochene Reihe von Denkwürdigkeiten bis zur Gegenwart, unter denen die Aufzeichnungen der größten Staatsmänner, wie Walpoles, Bolingbrokes u. a. sich befinden. Steter Hinblick auf das Staatsleben und lebendiger Patriotismus zeichnet die meisten englischen M. aus. Eine noch bedeutendere Rolle spielen die M. in Frankreich. Hier sind besonders in derjenigen Gattung der M., deren wesentlicher Inhalt die histor.⸗ psychol. Analyse von Hofintriguen und Kabalen ist, unübertreffliche Meisterwerke vorhanden. Viele freilich bestehen auch bloß in loser Aneinanderreihung pikanter Anekdoten. Die ersten Erzeugnisse dieses Genre finden sich im 13. Jahrh., zu einer Zeit, wo man anfing, sich zur Abfassung der anspruchslosen Chroniken der Vulgärsprache zu bedienen. Geoffroy de Villehardouin steht mit seinem naiven Geschichtswerke über das lat. Kaisertum auf der Grenze der beiden Gattungen, während Joinvilles Geschichtserzählung von Ludwig IX. mit Recht lange Zeit als das Muster der historischen M. betrachtet worden ist. Froissart hat seinem Geschichtswerk mehr den Charakter der Chronik gegeben, obwohl seine lebensfrische Darstellung nicht selten memoirenartig auseinander fällt. Ihm schließt sich Philippe de Commines an, dessen Erinnerungen aus der Zeit Ludwigs XI. zu den Meisterwerken der praktischen Politik zu zählen sind. Von großer Bedeutung sind die Werke dieser Art aus dem 16. Jahrh., weil man aus ihnen die religiösen Spaltungen, sowie die endlosen polit. Konflikte dieser Zeit in viel lebendigern Zügen kennen lernt als aus den Schilderungen der offiziellen Geschichte. Vor allen zeichnen sich hier aus Blaise de Montlue, Gaspard de Saulx-Tavannes (1530—73), Margarete von Valois, Heinrichs IV. erste Gemahlin, und das später fallende, gleichfalls lateinisch geschriebene Geschichtswerk von de Thou, welches den Zeitraum 1544—1607 behandelt. Brantömes Denkwürdigkeiten sind mit einer Frivolität abgefaßt, welche oft ans Obscöne streift, während die Economies royaleso von Sully, eins der wichtigsten Quellenwerke für die Geschichte Heinrichs IV., ein schönes Bild vom reinen Charakter ihres Verfassers gewähren. Seit der Regierungszeit Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. arten die französischen M. mehr und mehr zur Chronique scandaleuse des Hoflebens aus. Mit dem Beginn der Revolution wuchs die Memoirenlitteratur in ungeheuerm Maße; aber vieles von dem, was man unter berühmten Namen in Umlauf setzte, kann keinen Anspruch auf Authenticität machen. überhaupt ward in neuerer Zeit die Memoirenabfassung in ausgedehntem Maße betrieben. In dieser Beziehung ist besonders Soulavie zu nennen, dessen Sammlungen jetzt durch die «Collection des mémoires relatifs à Phistoire de la révolution françaisep (30 Bde., Par. 1822 —28) und einige ähnliche Publikationen verdrängt worden sind. Aus der Napoleonischen Zeit haben fast alle bedeutendern Generale, aber auch viele andere Personen, die mit Napoleon I. in Berührung kamen, ihre Beobachtungen und Erlebnisse der Nachwelt überliefert. Unter den neuern Erscheinungen auf dem Gebiete der franz. Memoirenlitteratur haben eigentlich nur die des Marschalls Marmont und Guizots eine höhere Bedeutung. In Deutschland ist die Zahl der M. von wirklich histor. Werte noch sehr gering. Nur in dem Gebiete der litterarischen Denkwürdigkeiten besitzt die deutsche Litteratur an Goethes Dichtung und Wahrheito und einigen ähnlichen Werken Produktionen, deren Wert auch spätere Zeiten anerkennen werden. Was die Beleuchtung polit. Ereignisse anbetrifft, so hat die deutsche Litteratur von ältern Erscheinungen dieser Art außer Dohms «Denkwürdigkeiteno wenig von nachhaltiger Wirkung aufzuweisen. Unter den Männern, welche sich mit Talent der Pflege dieses Zweigs zugewendet haben, sind, außer einigen preuß. Generalen, Gentz, Gagern, Arndt, Ritter von Lang und Hormayr, vor allen aber Varnhagen von Ense zu nennen. (lien, Denkwürdigkeiten. Memoraäbel (lat.), denkwürdig; Memorabi⸗