Sage bezeichnet im ursprünglichen Sinne soviel als Aussage oder das, was erzählt wird, im engern Sinne gegenwärtig einen über eine Begebenheit mündlich fortgeflanzten Bericht, dessen Urheber unbekannt ist. Bei der Bildung und Fortpflanzung der S. sind vorzugsweise das Gedächtnis und die Phantasie thätig. Sobald ein Volk die Erinnerung an seine eigenen Erlebnisse, Thaten und bedeutende Männer festzuhalten beginnt, macht auch, schon bei der ersten Fassung und stärker noch im Verlaufe der mündlichen Überlieferung, die Phantasie ihre Rechte geltend. überwiegend auf die Hauptidee gerichtet, beachtet sie Nebenumstände nur insoweit, als sie geeignet erscheinen, jene Einne fen zu stützen; ja sie bildet dieselben auch im inne jener Idee um und fügt aus eigener Macht neue unhistor. Nebenzüge hinzu. Dies alles thut sie aber, ohne ihrer Absicht sich deutlich bewußt zu sein, und im Glauben, nur der Wahrheit zu dienen; denn histor. und poetische Wahrheit fällt auf dieser Entwickelungsstufe des Volkes noch fast zusammen. lberlieferung dieser Art, welche an Personen, Orte und Handlungen sich knüpft, ist geschichtliche und örtliche S. und, soweit sie an die Helden des Volks sich lehnt, Heldensage (s. d.). Auch an ältere Kunstwerke haben sich immer gern S. geknüpft, in denen das Volk das Kunstwerk, dessen wirkliche Bedeutung ihm unbekannt ist, sich auf seine Weise zu erllären sucht, sowie andere Sagen dadurch entstehen, daß das Volk Personen⸗ oder Ortsnamen sich deutet und daraus eine Geschichte macht. Erfolgt die Bildung der Volkssage schon in der Urzeit, zugleich mit den Anfängen der Gesittung, mit der Gestaltung der Religion und des Rechts, so greift die Phantasie über die bloßen Ereignisse des Menschenlebens hinaus, faßt, um dem Bedürfnisse des Geistes zu genügen, zuerst unter Anregung der natürlichen, bald auch der sittlichen Erscheinungen die Gottheit in eine Anzahl persönlicher Formen, läßt diese handelnd auftreten und verfährt mit den Handlungen, Zuständen und Erlebnissen, welche dann von diesen öttlichen Personen erzählt werden, ganz in derselben Weise wie mit histor. Begebenheiten. Überlieferung dieser Art heißt Göttersage oder Mythus (s. d.) und, wenn sie auf dem Gebiete monotheistischer dogmatischer Religionen und vorzugsweise der christlichen auftritt, Legende (s. d.). Die Helden⸗ und Göttersage laufen durch Jahrhunderte nebeneinander her und teilen gleiches Schicksal. Altere Gestalten verschwinden gänzlich, und was von ihnen erzählt ward, erbt ganz oder teilweise entweder auf einen oder mehrere ihrer bisherigen Genossen oder auf neu eintrende Personen. Andere werden zwar von der Gesamtheit des Volkes allmählich vernachlässigt, finden aber bei diesem oder jenem Stamme besondere Gunst und Pflege, während dagegen wieder andere von einem einzelnen Stamme her Ansehen und Verbreitung durch das ganze Volk erlangen. Dabei müssen sich natürlich in der S., welche ihrem Ursprung gemäß stets bestimmte Anknüpfung an Zeit und Ort verlangt und ierdurch sich wesentlich vom Märchen (s. d.) untercheidet, die mannigfachsten Verschiebungen der Raum⸗- und Zeitverhältnisse einstellen, sodaß selbst Ereignisse und Personen, die um Hunderte von Meilen und Jahren auseinanderliegen, unbedenklich um einen neuen gemeinschaftlichen Mittelpunkt gruppiert werden. Auch treten noch vielfache und im Verlaufe wachsende Beziehungen und übergänge zwischen Mythus und S. hinzu: Götter sinken herab zu Helden, werden folglich an bestimmte Zeit- und Raumverhältnisse geknüpft und vermenschlicht, andererseits werden Helden unter die Götter erhoben und demgemäß der irdischen Beschränkung entkleidet. Auf einem solchen durch die Verbindung der Helden⸗ und Göttersage gebildeten Grunde erwachsen dann die Volkssagen, von denen die Ilias, die Odyssee und das Nibelungenlied die vollendetsten Beispiele darbieten. Man spricht auch von Tiersagen, aber dem Wesen der Sage und des Märchens entspricht doch besser die Bezeichnung Tiermärchen. Die örtlichen und geschichtlichen, zum Teil noch im Volk lebenden deutschen Sagen haben die Brüder Grimm, «Deutsche Sagen v (2 Bde., Berl. 1816—18; 2. Aufl. 1865 — 66) zuerst planmäßig aus ältern schriftlichen Quellen und aus dem Volksmunde gesammelt und ohne Ausschmückung und Aufputz wiedererzählt und diese Sammlung ward das Muster der zahlreichen, seitdem erschienenen Sammlungen. Vgl. über die deutsche Sagenlitteratur von Bahder, «Die deutsche Philologie im Grundrißo (Paderb. 1883).