FeedMidhat Pascha
GeschichteBrockhaus 1882

Midhat Pascha, bedeutender türk. Staatsmann und Führer der jungtürk. Reformpartei, geb. 1822 in einer kleinen bulgar. Ortschaft, erhielt eine gute Schulbildung und trat 1839 alsHilfsschreiber zu Rustschuk in die Civiladministration ein. Bis gegen die Mitte der sechziger Jahre rückte er nur langsam in seiner Laufbahn vorwärts. Er war Kaimakam oder Bezirksvorsteher, als der damalige türk. Minister des Auswärtigen, Fuad Pascha, seine Ernennung zum Generalgouverneur (Valy) der damals neugeschaffenen Donauprovinz (Bulgarien) unter Erhebung zum Pascha veranlaßte. M. verwaltete diese Provinz in musterhafter Weise bis gegen Ende 1867, wo er als Minister der öffentlichen Bauten in das osman. Kabinett eintrat. Doch wurde er schon 1868 auf Betrieb des ihm feindlich gesinnten Großveziers Aali Pascha als Generalgouverneur der Provinz Irak Arabi nach Bagdad gesandt. Nachdem er hier erfolgreich gewirkt, namentlich für die Verbesserung der Schifffahrt auf dem Euphrat und Tigris viel gethan hatte, kehrte er Ende 1871 nach Konstantinopel zurück und wurde 31. Juli 1872 zum Großvezier ernannt, trat aber schon nach zwei Monaten zurück. Im Mai 1876 wurde M. wieder Mitglied des Kadinetts als Minister ohne Portefeuille; er beteiligte sich lebhaft an der Bewegung, welche den Sturz des Sultans Abd-ul-Asis herbeiführte, und wurde vom Sultan Abd-ul-Hamid 19. Dez. 1876 zum Großvezier ernannt. Sein erster Schritt in dieser Stellung war die Proklamierung einer Verfassung (23. Dez.). Dieser Akt geschah in Gegenwart der damals zur Konferenz in Konstantinopel versammelten Staatsmänner und wesentlich in der Absicht, um unter Berufung auf die in der Verfassungsurkunde in Aussicht gestellten Reformen die seitens der Konferenz gestellten Forderungen abzulehnen. M. erreichte seinen Zweck, sofern die Konferenz 22. Jan. 1877 resultatlos auseinanderging, fiel aber schon 5. Febr. einer Palastintrigue zum Opfer, wurde auf einem Regierungsdampfer nach Italien gebracht und begab sich von da nach Paris und London. Erst 1878 wurde ihm vom Sultan die Rückkehr gestattet und Candia als Aufenthaltsort angewiesen. Zwei Monate nachher wurde er zum Gouverneur von Syrien und später zum Gouverneur von Smyrna ernannt. Hier wurde er plötzlich unter der Anklage der Beteiligung an der Ermordung des Sultans Abdul-Asis verhaftet, nach Konstantinopel gebracht und 29. Juni 1881 nebst acht Genossen zum Tode verurteilt, welche Strafe infolge diplomatischer Vorstellungen vom Sultan in Verbannung nach Taif in Südarabien verwandelt wurde. Dort starb er 8. Mai 1884.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 702Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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