Moskwa das großartige Findelhaus und im Westen des Kreml der Kremlgarten und das berühmte Exerzierhaus. Semljänoigorod oder die Erdstadt (nach einem frühern Erdwall), umgibt alle drei genannten Stadtteile in einem weiten, auch auf das rechte Ufer der Moskwa hinüberreichenden, fast kreisförmigen Ringe, von innen und nach außen von einem Kranze schöner, breiter, jedoch miehrfach unterbrochener Boulevards eingefaßt. Dieser Teil, reichlich dreimal so groß als Bjeloigorod, zählt wegen der vielen Gärten, die sich zwischen die Straßen und die Wohnhäuser einschieben, doch kaum doppelt soviel Einwohner, enthält minder schöne Gebäude, weite Holzhäuser, Kasernen, Fleisch⸗ und Brotscharren, Baracken u. s. w. Die Vorstädte oder Sloboden endlich, welche wiederum die Erdstadt in einem breiten Kranze umgeben und erst die Außenthore enthalten, nehmen etwa vier Fünftel vom lreal M.s oder weit über 50 qkm ein, zählen aber nicht viel über die Hälfte der Gesamtbevölkerung, indem sie zahlreiche, zum Teil sehr große Gärten, sogar noch Weideplätze, Felder und wüste Plätze, auch das Jungfraufeld, den Tummelplatz der Volksfeste, enthalten. M. galt stets als eine der reichsten, prächtigsten und originellsten Städte, in der sich fast alle Völker Europas und Asiens, fast alle Religionen der Erde und fast alle Baustile, der griechische wie der italienische, der gotische wie der byzantinische, der tatarische wie der persische, vereint wiederfinden, und die auch in dem Kontrast dichtbevölkerter Stadtteile und unbebauter Flächen einen halb europ., halb asiat. Charakter trägt. Seit dem Brande von 1812, der zwei Drittel ihrer Gebäude zerstörte, hat sich die Physiognomie der Stadt sehr zum Vorteil verändert, doch ist die Restauration meist im alten Stil erfolgt und die alte Unregelmäßigkeit der Anlage noch immer charakteristisch. Die Straßen gewähren selten lange Prospekte, krümmen sich bald und gehen fast überall, besonders im Osten, über hügeliges Terrain. Unter den Plätzen sind der zwischen der Kremlmauer und dem Riady gelegene (Krasnaja Ploschtschadj) und der Theaterplatz die bedeutendsten. Zur Signatur M.s, der heiligen Stadt der Russen, gehören die überaus zahlreichen (gegen 400) Kathedral⸗, Pfarr⸗ und Klosterkirchen und Kapellen. Unter den Kirchen ist nach der Erlöserkirche die bedeutendste die im Kreml gelegene Krönungskathedrale (Uspensky Sobor). Die Kapelle der heil. Jungfrau von Iberien (Iwerskaja) steht in der Nähe des Kreml zwischen zwei Thorwegen am Eingang von Kitaigorod und enthält ein wunderthätiges Madonnenbild in kostbarer Einfassung von Gold und Cdelsteinen, welches zur Zeit des Zaren Alexei Michailowitsch von dem Berge Athos nach M. gebracht wurde. Unter den Kirchen M.s befinden sich zwei römisch-katholische, eine armenische, zwei lutherische, eine anglikanische und eine reformierte; auch ist eine kleine Moschee und eine Synagoge vorhanden. Die 18 Klöster, darunter 8 Nonhaben oft 6—8 Kirchen und auf den Friedhö prachtvollsten Denkmäler. Unter den andern Gebäuden, soweit sie nicht zum Kreml gehören, sind besonders zu nennen: das große kaiserl. Theater (nach dem Brande von 1853 wieder aufgebaut), in welchem Ballets und Opern aufgeführt werden, während das kleine Theater fur russ. Schauspiele bestimmt ist; das Universitätsgebäude, das große CExerzierhaus (erbaut von den franz. Generalen Carbonier und Betancourt), 170 melang, 46 mbreit und 12 mhoch, ohne alle Stütze durch Pfeiler; das große Versammlungshaus des Adels (die Sobranie), das sowohl zu Bällen „als auch zu Konzerten benutzt wird; die Gebäude des Kaufmanns⸗, des Englischen und des Deutschen [Klubs, das Findelhaus, das Haus des Grafen Scheremetjew, jetzt Sitz des 1863 reorganisierten Stadtrats (Duma); die von Iwan dem Grausamen gegründete Synodaldruckerei, die Triumphpforte am Eingang der Stadt von der petersburger Seite, die Bahnhöfe, die Mytischtschinsche Wasserleitung, durch welche das Trinkwasser 19 km weit bis auf 11 km hergeleitet, hier von einer Dampfmaschine aufgenommen und in das große achteckige Gebäude Sucharewa Baschnig geführt wird, von wo es sich in die verschiedenen Reservoirs verteilt; das Polytechnische Museum und das 1885 noch im Bau begriffene Historische Museum. Unter den Denkmälern zeichnet sich das bronzene Standbild des Bürgers Minin, das des Fürsten Posharsky und das des Dichters Puschkin (18. Juni 1880 enthüllt aus. Ein anderes Denkmal bilden die vor dem Arsenal des Kreml symmetrisch aufgestellten 875 Kanonen, die im Kriege von 1812 erbeutet wurden. Sonst gehören noch zu den Sehenswürdigkeiten M.s der 1849 vollendete Kremlpalast, der vier prachtvolle Säle enthält und mit der Granowitaya Palata, dem Speise⸗ und Empfangssaale der alten Zaren, in Verbindung steht; die ebenfalls im Kreml gelegene Schatzkammer, in welcher die Reichskleinodien au Beieht werden; das Romanowsche Schloß, auf Befehl des Kaisers Alexander II. in altruss. Geschmack erbaut; die Gemäldegalerie des Hrn. Tretjakow; der an zwei großen Teichen gelegene zoolog. Garten, das im ital. Renaissancestil erbaute öffentliche Museum, welches eine Bibliothek von 250000 Bänden (6000 Handschriften), eine Gemäldegalerie, ein Münzkabinett (17000 Stück) und eine Sammlung von Gipsabgüssen von Werken antiker Skulptur enthält; das Museum des Fürsten Galizyn mit einer Bibliothek und einigen ausgezeichneten ältern ital. Gemälden, die 2r Auklandd Bibliothek, speziell aus Schriften über Rußland bestehend (30000 Bände und 200 Handschriften) u. a. m. M. ist der Sitz des Metropoliten, des Generalkommandos des 1864 errichteten 8. Militärbezirks, eines General-⸗(Militär⸗)Gouverneurs, eines Civilgouverneurs, Bezirks⸗ und Kreisgerichts, eines griech.⸗geistlichen Konsistoriums, eines luth.⸗reform. Konsistoriums, eines Oberpolizeimeisters, sowie einer kaiserl. Universität, der bedeutendsten Rußlands, die 13. Jan. 1755 errichtet, 5. Nov. 1804 reorganisiert, im Sept. 1815 wieder eröffnet wurde. Verbunden mit der Universität sind eine Buchdruckerei, eine Fundamentalbibliothek (165000 Bände) und eine für Kronstudenten (8000 Bände), ein vorzügliches Münzkabinett, eine zoolog. und eine mineralog. Sammlung, ein Museum, ein berühmtes anatom. Theater, ein physikal. Kabinett, ein chem. Laboratorium, ein botan. Garten, eine Sternwarte (55 45“ 19,8“, nördl. Br. und 557 4,5“ östl. L. von Ferro), die mediz.⸗chirurg. Akademie (jetzt mediz. Fakultät) mit Klinikum, verschiedene Unterrichts- und Bildungsanstalten, sowie mehrere gelehrte Gesellschaften, wie namentlich die sehr thätige kaiserl. Gesellschaft der Naturforscher und die Gesellschaft der Freunde der Naturwissenschaften. Außer dieser gibt es in M. Gesellschaften sür russ. Geschichte und Altertümer, für Akklimatisation der Tiere und Pflanzen, für Freunde des Gartenbaues, eine kaiserl. Gesellschaft für Landwirtschaft u. m. a. Von Lehranstalten sind noch zu nennen: ein griech.⸗geistliches Seminar, die praktische Kommerzakademie, die Kommerzschule, das Lasarewsche Institut für orient. Sprachen, sechs Gymnasien für die männliche, fünf für die weibliche Jugend, eine Realschule, zwei Progymnasien, vier Kadettenschulen, die Alexander-Militärschule, die Junkermilitärschule, das Lyceum des Cäsarowitsch Nicolai, eine technische Anstalt, die technische Kamissarow-Schule, drei deutsche Kirchenschulen, eine Theater-⸗, eine Handwerker-, eine landwirtschaftliche und andere Spezialschulen, das Katharinen-, das Alexander⸗ und das Elisabeth-Institut für adelige Mädchen, zahlreiche Kreisschulen, Stadtschulen und geistliche Pfarrschulen, sowie eine Menge Privatpensionsanstalten. Zugleich Erziehungsanstalt ist das großartige Findel- und Waisenhaus (1764 von der Kaiserin Katharina II. gestiftet), in einem stattlichen Gebäude, welches fünf Höfe unischließt und mit den zugehörigen Baulichkeiten eine kleine Stadt für sich bildet. Die Zahl der jährlich aufgenommenen Kinder beträgt 5—6000. Damit in Verbindung stehen ein Witwenhaus für 600 Witwen, eine Entbindungsanstalt, ein Armenhaus, eine Feldschererschule u.s. w. Von Wohlthätigkeitsanstalten, ärztlichen Instituten u. s. w. sind hervorzuheben: das große allgemeine Militärhospital, für 1200 Kranke bestimmt; das Stadthospital, das Scheremetjewsche, Pawlowsche, Galizynsche, Preobraschenskische, das Katharinen- und das Marien-Krankenhaus, zwei Kinderhospitäler, das Krankenhaus für die niedere Arbeitsklasse, die Augenheilanstalt, das Irrenhaus, das Hospital des Kaisers Alexander III., das evang. Hospital u. s. w., sowie eine große Anzahl privater Armen- und Versorgungsanstalten. M. ist die reichste Stadt Rußlands. Früher zeigte der alte und reiche Adel für diese Hauptstadt noch immer eine besondere Vorliebe und hielt mit seiner zahlreichen Dienerschaft dort gern seine luxuriöse Winterresidenz. In jüngster Zeit hat jedoch der Adel aufgehört, den Ton in der Gesellschaft anzugeben; seine Privatpaläste sind größtenteils in den Besitz der Regierung oder der reichen Kaufmannschaft übergegangen. Letztere ist infolge des ungewöhnlichen Aufschwungs, welchen Handel und Fabrikwesen erfahren haben, zu immer höherer Bedeutung gelangt. In seiner Eigenschaft als erste Fabrikstadt Rußlands ist M. in raschem Fortschreiten begriffen. Es bestehen Woll⸗, Tuch⸗, Baumwolls, Kattun⸗, Seidenstoff⸗, Zucker⸗, Leder⸗„Stearinlichtfabriken und Brennereien. Außer dem Comptoir der Staatsbank zählt M. noch 10 Privatbanken. Der Handel M.s umfaßt das ganze Reich und erstreckt sich auch weit über dasselbe hinaus bis Hamburg, Leipzig und Wien, Paris, Marseille, Bordeaux, London, in Asien bis Teheran, in die Bucharei und nach Peking. Auswärtige Konsulate haben hier 20—30 ihren Sitz. Eisenbahnen verbinden M. mit Petersburg, Nishnij-Nowgorod, Jaroslaw, Rjäsan, Kursk und Brest-Litowsk. Außerdem besördern die schiffbare Moskwa und ihr Kanal den Handel. Insbesondere ist M. der Hauptstapelplatz für den europ.⸗asiat. Landhandel. Geschichtliches. M. wurde 1147 von dem Fürsten Juri (Georg) Wladimirowitsch Dolgoruki von Kiew gegründet, 1176 aber unter dem Fürsten Wsewolod 1II. Georgewitsch durch den rjäsanschen Fürsten von Grund aus zerstört und 1237 von den Tataren verheert. Elf Jahre darauf tritt in der Geschichte Michael der Tapfere, der jüngere Bruder Alexander Newskijs, zuerst mit dem Namen eines Fürsten von M. auf, und 1328 verlegte Johann Danilowitsch, welcher den Titel Großfürst führte, seine Residenz von Wladimir nach M. Seitdem blieb M. Hauptstadt des davon benannten Großfürstentums. Gleichzeitig wurde es der Sitz eines Metropoliten. Im 14. Jahrh. wurde die Stadt von den Litauern und Tataren genommen und durch Brand zerstört, 1547 durch eine große Feuersbrunst heimgesucht, 1571 von dem Chan von Astrachan belagert und in Brand gesteckt, infolge der polit. Wirren zu Anfang des 17. Jahrh. von den Polen besetzt und sodann angezündet, aber 1612 durch Minin und Posharsky befreit. Allein immer erhob sich M. von neuem und zu höherm Glanze, obschon 1712 Peter d. Gr. von hier seine Residenz nach GMWas verlegte. Der hürteste Schlag traf M. 1812, wo Napoleon I. mit einer großen Armee 14. und 15. Sept. 1812 in die verlassene Stadt einrückte. (S. Russisch-Deutsch-Französischer Krieg.) Das russ. Heer hatte die Stadt verlassen und war auf dem Marsche nach Kaluga. Die meisten Einwohner hatten sich mit ihren Schätzen geflüchtet; die Vorräte des Arsenals, die öffentlichen Dokumente waren in Sicherheit gebracht; die Verhafteten hatte man aus ihren Gefängnissen entlassen und unter militärischer Obhut nach Nishnij-Nowgorod geschafft. In der Stadt befanden sich kaum noch 12000 Menschen, von denen die Hälfte aus Gesindel bestand, das zu Mord und Aanenim geneigt war, die andere Hälfte aus Kranken in den Hospitälern. Die gewaltige Feuersbrunst, die M. gleich nach dem Einzug des feindlichen Heeres ergriff und, vom 14. bis 21. Sept. ununterbrochen fortdauernd, der Stadt mehr als die Hälfte ihrer Kirchen, Paläste und Häuser kostete, war, wie neuere Forschungen bewiesen haben, das Werk des Grafen Rostoptschin (s. d.), des damaligen Gouverneurs der Stadt, obgleich dieser später in seiner Schrift: „La vérité sur Pincendie de Moscous (Par. 1823) die That ableugnete. Vgl. A. de SEgur, Vie du comte Rostopchine, Gouverneur de Moscou en 18125 (Par. 1872). Erst am 19. rückte Napoleon J. aus der verwüsteten Stadt; doch glich sein Ausmarsch einem Trauerzuge. Mehr als 40000 Mann hatte er während des Brandes verloren. Den Russen kostete die Katastrophe 321 Mill. Rubel an Brand⸗ und Kriegsschäden. Von 9158 Häusern vor dem Brande waren nach demselben nur 2626 übrig; von 8521 Kauf⸗ und Kramläden blieben 1368 unversehrt. M. erhob sich seitdem aber nur großartiger aus Schutt und Asche. Vor dem Brande zählte es 252609, 1816 wieder 166515, 1838 bereits 348562 E. Vgl. Schnitzler, Moscou, tableau statistique, geéographique, topographique et historiquen (Petersb. u. Par. 1834); Meyer, «Russ. Denkmäler, in den J. 1828 und 1835 gesammelt (Bd. 2, Hamb. 1837); Engelhardt, «Russ. Miscellen » (4 Bochn., Petersb. 1828); Kohl, Reise im Innern von Rußland und Polenv (Bd. 1, Lpz. 1841); Großmann, Führer durch M. und Umgebungen» (Mosk. 1882); Fabricius, Le Krimlino (Mosk. 1883). iMoskenström, s. Malström.