FeedMurillo (Bartolomé Esteban)
Bildende KunstBrockhaus 1882

Murillo (Bartolomé Esteban), ausgezeichneter span. Maler, geb. zu Sevilla 31. Dez. 1617, gest. daselbst 3. April 1682, erhielt hier seinen ersten Unterricht in der Schule seines Oheims Juan del Castillo, nachher seit 1643 in Madrid bei dem ersten Hofmaler Velasquez, der ihm Gelegenheit verschaffte, sich nach den Meisterwerken im Escorial und in andern königl. Residenzschlössern weiter auszubilden. Tizian, Correggio, Rubens, van Dyck waren seine Lieblingsmeister. Nach dreijähriger Abwesenheit kehrte er 1645 nach Sevilla zurück, wo er Stifter einer Schule wurde. Seit jener Zeit war er mit Bestellungen für Kirchen, Klöster und große Herren aus ganz Spanien überhäuft. Er brachte eine große Anzahl von Werken hervor, die ihm einen weitverbreiteten Ruhm, ein großes Vermögen und den ersten Rang unter den Malern seines Jahrhunderts erwarben. Ein großes und vielseitiges Talent von einer seltenen Fülle und Leichtigkeit in der Erfindung, von einem im Zauber der Farbe und in der Feinheit des Helldunkels, wie auch in der sinnlich-poetischen Empfindungsweise dem Correggio verwandten Naturell, endlich von der erstaunlichsten Meisterschaft in der Pinselführung, sowohl in größter Breite als in elegantester und zartester Vollendung, versuchte sich M. mit gleicher überlegenheit auf den verschiedenartigsten Gebieten der Malerei. In gewisser Hinsicht Naturalist, ist er es jedoch immer in so eigentümlicher Weise und oft mit einer solchen Lebendigkeit und Begeisterung des Seelenausdrucks, daß man ihn doch auch zu den Idealisten zählen muß. In seinen Werken errschen, Ren nebeneinander, zwei Auffassungswei en. Die eine, derb, kräftig und naturwahr, ist vertreten durch eine beträchtliche Anzahl von Bildern, die zum Teil Vorgänge des gemeinen Lebens, Gassenbuben, Betteljungen, Bauern, Spinnerinnen u. s. w., zum Teil religiöse Gegenstände, besonders biblische Geschichten und heil. Familien, ebenfalls genrehaft behandelt, darstellen. Die andere Weise behält zwar auch das realistische Clement zur Grundlage, verbindet aber damit das Bestreben nach größerer Zartheit und Milde und charakterisiert sich in vielen heil. Familien, Madonnen, Jesus⸗ und Johannesknaben. Obgleich diese keine himmlisch schönen und idealischen Wesen darstellen, hat doch der Maler die Züge der Mütter und Kinder mit einer solchen Weichheit und Sanftheit der Empfindung übergossen, daß sie dadurch idealistische Bedeutung gewinnen. Einen höhern poetischen und pathetischen Schwung nimmt M., wenn er, wie es häufig geschieht, Verzückungen und Visionen von Heiligen darstellt. Zum Biwern und kühnsten Fluge erhebt sich M. in den Bildern der aunbefleckten Empfängnisv, in welchen die Heilige Jungfrau, mit gefalteten Händen, auf einem Halbmond in der Luft stehend und von Engeln umschwebt, ätherisch und verklärt, inbrünstige und heiße Blicke nach dem Himmel richtet, von wo goldener Strahlenglanz auf sie niederströmt. Vas die technische Behandlung angeht, so unterscheiden die span. Kunsthistoriker in den Werken des M. drei Manieren: die cwarmey (calido), die, in einem hellen Goldtone durchgeführt, Kraft mit Wärme und Klarheit der Farbe vereinigt; die akühle (krio) mit einem weichern Vortrag und einer zarten Stimmung und Harmonie der Farben in hellen Silbertönen, und die aduftiges (Vaporoso), in welcher ein blasses, silbergraues Kolorit vorherrscht, das oft noch von großem Reiz und schöner harmonischer Wirkung, bisweilen aber auch zu matt und verschwommen ist. Zu Mis berühmtesten Werken gehören: die Vision des heil. Antonius von Padua, in der Kathedrale von Sevilla, und die für die Kirche des Hospitals De la Caridad ebendaselbst gemalten acht Bilder der Werke der Barmherzigkeit, von welchen nur noch drei in Sevilla, die andern nach England und Rußland gegangen sind. In München befinden sich die Betteljungen, im Belvedere zu Wien ein herrlicher Johannesknabe mit dem Lamm, ein zweiter heil. Antonius mit dem Christuskind in Berlin u. s. w. Vgl. Scott, „M. and the Spanish school of paintingo (Lond. 1872); Lücke, k&Bartolomé Esteban M.y (Lpz. 1877) Tubino, «M., su epoca, su vida, sus cuadroso (1864; deutsch von Stromer, Berl. 18799).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 952Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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