Samen (sperma) heißt die bei Mensch und Tier in den männlichen keimbereitenden Geschlechtsteilen (Hoden) abgesonderte Flüssigkeit, welche, wenn sie einen gewissen Grad von Vollkommenheit (Reife) erreicht hat, das reifeYEichen des Weibes zu befruchten im Stande ist. (S. Befruchtung.) Der menschliche Samen, welcher bedeutend schwerer als das Wasser und bei seiner Aussonderung no mit dem Sekret der Samenbläschen, Wonehenrue 4 der Cowperschen Drüsen, sowie mit Harnröhrenschleim vermischt ist, stellt frisch entleert eine weißliche, schleimig-klebrige Flüssigkeit von eigentümlichem Geruch und alkalischer Reaktion dar, ö welche beim Stehen nach einiger Zeit ziemlich dünnflüssig und beim Eintrocknen gelblich wird. Der reife S. besteht aus einer geringen Menge klarer Flüssigkeit, in welcher sich unzählige scheinbar willkürlich sich bewegende, mikrofkopisch kleine Körperchen, die sog. Samenfäden (Spermatozoen oder Spermatozoiden, Zoospermien, Samentierchen) befinden. Diese Samenfäden, welche sich in dem fruchtbaren S. aller Tiere vorfinden, haben auch bei den meisten derselben ziemlich ähnliche, wiewohl I Formen, nämlich einen runden, ovalen oder birnförmigen Kopf und an diesem einen langen, allmählich spitz zugehenden Faden oder Schwanz. Der Kopf der menschlichen Samentierchen ist eiförmig abgeplattet, von der Seite birnförmig, mit dem spitzern Ende nach vorn und hier leicht napfförmig ausgehöhlt. Der Schwanz ist vorn, wo er durch eine Einschnürung mit dem 9187 tern Ende des Kopfes sich verbindet, breiter und ebenfalls platt und läuft allmählich in eine ganz feine, kaum sichtbare Spitze aus. Das Eigentümlichste der Samenfäden ist die scheinbar willkürliche schlängelnde Bewegung, welche auch veranlaßt hat, daß man sie seit ihrer Entdeckung durch van Hamm und Leeuwenhoek (1677) für Infusionstierchen hielt. Neuere Untersuchungen haben indessen erwiesen, daß diese Bewegungen durchaus nicht willkürliche sind, sondern im wesentlichen den eigentümlichen Flimmer- und Wimperbewegungen entsprechen, welche an vielen tierischen Zellen, z. B. an den Epithelzellen der Luftröhrenschleimhaut beobachtet werden. Die Beweglichkeit behalten die Samenfäden auf lange Zeit bei, sobald nur das Verdunsten des S. verhindert wird. Die Bildung der Samenfäden geschieht innerhalb des Hodens, und zwar in eigenartigen Zellen mit Kernen, sodaß in jedem Kerne ein Samenfaden als ein an der Innenwand desselben spiralig mit zwei bis drei Windungen angelagerter Körper vorhanden ist. Es bersten sodann die Kerne, und die Fäden derselben kommen nun zu 10—20 Stück in die Zelle zu liegen, und zwar ganz regelmäßig mit den Köpfen und Schwänzen zusammen. Endlich platzen auch diese Zellen, und die Samenfäden werden so ganz frei; dies geschieht im Nebenhoden. Von hier aus gelangt der S. in die beiden Samenleiter, zwei cylindrische, innerhalb des Samenstrangs verlaufende Kanäle, welche durch den Leistenkanal nach aufwärts in die Bauchhöhle treten und sich am hintern untern Teile der ane zu den beiden Samenbläschen erweitern; aus ihnen wird bei der Begattung die Samenflüssigkeit in die Harnröhre übergeführt und durch die kräftige Zusammenziehung der Dammmuskulatur ejakuliert. In der Jugend und im Alter, wo der S. unfruchtbar ist, finden sich anstatt der Samenfäden oder neben diesen kleine helle Zellen. Die Befruchtung des Eichens durch den S. ist die notwendige Bedingung für die Entwickelungsfähigkeit des Eichens. Über diesen rätselhaften Vorgang weiß man nur, daß das Eichen mit den Samenfäden in unmittelbare innige Berührung kommen muß, und daß le6ztere ihre Beweglichkeit noch haben müssen; beim Weibe findet dieser Vorgang in der Gebärmutterhöhle oder in einem der Eileiter statt. Über unwillkürliche Samenentleerungen s. Pollutionen. Samen nennt man in der Botanit die geschlechtlich erzeugten Fortpflanzungsorgane der Phanerogamen. Dieselben entwickeln sich aus den sog. Samenknospen, die bei den Angiospermen in der Höhlung des Fruchtknotens eingeschlossen sind, bei den Gymnospermen dagegen frei auf der Oberfläche der Fruchtblätter liegen. (Vgl. Befruchtung und Frucht.) Die Anzahl der ausgebildeten S. stimmt in vielen Fällen mit der der Samenknospen im Fruchtknoten überein, oft ist sie jedoch eine geringere, da nicht alle Samenknospen befruchtet werden oder ihre weitere Entwickelung infolge ungünstiger Raumverhältnisse unterdrückt wird. Je nach der Anzahl der in den Früchten vorhandenen S. nennt man die erstern ein⸗ oder mehrsamig. Die Anordnung der S. ist eine sehr verschiedene, bei einsamigen Schließfrüchten, wie bei der Nuß, der Achene u. a., wird der S. gewöhnlich von der dicht anliegenden Truchtschale umschlossen, bei der Beere liegen die S. direkt in dem Fruchtfleische, bei der Steinfrucht dagegen sind die S. durch eine lederartige oder steinarte Hülle von der fleischigen oder trockenen äußern Truchthulle etrennt (so z. B. bei dem Kern⸗ und Steinobst). Bei den aufspringenden Früchten stehen die S. in der Regel an den Rändern oder auf der Mittelpartie der einzelnen Fruchtblätter oder sie sind auch an einem sog. Mittelsäulchen gruppiert, sodaß sie mit den Fruchtblättern nicht in direktem Zusammenhang stehen. Beim Aufspringen der Fruchtt sind die S. gewöhnlich bereits von den Fruchtblättern abgelöst. Die S. selbst bestehen aus einer häutigen, lederartigen oder auch steinharten Samenschale (testa), die sich aus den Integumenten (s. d.) der Samenknospe entwickelt und eine sehr verschiedenartig ausgebildete Oberfläche besitzt. In mehrern Fällen, wie bei den Coniferen, Bignoniaceen u. a., ist sie flügelartig verbreitert und dient als Flugorgan zur Ausstreuung der S., bei einer Reihe von Pflanzen ist die äußere Partie als fleischiger Arillus oder Samenmantel entwickelt, wie bei der Muskatnuß (s. Myristica) und den S. von Taxus. In der Regel ist sie glatt oder mit Warzen, Stacheln, netzartigen Verdickungen oder auch andern Unebenheiten versehen. Häufig ist die ganze Oberfläche oder nur ein Teil derselben mit Daaren; Borsten u. dgl. besetzt, wie bei der Baumwolle, vielen Asclepiadeen, bei der Pappel, der Weide, verschiedenen Anemonen u. a. An der Außenseite der S. ist fast immer die Stelle zu erkennen, an welcher der Nabelstrang (kunicu-Ius) ansetzte und bei genauer Betrachtung in der Regel auch noch die Mikropyle. (S. Befruchtung.) Bei denjenigen S., bei welchen der Nabelstrang eine Strecke mit dem S. verwachsen ist (also bei den sog. anatropen Samenknospen, s. d.), zeigt sich in der Regel eine Naht oder Raphe (s. d.). Innerhalb der Samenschale liegt das eigentliche ortpflanzungsorgan, der Keim oder Embryo (s. d.), welcher umgeben ist von einem mehr oder weniger mächtig entwickelten Endosperm (Sameneiweiß) oder Perisperm (s. d.). Beide Gewebearten dienen als Reservestoffbehälter, aus denen der Embryo bei seiner Entwickelung zur Keimpflanze die nötigen Nährstoffe entnimmt. Dies gilt jedoch nur für jene Fälle, wo der Embryo selbst klein ist und in dem übrigen Gewebe des S. eingebettet liegt; es nimmt dann in der Regel, wie bei den Palmen, den Gramineen, den Chenopodiaceen u. a., das Endosperm den größten Teil des S. ein, in einigen Fällen, wie bei Canna, ist dagegen das Perisperm stärker entwickelt. Bei zahlreichen Dikotyledonen verschwinden jene beiden Gewebe fast vollständig und es sind dann sämtliche Reservestoffe in dem Embryo selbst und zwar in den Samenlappen oder Kotyledonen (s. d.) aufgespeichert; so ist es z. B. bei den Leguminosen, Cruciferen u. v. a. Man nennt die letztern S. eiweißlose S. (Semina exalbuminosa) und diejenigen, bei denen sich das Endosperm reichlicher findet, eiweißhaltige S. (Semina albuminosa). Die Form und Lage des Embryos ist in den einzelnen Gruppen sehr verschieden. (Näheres hierüber s. unter Gymnospermen, Monokotyledonen und Dikotyledonen.) In der Größe der S. herrschen in den einzelnen Familien die größten Verschiedenheiten, während die S. mancher Palmen, wie die Kokosnuß, einen sehr bedeutenden Umfang erreichen, sind andere von außerordentlicher Kleinheit, wie z. B. die S. der Orchideen, deren Durchmesser nur Bruchteile eines Millimeters betragen, und ebenso wie bei den Monokodyledonen sind derartige Unterschiede auch bei den Dikotyledonen vorhanden. Bei der Keimung der S. findet zunächst stets eine starke Quellung fast sämtlicher Teile statt, da die an sich lufttrockenen reifen S. reichlich Wasser aufnehmen müssen, um die Weiterentwickelung des Embryos zu ermöglichen. Dabei wird das Volumen des S. oft auf das Doppelte und darüber vergrößert. Bald darauf beginnt der Embryo in allen seinen Teilen lebhaft zu wachsen und infolge dessen wird die Samenschale zerfprengt oder an einer bestimmten Stelle durchbrochen; die junge Keimpflanze tritt hervor und zwar gewöhnlich zuerst die Wurzel derselben, erst später zeigt sich die sog. Plumula (s. d.), die in vielen Fällen von den Samenlappen oder Kotyledonen eingeschlossen ist und erst nach Entfaltung der letztern zu weiterer Entwickelung gelangt. In den drei großen Gruppen der Phanerogamen; Dikotyledonen, Monokotyledonen und Gymnospermen verläuft in dieser Hinsicht die Keimung der S. ziemlich verschieden. (Vgl. die speziellen Artikel.) Viele S. sind gleich nach der Reife keimfähig, andere dagegen müssen eine kürzere oder längere Ruheperiode durchmachen, ehe die Keimung erfolgen kann, bei manchen dauert dies mehrere Jahre. Während der Keimung werden die im S. in Form von Stärke, Inulin, Ol, Aleuron u. dgl. aufgespeicherten Reservestoffe zur Ernährung der Keimpflanze verwendet und erst, wenn das Wurzelsystem reichlicher entwickelt ist, beginnt die selbständige Ernährung der jungen Pflanzen. Die meisten S. behalten ihre Keimfähigkeit nur verhältnismäßig kurze Zeit, die weitverbreiteten Angaben, daß S. nach Jahrhunderten, ja selbst nach Jahrtausenden, wie z. B. die in ägypt. Gräbern gefundenen, noch gekeimt haben sollen, beruhen auf Irrtum.