Sand (George) ist Pseudonym der franz. Romanschriftstellerin Amantine Lucile Aurore Baronin von Dudevant, geborene Dupin. Sie wurde 5. Juli 1804 zu Paris geboren; ihr Vater, Maurice Dupin, der unter der Republik und dem Kaiserreich als Offizier mit Auszeichnung gedient hatte und 1808 starb, war der Enkel des berühmten Marschalls Moritz von Sachsen, des natürlichen Sohnes Augusts II. und der Gräfin Aurora von Königsmark. Zuerst auf dem Schlosse Nohant, bei Lachätre in erri, von ihrer Großmutter, Madame Dupin de Francueil (Gräfin von Horn, einer natürlichen Tochter des Marschalls von Sachsen), nachher (1817 —20) in einem Kloster zu Paris erzogen, heiratete sie 1822 den Baron Casimir Dudevant, Sohn eines von Napoleon I. geadelten Offiziers, von dem sie wei Kinder (Maurice und Solange) hatte, trennte ich 1831 auf gütlichem Wege von ihrem Manne und lebte dann allein mit ihrer Tochter in Paris. Ihr erster Roman Rose et Blanched war gemeinschaftlich mit Jules Sandeau (s. d.) geschrieben, ein Stück seines Namens ward ihr Pseudonym; 1832 veröffentlichte sie als George Sand den Roman und (Lélia v. Im J. 1833 besuchte sie mit A. de Musset Italien, ließ die „Lettres d'un voyageur v erscheinen und brachte von ihrer Reise die Anregung zu mehrern Romanen mit: Jacques o, Andrév, (über ihr Buch (Elle et luiv, Par. 1859, s. unter Musset.) Ein gerichtliches Urteil verfügte 1836 die Scheidung der Ehegatten von Tisch und Bett und übertrug der Mutter die Erziehung ihrer Kinder. Im J. 1838 machte sie mit Chopin die Reise nach Majorca. Sodann folgten viele große Romane mit mehr oder weniger stark aufgetragenen Tendenzen: 4Spiridion v, Les sept cordes de la lIyren, Le compagnon du tour de Francen, MHoracev, (Consuelop, La comtesse de Rudolstadto, (Jeannen, Le meunier d'Angibaulto, Le péché de Monsieur Antoinev, und etliche kleinere Erzählungen ohne unerquickliche Nebenansichten: (Lucrezia Florianio, Piccininov, La petite Fa- (1839—46). Nach dem Ausbruch der Februarrevolution von 1848 schrieb sie die Einleitung zu den extremen Bulletins de la Républiquep, zwei Lettres au peuplep, und begründete ein demokratischsozialistisches Wochenblatt: La cçause du peuples. Folgende Romane aus späterer Zeit: Wa filleules, „L'homme de neiges (eine vorzügliche Schilderung schwed. Zustände), Jean de la Rochev, La ville noiren, Le marquis de Villemero, Mademoiselle de la Quintinie, La confession d'une jeune filleo (1853—64) zeigen ein Zurückgehen auf tendenzlose Poesie. Seit 1849 bethätigte sich S. Roterrei nicht ohne Erfolg als Theaterdichterin und bereicherte die franz. dramatische Litteratur mit einer Anzahl von Werken, unter welchen hervorragen: EFrangçois le Champi (1849), Claudie (1851), ein getreues, anziehendes Gemälde des Lebens der Landleute in der Heimat der Dichterin, und ihr Meisterwerk: „Le marquis de Villemero (im Odéon, 1853), zu dessen glänzender Aufnahme freilich die Mithilfe des jüngern Dumas beitrug; Le mariage de Victorinep (1855). Ihre Dramen sind unter dem Titel „Théàtre complet de George S. (4 Bde., Par. 1866—67) gesammelt. Im J. 1854 hatte S. im Feuilleton der Pressep ihre Memoiren veröffentlicht unter dem Titel Histoire de ma vien (deutsch von Glümer, 12 Bde., Lpz. 1854 — 56). Später stellte sie ihre Erlebnisse in Impressions et souvenirs v (Par. 1873) dar. Nach dem Staatsstreich 1851 lebte sie auf ihrem Schlosse zu Nohant bei La Chätre in Berri (Depart. Indre), wo sie auch 8. Juni 1876 starb und 10. Juni beerdigt ward. Im J. 1877 wurde ihr eine vom Bildhauer Clesinger gefertigte Statue im Foyer des Theätre frangais zu Paris aufgestellt. Eine Gesamtausgabe ihrer Werke erschien w1862 — 1883 zu Paris in 96, mit Nachträgen in 109 Bänden; dieselbe enthält auch ihre Correspondenz aus den J. 1812—1876. George S. behauptet unstreitig den ersten Rang unter den Schriftstellerinnen, welche dieselben Dichtungsarten wie sie bearbeiteten. In ihrer Romanengalerie ist manches auszuscheiden; doch bleiben immerhin noch mehrere Meisterwerke und zahlreiche Schöpfungen, wovon keine ganz get in dir d und unbedeutend ist. Was sie auszeichnet, ist die Lebendigkeit der Erzählung, der unübertreffliche Reiz der Beschreibung, das wunderbare Talent, alles, was sie mit ihrer Feder berührt, zu verwandeln, zu verschönern und zu idealisieren, die Beredsamkeit der Leidenschaft, ihr eigentümlicher, klarer, rasch dahinströmender und den Leser mit sich fortreißender Stil. George S. zählt mit Recht nicht bloß zu den großen Romandichtern, sondern auch zu den klassischen Schriftstellern der franz. Sprache und Litteratur. Mehrere ihrer Romane sind Beiträge zur Lösung der großen Staats⸗ und Gesellschaftsprobleme, welche sie dichterisch klar zu stellen suchte. Indianap und «Valentiner wollen die sittliche Tendenz der Ehe ins Auge fassen, wie sie damals in Frankreich verstanden ward, Léliao und Jacquesv den Begriff der Liebe, «Spiridiono die Religion ihres Zeitalters, Le compagnon du tour dé France das soziale Recht unserer Zeit. Die ihrem reifern Alter angehörenden Dorfgeschichten und Bauernromane sind die tendenzlosesten und vielleicht deswegen die vollkommensten ihrer Werke. Vgl. Katscher, KGeorge S. Ein litterarisches Porträty (in «Unsere Zeite, Jahrg. 1876, 2. Hälfte); Walsh, (George S.» (Par. 1837) und Mirecourt, „George S.» (eine Skizze als Beigabe zu ihrer Histoire de ma vie v, 1855). —— Sohn, Maurice Dudevant (geb. 1825 u Paris), ebenfalls Schriftsteller unter dem Pseudonym Maurice Sand, hat unter anderm ein interessantes Buch über die Charakterrollen der ital. Komödie, Masques et bouffons » (2 Bde., Par. 1860), geschrieben. Ein anderes Werk, XLégendes rustiques „ (Par. 1861), eine Sammlung franz. Volksmärchen, ist eine gemeinschaftliche Arbeit von ihm und seiner Mutter. Seine Gattin ist die Tochter des berühmten Kupferstechers Calamatta. Solange Dudevant, das Lieblingskind von George S., heiratete den Bildhauer Clesinger; doch wurde die Ehe bald wieder getrennt.