Sarätow, ein russ. Gouvernement, welches 1780 aus Gebietsteilen des Chanats Astrachan gebildet wurde und, auf der rechten Seite der Wolga ausgebreitet, eine Fläche von 84492,1 qkm einnimmt und in seinen zehn Kreisen eine Bevölkerung von (1882) 2 113077 C. enthält. Der nördl. Teil des Gouvernements ist Bergland, im südlichen herrscht die Steppe vor. Im O. begleiten die tief eingesenkte Stromfurche der Wolga in gerader Linie wenigstens 560 km weit die Wolgahöhen oder das „Wolgaische Bergufero, mit steilen, oft pittoresken Gehängen und Erhebungen bis zu 350 m, während sich auch an der West⸗ und Südwestgrenze Höhen von 200 m finden. Im allgemeinen ist die Abdachung gegen SSW. und SW. In dieser Richtung fließen die Terischka (230 EKm) in die Wolga, die rechts durch die Tersa (mit dem Jelan) verstärkte Medwjediza und der links die Serdowa aufnehmende Choper in den Don. Selbst die obere Sura an der Grenze gegen Pensa fließt gegen SW. und wendet sich erst nach Aufnahme der Usa plötzlich gegen N. An Holz leidet des Gouvernement Mangel, da der Waldbestand nur 12 Proz. der ganzen Bodenfläche ausmacht. Das Klima zeichnet sich durch plötzliche übergänge von der Wärme zur Kälte aus. Der Boden ist im allgemeinen sehr fruchtbar und gut angebaut. Der Getreide⸗,‚ namentlich der sehr ergiebige Weizenbau bildet den Hauptnahrungszweig der Bewohner, und vorzüglich sind ihm die Kräfte der zahlreichen deutschen Kolonisten gewidmet. Von Industriepflanzen werden Hanf, Flachs, Krapp und, besonders von den Deutschen, Tabak kultiviert. Hauptbeschäftigung der Bewohner ist der Fischfang, namentlich in der Wolga. Der ubrige Gewerbebetrieb besteht hauptsächlich in Leinwandweberei, Branntweinbrennerei und Töpferei. Die Bevölkerung besteht vorzugsweise aus Großrussen, dann aber auch aus Kleinrussen, Deutschen, Tataren, die aus Kasan, und Mordwinen, die aus Pensa eingewandert sind, Tschuwaschen, Maschtscheren und Kalmücken. Vor etwa 100 Jahren war das Land noch öde Steppe. Katharina II. berief 1763 eine große Zahl deutscher Kolonisten hierher, die sich schnell konsolidierten und die Strömung der russ. Einwanderung nach sich zogen. Die Zahl der Deutschen belief sich 1773 hier auf 23184, dagegen 1870 auf 120 626. Die Familien⸗ und Dorfverfassung ist deutsch. Alle Kolonien standen bisher unter dem Koloniencomptoir zu S., das die ganze Administration, Polizei und Civilgerichtsbarkeit, selbst einen Teil der Kriminaljurisdiktion leitete. Die Hauptstadt Saratow, rechts an der hier 2 km breiten Wolga amphitheatralisch in einem Thalkessel gelegen, ganz von Fruchtgärten und, außer im Süden, von hohen Bergen umgeben, zählt (1882) 109 588 E., die ein sehr buntes Volksgemisch bilden. Sie ist der Sitz eines Civilgouverneurs, des griech. Bischofs von S. und Zarizyn, des Kon⸗ „sistoriums der evang. Gemeinden dieses und zehn anderer Gouvernements im südl. und östl. Rußland u. s. w. Die Stadt hat meist noch hölzerne Häuser, aber auch Paläste und breite Straßen mit IHeurop. Gebäuden, IHonn 2 kath. Kirchen, 1 prot. Kirche, 1 Moschee, 1 Nonnenkloster, 2 Gymnasien, Kreis⸗ und 3 Pfarrschulen, 2 Seminare (1 griechisch-orthodoxes und 1 katholisches), 2 Theater, öffentliche Bibliothek, 4 Buchdruckereien und mehrere Wohlthätigkeitsanstalten. Außer 2 Eisen⸗ und 3 Glockengießerein besteht eine ansehnliche Fabrikindustrie in Tauen, Thonwaren, Ziegeln, Tabak, Seife, Saffian, Tuch, Baumwoll-und Seidenzeugen. Auch der Garten- und Obstbau ist ausgezeichnet. Die Stadt ist einer der bedeutendsten Handelsplätze Rußlands und durch die Bahn S.⸗Tambow mit dem innern Rußland verbunden. Die Hauptgegenstände des Verkehrs sind Getreide, Mehl, Talg, Fische, Holz und Salz, das aus dem See Elton (s. d.) gewonnen wird. Die Stadt wurde unter ünhenh dem Schrecklichen ursprünglich auf dem inken Ufer der Wolga, an der Mündung des Baches Saratowka, erst 1605 an der jetzigen Stelle angelegt, 1671 durch die Donischen Kosaken unter Stenka Radzin, 1774 bereits als blühender Handelsplatz von Pugatschew erobert und verheert, 1780 aber zur Hauptstadt des neuerrichteten Gouvernements erhoben.