Scharnhorst (Gerh. Joh. David von), berühmter preuß. General, geb. 12. Nov. (nicht 10. Nov., wie irrtümlich oft angegeben wird) 1755 zu Bordenau bei Neustadt am Rübenberge in Hannover, stammte von bürgerlichen Eltern und wurde bis in sein 17. Jahr zum Landwirt erzogen. Sein Vater, Ernst Wilhelm S., ein gewesener Quartiermeister, kam 1772 in den Besitz des Ritterguts Bordenau; der junge S. erlangte nun durch den Grafen von Schaumburg-Lippe-Bückeburg 1773 den Eintritt in die Kriegsschule zu Wilhelmsstein und trat 1778 als Fähnrich in das hannov. Dragonerregiment Estorf. Im J. 1780 wurde er als Lieutenant zur Artillerie versetzt und 1782 Lehrer an der nach Rwem Plane reorganisierten Artillerieschule in Hannover. Im J. 1792 zum Stabshauptmann befördert, wohnte er 1793 als Chef einer reitenden Batterie dem Feldzuge in Holland und Flandern bei, war 1794 in der hart belagerten Festung Menin Generalstabsoffizier des Generals von Hammerstein und aor nete sich hier glänzend aus, sodaß er zum Major im General-Quartiermeisterstabe und 1796 zum Oberstlieutenant aufrückte. Durch seine schriftstellerische Thätigkeit wurde sein Name bald so bekannt und geachtet, daß der Herzog von Braunschweig als preuß. Mathrs chall auf die Empfehlungen des damaligen Majors von dem Knesebeck ihn aufforderte, in preuß. Dienste überzutreten. S. trat darauf 1801 aus hannov. Dienst als Oberstlieutenant in das 3. preuß. Artillerieregiment und wurde alsbald zum Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie-⸗und Kavallerieoffiziere ernannt. Seine Reformen im Unterricht, vorzüglich aber seine eigenen Vorlesungen hatten bedeutenden Einfluß auf den Geist des preuß. Offizierkorps. Im J. 1802 stiftete S. die Militärische Gesellschaft zu Berlin. Diese Thätigkeit erweckte ihm aber viele Gegner unter den starren Anhängern der alten Formen, sodaß er 1803 um Versetzung bat. Er kam als Quartiermeister-Lieutenant in den Generalstab und wurde 1804 Oberst und in den Adelsstand erhoben. Als Generalstabschef des Herzogs von Braunschweig ging er 1806 in den Krieg, wurde bei Auerstädt leicht verwundet und schloß sich auf dem Rückzuge dem Blücherschen Korps an. Bei Lübeck wurde er gefangen, bald aber ausgewechselt und focht 8. Febr. 1807 wieder mit bei Preußisch-Eylau, wo er durch die den Truppen des Generals Lestoeg angewiesene Marschrichtung die glückliche Wendung der Schlacht herbeiführte. Nach dem Tilsiter Frieden zum Generalmajor und Generaladjutanten des Königs befördert, war S. Vorsitzender der Militär-Reorganisationskommission und leitete als Direktor des Allgemeinen Kriegsdepartements (bis 1810) die Verwaltung des gesamten Kriegswesens. Seine umsichtige Wirksamkeit in diesem Zeitraume wurde für den preuß. Staat von der höchsten munchen dt Er richtete das sog. Krümpersystem ein, welches durch stete Ausbildung von Rekruten und Entlassung ausgebildeter Mannschaften eine große waffentüchtige Reserve im Volke schuf. Nur dadurch wurde es möglich, 1813 sogleich ein zahlreiches Heer ins Feld zu stellen. Außerdem sorgte S. für Beschaffung von Kriegsmaterial, für Hebung der wissenschaftlichen Ausbildung des Offizierkorps, für die neue Formation der Armee in Provinzialbrigaden unter sorgfältig ausgewählten Führern und für Reglements im Sinne der neuern Taktik. Er hatte schon damals den Plan einer National- oder Landmiliz; doch hinderte der Pariser Traktat von 1808 vorläufig deren Einrichtung und der Gedanke ruhte einstweilen, bis er in anderer Form 1813 durch die Landwehr zur Ausführung kam. S. trat 1810, auf Verlangen Napoleons, vom Kriegsdepartement zurück, wurde zum Chef des Generalstabes der Armee und des Ingenieurkorps ernannt, leitete aber, auf Grund eines geheimen Kabinettsbefehls, die militärischen Angelegenheiten auch fernerhin. Als sich Preußen 1812 mit Frankreich verbünden mußte, bat S. um seinen Abschied; er wurde jedoch zum Inspekteur der schles. esehl uber ernannt. Er bewirkte, daß Nork den Befehl über das preuß. Hilfskorps erhielt, und bereitete, nach dessen kühner That zum König nach Breslau berufen, alles zum Kriege vor. Vom König beauftragt, schloß er das Bündnis zu Kalisch mit Rußland ab und organisierte die Landwehr, wie vorher schon die freiwilligen Jägerkorps und die Verstärkung des Linienheers. Beim Ausbruch des Kriegs begleitete er als Generallieutenant und Chef des „Generalstabes den General Blücher. Indessen mußte seine Laufbahn schon mit der ersten Schlacht, bei Großgörschen, enden, wo er einen Schuß in den Schenkel erhielt, der bald bedenkliche Folgen herbeiführte. S. wollte über Prag nach Wien gehen, um sterreich für die Sache zu gewinnen, starb aber zu Prag an den Folgen seiner Wunde 28. Juni 1813. Sein von Rauch gefertigtes Standbild wurde auf Befehl des Königs 1822 zu Berlin aufgestellt; ein Denkstein ist ihm zu Hämelsee bei Eystrup in Hannover im Dez. 1885 errichtet worden. Mit S.s 11. Nov. 1875 als Platzmajor zu Pillau verstorbenem Enkel, Rittmeister August von S., erlosch die Familie im Mannsstamm. Unter S.s Schriften sind besonders zu nennen: „Handbuch für Offiziere in den angewandten Teilen der Kriegswissenschaften v 4 Bde., Hannov. 1781 —90; neue vervollständigte Aufl. von Hoyer, 4 Bde., Hannov. 1817—-20), „Taschenbuch für 2 (Hannov. 1793; 4. Aufl. 1816), 4«Neues militärisches Journalo (Hannov. 1788), Militärische Denkwürdigkeiten » (5 Bde., 1797—-1805), «Die Wirkung des Feuergewehrs » (Berl. 1813). Vgl. von Boyen, «Beiträge zur Kenntnis des Generals von S. und seiner amtlichen Thätigkeit in den J. 1808 — 135 (Berl. 1833); Clausewitz, „Über das Leben und den Charakter von S. » (aus dem Nachlasse herausgegeben, Hamb. 1832); Schweder, „S.s Leben » (Berl. 1865); Klippel, «Das Leben des Generals von S. » (3 Bde., Lpz. 1869— 71)n Lehmann, «„Stein, S. und Schön» (Lpz. 1877); derselbe, GScharnhorsto (Bd. 1, Lpz. 1886).