Boyen (Herm. Leop. Ludw. von), preuß. Kriegsminister, vorzüglich bekannt als Mitbegründer der volkstümlichen Heeresverfassung, stammte aus böhm. Adelsfamilie und wurde 23. Juli 1771 u Kreuzburg in Ostpreußen geboren. Sein Vater starb als preuß. Oberstlieutenant. Nachdem er im elterlichen Hause seine erste Erziehung erhalten, trat er 1784 als Gefreiter-Korporal in das Infanterieregiment Anhalt und stieg bis 1799 zum Stabskapitän, nachdem er von 1794 bis Mitte 1796 im Kriege in Polen Adjutant des kommandierenden Generals von Günther gewesen war, als dessen militärischen Schüler er sich dem Seber wie er auch später Erinnerungen aus dem Leben Günthers v (Berl. 1834) herausgab. Als junger Offizier besuchte er die Provinzial-Kriegsschule in Königsberg i. Pr. und hörte die Vorlesungen von Kant und Kraus. Als Stabskapitän verfaßte er 1799 für die „Jahrbücher der preuß. Monarchie» einen Aufsatz über die Run 35 hen Gesetze, schrieb 1800 und 1801 Denkschriften über Militärschulen und taktischen nhalts, sowie 1806 4Gedanken über den Krieg mit rankreicho, welche die Aufmerksamkeit des Königs derart erregte, daß er B. dem Generalstabe des Herzogs von Braunschweig überwies. Bei Auer⸗ „ wurde B. schwer verwundet, fand aber in eimar im Steinschen Hause Pflege und Heilung, eilte nach Ostpreußen, wurde der Piiltä Major im Generalstabe und Mitglied der Militär-Reorganisationskommission, in welcher er stets die Gedanken Scharnhorsts vertreten und sich namentlich um die Ausführung des Krümpersystems große Verdienste erworben hat. Er war Mitglied des Tugendbundes und leitete das Militärinstitut in dessen Königsberger Kammer. B. trat 1809 ins Kriegsministerium, hatte hervorragenden Anteil an den berühmten Denkschriften vom J. 1810 über die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Unbrauchbarkeit des reinen Milizsystems, erhielt 1810 als Direktor des Allgemeinen Kriegsdepartements den Vortrag in Militärangelegenheiten bei dem Könige, nahm 1812, als Preußens Bündnis mit Frankreich zu Stande kam, den Abschied und ging, als Oberst 11. März entlassen, nach Rußland. Indeß fand er sich nach kaum einem Daer wieder in Breslau beim König ein, ward Oberst im Generalstabe, dann als Generalmajor Chef des Generalstabes im 3. Armeekorps und wohnte allen folgenden Schlachten und Gefechten desselben (bei Luckau, Großbeeren, Dennewitz, Leipzig, in Holland, bei Laon und Paris) bei. Nach dem Frieden von Paris trat er als Geh. Staats⸗ und Kriegsminister an die Spitze der preuß. Militärangelegenheiten und wurde 1818 zum Generallieutenant ernannt; sein Wirken als Kriegsminister wird durch eine Reihe organischer Gesetze, darunter das vom 3. Sept. 1814 uber die allgemeine Wehrpflicht bezeichnet. Er schrieb im Mai 1817 eine noch heute sehr beachtenswerte, nur in wenigen Abzügen lithographiert vorhandene «Darstellung der Grundsätze der preuß. Kriegsverfassungo. Als aber 1819 eine Prinzipienfrage über die Zweckmäßigkeit der Landwehr schwebte, bat B. um seine Entlassung, erhielt am Weihnachtstage 1819 den Abschied mit Pension und zog sich nun in die Ruhe des Privatlebens zurück, wo ihn Geschichte und Poesie beschäftigten. Hiervon zeugen die „Beiträge zur Kenntnis des Generals von Scharnhorsto (Berl. 1833) und die Gegenschrift gegen Haugwitz' Memoiren in der »Minervay (Okt. 1837), sowie der zur 25. Jahresfeier der Stiftung der 22 Preune . Febr. 1838) gedichtete Gesang Der Preußen Losung ist die Dreiv. König Thronbe Wilhelm IV. berief sogleich nach seiner Thronbesteigung 1840 B. wieder in den Staatsrat, gab ihn als den «Gründer der Landwehry noch vor der Huldigung dem aktiven Kriegsdienste zurück und erhob ihn zum General der Infanterie. Am 1. März 1841 ward B. Geh. Staats- und Kriegsminister und seinem frühern Patente nach Präsident des Staatsministeriums, 1842 auch Chef des 1. Infanterieregiments, desselben, in welchem er 1784 seine anten Dienstjahre verlebt hatte. Eine Anzahl wichtiger Einrichtungen bezeichnete auch B.s zweites Ministerium. Im Nov. 1847 erhielt er, wegen vorgerückten Alters, den nachgesuchten Abschied, ward zum Feldmarschall und Gouverneur des berliner Invalidenhauses ernannt und starb 15. Febr. 1848.