FeedSchlaflosigkeit
HeilkundeBrockhaus 1882

Schlaflosigkeit (agrypnia) kann durch Gemütsunruhe, ungewohnte Lebensart u. s. w. (mehr vorübergehend) erzeugt werden, ohne Zeichen eines krankhaften Zustandes zu sein. Sie ist ferner ein Symptom sehr vieler und besonders fieberhafter oder schmerzhafter Krankheiten und tritt öfters auch mit einer gewissen Selbständigkeit auf, ohne daß eine Störung der übrigen Thätigkeit des Organismus bemerkt wird; oft genug ist sie ein lästiges Sympton vorhandener Nervenschwäche (s. d.). Gewöhnlich besteht die von Patienten und Ärzten sogenannte S. mehr in zu kurzer Dauer und geringer Tiefe als in gänzlichem Mangel des Schlafs. Die Ursachen sind meist solche, welche das Gehirn zu sehr in Erregung erhalten (überanstrengung, Tabakrauchen, übermäßiger Genuß von Thee und Kaffee), oder dessen Ermüdung verhindern; Hunger, kalte Füße, zu große Wärme und juckende Hautausschläge hindern gleichfalls oft das Einschlafen. Sehr gewöhnlich ist karger Schlaf im höhern Alter. In jedem Falle wirkt die S. entkräftend und stört Appetit und Laune. Die Behandlung erfordert in allen Fällen strenge Vermeidung aller aufregenden Schädlichkeiten und ein zweckmäßiges diätetisches Verhalten hinsichtlich aller geistigen und körperlichen Funktionen. Jüngere und kräftige Personen müssen ihren Körper am Tage tüchtig ausarbeiten; das Schlafzimmer sei kühl, gut gelüftet, das Bett nicht zu warm. In vielen Fällen leisten vor dem Schlafengehen ableitende Fußbäder, kalte Klystiere, kalte Waschungen des Oberkörpers, ein Trunk kalten Wassers, ein Brausepulver treffliche Dienste; bei geschwächten und ältern Personen wirkt oft ein Glas guten Biers oder alten Weins schlafbringend. Von den mediz. Mitteln sind außer dem Morphium und seinen Präparaten namentlich das Chloralhydrat und Bromkalium zu empfehlen; doch sollten dieselben nur auf ausdrückliche ärztliche Anordnung angewendet werden. Schlafsucht (hypnosis, sopor), der den festesten Willen überwindende Trieb zum Schlafen, kann schon bei Gesunden nach erschöpfenden Anstrengungen, beim Erfrieren u. s. w. eintreten, gesellt sich aber meist zu krankhaften Zuständen, namentlich wenn diese einen besondern Bezug zum Nervensystem haben, und zu den narkotischen Bats selbnh In seltenen Fällen kommt die S. als selbständige, länger andauernde Krankheit vor. S. ist eigentlich stets ein Symptom einer Störung der Gehirnthätigkeit, wobei besonders die Sinnesfunktionen unterbrochen sind, und ist vom Nuskellähn hauptsächlich durch das Fehlen der Muskellähmungen, von Ohnmacht und Scheintod durch die unverminderte Energie der Herzthätigkeit unterschieden. Mittel gegen die S. können nur gegen die Ursache gerichtet sein, welche daher in jedem Falle zunächst zu ermitteln ist; am wirksamsten pflegen sich kalte Übergießungen des Kopfes und Nackens, starke Riechmittel und kräftige Hautreize zu erweisen. Die gerichtliche Medizin rechnet die schlafsüchtigen Menschen unter diejenigen, deren Zurechnungsfähigkeit bezweifelt werden muß. Eine ähnliche Beurteilung beansprucht die der S. ähnliche Schlaftrunkenheit (somnolentia), d. h. der dem völligen Einschlafen oder Erwachen unmittelbar vorhergehende halb oder ganz bewußtlose Zustand, in welchem oft Handlungen von gewaltsamer oder sonst strafbarer Art (sogar Mordthaten) vollbracht werden, und es ist in solchen Fällen oft eine schwierige Aufgabe des gerichtlichen Arztes, sowohl die Gegenwart als den Grad der Schlaftrunkenheit zu bestimmen. Das Gleiche gilt vom Schlaf-oder Nachtwandeln, jenem eigentümlichen, oft mit andern Nervenkrankheiten verbundenen Zustande, bei dem der Kranke während des Schlafs unbewußt zweckmäßige Handlungen, in einzelnen Fällen selbst Verbrechen ausführt. (S. Somnambulismus.) Schlaftrunk, ein narkotisches Mittel, welches in der Absicht gereicht wird, einen tiefen Schlaf hervorzurufen. Am meisten werden hierzu das Opium, Morphium, sowie neuerdings das Chloralhydrat, letzteres besonders in der Form von Schlummerpunsch u. dgl., verwendet. Da die genannten Mittel bei häufigerm Gebrauch nachteilig und nervenzerrüttend, in stärkern Gaben selbst tödlich wirken, so sollten sie durchaus nur auf Anordnung des Arztes genommen werden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 370Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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