FeedSchlagintweit (Herm., Freiherr von)
NaturlehreBrockhaus 1882

Schlagintweit (Herm., Freiherr von), Naturforscher und Reisender, der älteste Sohn des als Augenarzt bekannten bayr. Wirklichen Rats Joseph S. (geb. 8. Dez. 1792 zu Regen in Bayern, gest. zu München 11. Aug. 1854), wurde 13. Mai 1826 zu München geboren. Mit seinem jüngern Bruder, Adolf von S. (geb. 9. Jan. 1829), erhielt er eine sehr sorgfältige Erziehung, und schon früh beschäftigten sich beide mit selbständigen physik. und geolog. Forschungen. Ihre Beobachtungen, die sie 1846—48 in den Alpen anstellten, veröffentlichten sie in den Untersuchungen über die physik. Geographie der Alpeno (Lpz. 1850). Nach Vollendung dieses Werks, durch welches sie schon damals A. von Humboldts Gönnerschaft sich erworben hatten, besuchten sie England und Schottland und hielten sich dann in Berlin auf, bis sie 1851f abermals nach den Alpen gingen. Hier bestiegen i sie unter anderm 23. Aug. 1851, als die ersten, die höchste Spitze des Monte-Rosa. Während sich Adolf 1852 und 1853 mit der geolog. Aufnahme der Bayrischen Alpen beschäftigte und sich zugleich in München habilitierte, lebte Hermann in Berlin,. wo er Meteorologie und physik. Geographie an der Universität vortrug. Die Resultate ihrer gemeinschaftlich fortgesetzten Forschungen legten sie nieder in «Neue Untersuchungen über die physik. Geographie und die Geologie der Alpeno (Lpz. 1854), welches Werk auch eine Arbeit des vierten Bruders, Robert von S. (geb. 27. Okt. 1833), über die Geologie des Kaisergebirges enthält. Außerdem konstruierten Hermann und Adolf zwei Reliefs: vom Monte-Rosa und von der Zugspitze, nach welchen auch Photographische Karten » (Berl. 1854) im Buchhandel erschienen. Der Beifall, den die Arbeiten der beiden Brüder fanden, gab Veranlassung, daß sie durch Vermittelung A. von Humboldts vom König von Preußen und der Englisch-Ostindischen Kompagnie den Auftrag 6 einer wissenschaftlichen Reise nach Indien erhielten, auf welcher sie ihr Bruder Robert begleitete. Die drei Brüder schifften sich 20. Sept. 1854 nach Agypten ein und reisten zunächst von Bombay aus auf zwei verschiedenen Wegen durch das Dekhan bis Madras. Hierauf wandten sich im März 1855 Adolf und Robert nach den nordwestl. Provinzen und widmeten sich seit April 1855 der Erforschung der Gebirgswelt, der Hochpässe und Riesengletscher des westl. Himalaja. Am Ibi-Gamin, einem der höchsten Berge Tibets, erstiegen sie eine Höhe von 6785m, die größte, die bis jetzt von einem wissenschaftlichen Reisenden erreicht worden ist. Nachdem beide den Winter von 1855 auf 1856 wieder mit Untersuchungen auf der Halbinsel verbracht, vereinigten sie sichim Mai 1856 zu Simla mit Hermann, der inzwischen im östl. Himalaja (Sikkim und Bhutan), in Assam und den Gebirgen zwischen Brahmaputra und Hinterindien thätig gewesen war. Die drei Brüder wandten sich nun Hochasien zu, besuchten, teils einzeln, teils vereint, Kaschmir, Ladak und Balti, und Hermann, damals von Robert begleitet, drang über die Ketten des Karakorum und des Kuen-lün zum chines. Turkestan vor. Die wissenschaftliche Erforschung des früher gänzlich unbekannten Karakorum und des nur durch Aussagen von Eingeborenen bekannten Kuen-lün sind die Hauptresultate dieser Reise. Nach der Rückkehr trennten sie sich abermals 13. Dez. 1856 zu Raulpindi im nördl. Pendschab. Robert durchzog das Indusland und schiffte sich im Frühjahr 1857 zu Bombay nach Agypten ein. Hermann nahm seine Route durch Hindostan und Bengalen, besuchte Nepal und verließ Ende April 1857 Kalkutta zur See, um mit Robert in Agypten zusammenzutreffen. Beide Brüder landeten 8. Juni 1857 zu Triest. Adolf von S., der seinen Aufent⸗ —5 in Asien noch um ein Jahr verlängern wollte, egab sich im Sommer 1857 aufs neue nach den Hochländern nördlich vom Himalaja, von wo aus auch er in das chines. Turkestan, dann nach dem russ. Asien zu gehen beabsichtigte. Doch wurde er 26. Aug. 1857 auf Befehl des Anführers der Aufständischen in Kaschgar ermordet. Hermann und Robert ließen sich nach ihrer Rückkehr ins Vaterland anfänglich in Berlin nieder, kauften sich aber später zu Jägersburg bei Forchheim an, wo auch ihre reichen Sammlungen sich befanden, bis sie im Mai 1877 auf Veranlassung König Ludwigs II. in die Burg zu Nürnberg nd Forschu wurden. Die Ergebnisse ihrer Reisen und Forschungen wurden in (Results of àa scientifie mission to India and High-Asiap (Bd. 1—4 mit Atlas, Lpz. 1860—66) und in (Reisen in Indien und Hochasieno (4 Bde., Jena 1869—80) niedergelegt. Eine Sammlung von 275 Rassentypen wurde mehrfach galvanisch reproduziert und im Anschluß daran stellte Hermann aus dem Nachlasse seines Bruders Eduard auch 26 afrik. Rassentypen her. Die ausgezeichneten Verdienste, die sich die Brüder namenklich durch die Lösung wichtiger wissenschaftlicher Fragen, durch das Vordringen in neue Terrains, Hermann und Adolf auch durch künstlerische Leistungen in den fernen Landschaftsgebieten erworben, wurden von der pariser Geographischen Gesellschaft 1859 bereits durch Verleihung der großen goldenen Preismedaille anerkannt. Auch wurden sie vom König Maximilian II. von Bayern in den erblichen Adelsstand erhoben; außerdem 4. Hermann im Aug. 1864 den Beinamen Sakünlünski als Ersteiger des Kuenlün (s. d.) und 4. April 1866 mit dem Kommandeurkreuz des mexik. Guadeloupe-Ordens den Freiherrentitel. Hermann ließ sich später als Mitglied der Akademie in München nieder und starb daselbst 19. Jan. 1882. Robert wurde Professor der Geographie an der Universität in Gießen und bereiste 1868—69 die Vereinigten Staaten von Neuyork bis San-Francisco, überall Vorträge haltend. Die Ergebnisse dieser Reise publizierte er in Die Pacific-Eisenbahn in Nordamerikad (Lpz. 1870), «Californien o (Lpz. 1871), «Die Prairien des amerik. Westenso (Opz. 1876), Die Mormonen⸗ (Cpz. 1874, 2. Aufl. 1878), Die amerik. Eisenbahneinrichtungend (Köln 1881), Die Santa-Je- und Südpacifichahn in Nordamerika (Köln 1884). Er starb 6. Juni 1885 in Gießen. Der fünfte Bruder, Emil S., geb. 7. Juli 1835, widmete sich rechtswissenschaftlichen Studien, wandte sich aber zu Berlin (1855), durch die Erfolge seiner Brüder ebenfalls zu selbständigem Forschen angeregt, dem Orientalischen zu und fühlte sich besonders durch die von letztern nach Europa gebrachten tibetanischen Handschriften angezogen. Als die bedeutendsten Früchte seiner tibetanischen Forschungen erschienen: Buddhism in Tibet by literary documents and objects of religious worshipo (Opz. 1863, mit Atlas) und Die Könige von Tibet' (Münch. 1865); auch gab er heraus: Indien in Wort und Bildo (2 Bde., Lpz. 1880—81). Der dritte Bruder, Eduard S., geb. 8. März 1831, widmete sich der militärischen Laufbahn und trat 1849 als Junker in die bayr. Kavallerie, in der er 1850 zum Unter⸗, 1859 zum Oberlieutenant, 1866 zum Rittmeister avancierte und in den Generalstab berufen wurde. Er war seit 1857 Adjutant des Generals von Zoller, welche Stellung eine zeitweilige Unterbrechung erlitt, als ihm gestattet wurde, 1860 an dem span.⸗marokk. Feldzuge teilzunehmen, über den er in dem Werke (Der span. marokk. Kriego (Opz. 1863) berichtet hat. Er fiel im Gefecht bei Kissingen 10. Juli 1866.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 372Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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