FeedErdrinde
NaturlehreBrockhaus 1882

Erdrinde (Erdkruste, Lithosphäre) ist die feste Gesteinsschale, welche das glutflüssige Erdinnere allseitig umgibt. Sie setzt sich aus Erstarrungs⸗, Sedimentär⸗ und Eruptivgesteinen zusammen, über deren Entstehung man folgende Ansichten hat: Die Erde war ursprünglich ein glutflüssiger Ball, der sich infolge der Ausstrahlung von Wärme in den kalten Weltenraum mit einer anfänglich dünnen, später sich verdickenden Erstarrungskruste bedeckte. Diese älteste Geisteinsbildung, wahrscheinlich von granitähnlicher Beschaffenheit, ist mit Sicherheit nirgends an der Erdoberfläche nachzuweisen, vielleicht überall von jüngern Ablagerungen bedeckt. Auf dieser im Laufe der Zeit erkaltenden Kruste kondensierten sich die Wasser, die bis dahin in Dampfform die Atmosphäre erfüllt hatten, und bildeten ein anfänglich heißes Urmeer, welches das ganze Erdenrund gleichmäßig bedeckte und lösend und zersetzend auf die Feldspatgesteine der Erstarrungskruste einwirkte. Bei seiner allmählichen Erkaltung lieferte dieses Meer die Bestandteile der ersten sedimentären (also durch Absatz aus Wasser erzeugten) Gesteine. Es sind dies die krystallinischen oder archäischen Formationen, welche aus Gneisen, Glimmerschiefern, Hornblendeschiefern, Granulit, krystallinischen Kalksteinen, Quarzit, Serpentin aufgebaut sind. Nach eingetretener vollkommener Abkühlung des Urmeers stellten sich zahlreiche, aber niedrig stehende Tiere und Pflanzen als Bewohner desselben ein, um im Laufe langer, Millionen von Jahren in Anspruch nehmender Zeitalter durch stete Zunahme an höher stehenden Formen allmählich die Mannigfaltigkeit und den hohen Standpunkt der organischen Welt der Jetztzeit zu erreichen. Nach den wesentlichsten der Umgestaltungen, denen sowohl die Flora wie die Fauna der Vorwelt unterworfen war, wird die Entwickelungsgeschichte der Erde in zahlreiche Perioden eingeteilt. Die Absätze des Meers während jeder Periode, welche als Denkmünzen und Inschriften aus ihrer Entstehungszeit die Reste der jedesmaligen Tier⸗ und Pflanzenwelt (s. Petrefakten) umschließen, nennt man Formationen. Der Gesteinscharakter der letztern ist, entsprechend der stets gleichartigen Thätigkeit des Wassers, ein ziemlich gleichbleibender, indem sich Sandsteine, Konglomerate, Thonschiefer, Kalksteine, Dolomite, Steinsalz, Thon, Mergel konstant wiederholen. Nur die in ihnen enthaltenen Versteinerungen sind verschieden und lassen die Zugehörigkeit der einzelnen Gesteinsgruppen zu gewissen Formationen erkennen. Die Erstarrungskruste und die sie bedeckenden sedimentären Formationen sind gangförmig oder stockartig durchsetzt von den aus dem heute noch glutflüssigen Erdinnern injizierten ECruptivgesteinen, also von Granit, Diorit, Diabas, Porphyren, Trachyt, Basalt u. a. Auch heute geht einerseits die Bildung von sedimentären Gesteinen (Sand, Kies, Thon), andererseits die Eruption von Basalten und Trachyten noch vor sich. Die Dicke der C. ist nicht bekannt, da man in sie nicht weiter als bis zu einer Tiefe von 1000— 1340 memit Bohrlöchern und Schächten eingedrungen ist; doch hat man aus der unahme der Erdwärme (s. d.) nach der Tiefe zu berechnet, daß man in 70—100000 m das glutflüssige Erdinnere erreichen würde, eine Zahl, die jedoch sehr unsicher ist.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 274Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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