Schmecken ungeeignet, noch viel weniger kann sie verwunden, wie die Volksmeinung geht. Der Fühlsinn muß stumpf sein, weil trockene, harte chuppen und Schilder, welche je nach den Körperteilen anders gestaltet sind und daher verschiedene terminologische Namen erhalten, die ganze Oberfläche einhüllen. Unter ihnen liegt ein oft sehr lebhaft gefärbtes, bisweilen goldglänzendes oder regelmäßige Zeichnungen hervorbringendes Schleimnetz, niemals eine Fettlage, welche jedoch den Darmkanal umhüllt. Die Freßwerkzeuge sind nicht zur Zerkleinerung, sondern nur zum Verschlingen der unzerstückten Beute eingerichtet, und in ihrer Bildung weit mehr als in dem Fehlen der Füße, die auch manchen Eidechsen, wie z. B. unserer Blindschleiche, abgehen, liegt der unterscheidende Charakter der S. Die beiden Unterkieferhälften sind nämlich vorn ganz frei, nicht verbunden und außerdem wird noch ihre Anheftung an den Schädel durch zwei bewegliche Knochen, das Paukenbein und das Zitzenbein, vermittelt, wodurch ein zusammengesetztes Gelenk entsteht, das eine sehr weite Offnung des Rachens sowohl in senkrechter als seitlicher Richtung erlaubt, während die hakenförmigen, am Gaumenknochen sowie auf den Kiefern aufgewachsenen Zähne nur dazu dienen, das Herausschlüpfen des Bissens zu verhindern, dessen gradweise Hinabwürgung mehrere Stunden dauert, wenn das ergriffene Tier groß ist. Die Nahrung der S. besteht nur aus lebenden Tieren; niemals berühren S. tote Tierkörper. Die meisten stellen Säugetieren und Vögeln nach, wenige leben von Fröschen, Weichtieren, Insekten und kleinen Krustentieren, die Seeschlangen von irn, d Die Verdauung geschieht ungemein langam, aber sehr vollkommen, und das Bedürfnis der Nahrung kehrt daher nur in langen Zwischenräumen wieder. Aus der vollkommenen Fäulnis des sehr lange im Darmkanal weilenden Nahrungsstoffs glaubt man auch den sehr übel riechenden Atem aller größern, zumal der giftigen S. ableiten zu müssen. Bedürfnis zum Trinken ist selten vorhanden, und das Trinken erfolgt leckend, mithin in geringer Quantität auf einmal. Auch können S. die Entziehung des Wassers und aller Nahrung geraume Zeit, ja selbst monatelang ertragen. Saugen aber, wie oft behauptet worden ist, können S. nicht. Die Atmung erfolgt durch die Lungen, welche die Wirbelsäule entlang weit nach hinten reichen. Sie entbehren des Geselligkeitstriebes, leben einsam, und der Fortpflanzungstrieb veranlaßt nur eine vorübergehende Annäherung der Individuen, aber keinen Haushalt. Sie wohnen teils in Wäldern, teils in offenern Gegenden, einige selbst in der schattenlosen, glühenden Wüste; manche ziehen sich gelegentlich in das Wasser zurück; die Seeschlangen bewohnen das Meer der heißen Zone. Einige sind der Zähmung einigermaßen fähig und werden teils von Gauklern zu Kunststücken gebraucht, wie es schon in alten Zeiten von den Psyllen, einem lybischen Volksstamm, geschah, teils aus sonderbarer Liebhaberei in den Häusern gehalten, wie die Korallenschlange in Südamerika. Die äußerlich nicht unterscheidbaren Weibchen legen schmutzigweiße Cier, welche zuweilen bündelweise durch zähe Fäden zusammenhängen und von einigen bebrütet, von den meisten aber der atmosphärischen Wärme überlassen bleiben. Viele Giftschlangen bringen lebendige Junge hervor. „Die auskriechenden Jungen gleichen so ziemlich ihren Eltern, erhalten aber ihren vollen Glanz erst na mehrmaligen, rasch aufeinander folgenden Häutungen. Lebensdauer und Lebenszähigkeit sind groß. Alle S. lieben die Wärme, scheuen meistens das Licht, verfallen im Winter oder in der heißesten, trockensten Zeit der Tropenländer in einen lethargischen Zustand und fürchten den Menschen, den sie gewöhnlich nur heimtückisch anfallen. Den Menschen sind sie von wenig Nutzen; nur rohe, unkultivierte Nationen genießen das Fleisch von mehrern S. Man teilt die S. in giftlose (Innocua) und Giftschlangen (Venenosa), welche letztere durch das Vorhandensein der Giftzähne sich beiden Mitcclallerdings gibt es aber auch zwischen beiden Mittelormen. Die eigentlichen Giftzähne stehen stets im Oberkiefer, meist paarweise, und dahinter einige junge Ersatzzähne. Sie sind mit einer Rinne versehen oder ganz hohl und an der Spitze mit einer Offnung versehen, aus welcher das in den darunterliegenden Giftdrüsen abgesonderte Gift beim Bisse mit einiger Gewalt austritt. (S. Viper.) Das Gift ist eine geruch⸗ und geschmacklose Flüssigkeit, welche Lackmuspapier rötet und durch Eintrocknen nach kurzer Zeit ihre tödliche Eigenschaft verliert. Sog. weißblütige Tiere, z. B. Krebse, sind gegen Schlangenbisse ganz unempfindlich. Die wärmern Gegenden der Alten und Neuen Welt beherbergen die meisten, die giftigsten und buntesten Schlangen. Zu den giftigsten gehört die ostindische fürchterliche Brillenschlange (s. d., Naja tripudians, Tafel: Reptilien II, Fig. 10) und die berüchtigte amerik. Klapperschlange (s. d., Crotalus durissus, Tafel II, Fig. 12); auffallend bunt sind namentlich gewisse südamerik. Formen, welche zusammen man als Korallenschlangen bezeichnet, obwohl sie verschiedenen Familien angehören, und zu denen die Korallenrollschlange (Tortrix scytale, Tafel II, Fig. 7) gehört. Deutschland besitzt nur sehr wenige und darunter nur zwei giftige Arten, von denen die häufigste die Kreuzotter oder Viper ( d., Pelias berus, Tafel II, Fig. 11) genannt wird. Sehr häufig ist in Mitteleuropa auch die harmlose Ringelnatter (Tropidonotus natrix, Tafel II, Fig. H. Vgl. Lenz, „Schlangenkundey (Gotha 1832; 2. Aufl. unter dem Titel: &S. und Schlangenfeindev, Gotha 1870); Duméril und Bibron, EErpétologie généraler (Par. 1834 fg.); Jan, Iconographie générale des Ophidienso (Lief. 1—48, Par. 1860—77; seit 1866 fortges. von Sardelli). Bei den Alten hatten die S. eine heilige Bedeutung. Schon in den frühesten Zeiten findet sich die Vorstellung der S. als eines bösen Wesens, und sie wurde daher bei vielen Völkern bald das Symbol des Bösen, Schädlichen, Zweideutigen, der verlockenden Wollust, der List, Klugheit und Wachsamkeit, aber auch der Fruchtbarkeit. Das erste findet in der biblischen Sage vom Sündenfall und in dem pers. Dualismus, wo Ahriman in Gestalt der S. den Stier des Ormuzd mörderisch anfällt. Als Symbol der Fruchtbarkeit erscheint sie in der ägypt. Mythologie und als Symbol schaffender Kraft in der phöniz. Kosmogonie. Den alten Agyptern galt die Brillenschlange als Symbol des. Kneph und wurde göttlich verehrt, und von den gnostischen Ophiten (s. d.) wurde die S. in ihren symbolischen Darstellungen christl. Dogmen gebraucht. Auch die Babylonier, die Griechen und Römer betrachteten die S. als Emblem des guten Wesens, des Agathodämon. So bedeutet das auf den Wandgemälden Pompejis häufig dargestellte, über einen Altar sich neigende Schlangenpaar die Götter des Hauses, die sorgenden Laren. Auch zauberische und heilende Kräfte schrieb man den S. zu, und so wurden sie ein Attribut des Asculap (E d. und Symbol der Zauberei und Heilkunst. In der nordischen Mythologie dagegen hat die S. einen schlechten Ruf, und jetzt betrachtet man sie allen Ländern, wo europ. Sitte herrscht, nur mit Schrecken und Abscheu. Vgl. Mähly, Die S. im Mythus und Kultus der klaff Völkero (Bas. 1867).