FeedSchmuck
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Schmuck bezeichnet in seinem weitesten Sinne jede Verzierung, sei sie an einem lebenden Wesen oder an einem von der Kunst und Industrie geschaffenen Gegenstande. In dem zweiten Fall wird der S. zum Ornament. Aber auch dieses verengert seine Bedeutung in der Anwendung auf den Menschen, zunächst jegliche an demselben angebrachte Verzierung bezeichnend, sodann noch enger gefaßt, jene Gegenstände der Verzierung bedeutend, welche die Kunst des Goldschmiedes und Juweliers dem Menschen liefert. (S. Ornament.) Der Mensch hat sich geschmückt auf allen Stufen der Kultur, der rohesten wie der feinsten, nur mit verschiedenem Material, in verschiedener Weise und in verschiedenem Grade, selbstverständlich auch im Zusammenhange mit den verschiedenen Kunststilen. Zum ersten und ältesten S. ist das Tätowieren (s. d.) zu rechnen, die Verzierung der menschlichen Haut durch Bemalung, durch eingeätzte und bleibend gefärbte Linien und Figuren, deren Ornamentik die gleiche ist wie die der Töpfe oder des sonstigen Geräts der Menschen. Die Civilisation hat diese Verzierung verschmäht; sie ist heute nur noch bei wilden Stämmen oder Völkerschaften vorhanden. Länger hat sich der Federschmuck erhalten, der S. mit dem bunten Gefieder der Vögel, mit dem die Indianer jetzt sich selbst an Kopf und Gürtel, sowie Waffen und Geräte verzieren. Der Federschmuck ist so alt wie die Geschichte, im alten Agypten z. B. wohlbekannt. Weniger beliebt im klassischen Altertum und im frühen Mittelalter, lebte er besonders in der spätern Ritterzeit zu großer Pracht als Zierat an Helm, Hut, Haar und Hauben wieder auf. Die Landsknechte und später die Kriegsmänner des Dreißigjährigen Kriegs machten von den Federn als S. des Baretts und des Huts einen übermäßigen Gebrauch; gleichzeitig, doch minder grotesk, die Damen. Als Plumage blieb das Gefieder Hutschmuck unter Ludwig XIV. Während es nun aus der Herrenmode verschwand, blieb es den Damen als S. des Haares, insbesondere aber des Huts bis auf den heutigen Tag. Man begnügt sich nicht mit der natürlichen Farbe, färbt vielmehr die Federn, stellt sie künstlich zusammen und braucht auch ganze Vögel als S. Den bedeutendsten und kostbarsten S. boten zu allen Zeiten die Edelsteine und die edeln Metalle oder an ihrer Stelle ihr künstlicher Ersatz. Die Steine lernte man früh durch farbige oder bunte Glaskugeln und Glasstücke ersetzen. Schon im ägypt. Altertum kommt derartiger S. vor. Zu jenen Zeiten zog man sie auf Schnüre zu Halsketten, benutzte sie zu Anhängseln, Einsatz, Ringen u. s. w. Uncivilisierte Stämme nahmen statt der Steine und des Glases auch farbige, gebrannte Thonkugeln. Die Bearbeitung der Edelsteine 9 6 Schmuckgegenstände war im Altertum und noch im Mittelalter insofern eine unvollkommene, als sie meist in abgerundeter, halbkugeliger (emugeligerv) Form verwendet wurden, und so nicht zur vollen Wirkung ihres Glanzes und ihrer Farben gelangen konnten. Der facettierte Schliff, der dieses bewirkt, wird in seiner vollen Kunst erst seit dem 15. und 16. Jahrh. angewendet. Die Alten benutzten die Steine statt dessen, Figuren in sie hineinzugravieren oder herauszuschleifen. (S. Steinschneidekunst und Gemme.) Die Metalle, welche vorzugsweise zum S. angewendet werden, sind Gold und Silber und neben ihnen in erster Linie Bronze. Eisen ist nur fast ausnahmsweise verwendet worden, entweder in Ermangelung edeln Metalls oder mit Tauschierung von Gold und Silber, wie noch heute im Orient. Nur im 18. Jahrh. wurden Schmucksachen aus diamantiertem Stahl eine ausgedehnte Mode. Schmucksachen aus Blei und Zinn kommen auch vor, aber nur als Zeichen der Armlichkeit, so vielfach in Indien. Auch Silber kann in Anwendung auf Schmucksachen nur als ein billigerer Ersatz des Goldes betrachtet werden. Das Silber ist daher häufig ein Volksschmuck. Nur die feinen Filigranarbeiten machen vielleicht eine Ausnahme. Jetzt wird Silber auch vielfach zur Montierung des Diamantschmucks verwendet. Häufiger als Silber war in alten Zeiten der Gebrauch der Bronze auch für Schmucksachen. Zu jenen verschiedenen Perioden der Kultur, die man als die Bronzezeit zu bezeichnen pflegt, wurde dieses Metall in gar mannigfacher und höchst kunstvoller Weise zu allen möglichen Schmuckgegenständen: zu Ringen, Halsbändern, Armbändern, Nadeln, Fibeln, Spangen u. s. w., verwendet. Unzählige Gegenstände dieser Art, zum Teil mit schöner grüner Patina bedeckt, zum Teil auch emailliert, sind aus den Gräbern zu Tage gefördert worden. Ihr Gebrauch verschwand im Laufe oder gegen Ende des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung vor der steigenden Kultur, hat sich jedoch hier und da im Volksschmuck erhalten. Gold allein hat sich als das eigentliche und wahre Material des S. (neben den Edelsteinen) zu allen Zeiten in gleicher Schätzung bewährt. Sein Gebrauch reicht in unvordenkliche Zeiten zurück, und die ältesten Gegenstände, die uns erhalten sind, wie z. B. der von Cesnola in Cypern gefundene Goldschmuck oder der etruskische und griechische S., zeigen in ihrer Herstellung die allerfeinste, heute in keiner Weise übertroffene, ja kaum erreichte Technik. (S. Goldschmiedekunst.) So wie Material und Form, so hat auch die Art der Anwendung des S. durch die Entwickelung der Kultur eine vielfache Veränderung erfahren. Wie die Tätowierung vor der Civilisation gefallen, so auch alle barbarische Art, welche auf Durchbohrung oder Verstümmelung von Körperteilen beruht. Selbst die Durchbohrung der Ohrläppchen hatte schon eine Zeit, in welcher sie von der vornehmen Gesellschaft als gemeine Sitte ganz verbannt war, nämlich im 12. und 13. Jahrh. von den ritterlichen Damen. Von den Botokuden und ihresgleichen abgesehen, sind es die Indierinnen, welche in dieser Richtung am weitesten gehen. Sie tragen Ringe und Gehänge nicht bloß in den Ohren, sondern auch in den Flügeln der Nase oder in der Zwischenwand der Nasenlöcher. überhaupt sind die Bewohner Indiens, die Männer wie die Frauen, von allen heutigen Erdbewohnern diejenigen, welche sich am meisten mit S. beladen, wie es im Altertum die Frauen der Etrusker waren. Wie damals die Etrusker, so sind auch heute die Indier in der feinen Arbeit des Goldschmucks unübertroffen. Die ind. Frauen tragen S. vom Kopf bis zu den Zehen: Zehenringe, Fußringe, Fingerringe, Reifen um Hand und Arm und um den Leib, Ketten um Hals, Brust, Hände und Stirn, Ringe, Ketten und vielen andern S. im Haar u. s. w. Bei uns ist jetzt der Gebrauch des S. verhältnismäßig sehr beschränkt. überladung mit S. gilt für geschmacklos. Hohe Damen tragen reichen S. nur bei großen Festlichkeiten. Man kann im allgemeinen den modernen S. in Ringschmuck (Fingerringe, Armbänder, Diademe), Kettenschmuck (Ketten und Colliers) und Anhängschmuck (Broschen, Agraffen u. dgl.) einteilen; doch hat diese Einteilung etwas Willkürliches und erschöpft die Sache nicht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 437Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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