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TierreichBrockhaus 1882

Mensch (psychologisch). Die seelischen Eigentümlichkeiten, welche den M. aus der Zahl der Tiere weit herausheben, wurzeln teilweise in der durch seine Organisation bedingten und durch seine aufrechte Haltung begünstigten Vollkommenheit seiner Fingerthätigkeit, wodurch er zur Anfertigung der für ihn im Kampf ums Dasein nötigen Werkzeuge und Waffen befähigt wurde, teils in der Ausbildung einer zum Ausdruck des vernünftigen Gedankens Heraleich Sprache. Beide Vorzüge sind, wie der Vergleich der Naturvölker mit den civilisierten Nationen zeigt, nicht gleichmäßig in der gesamten Spezies vertreten; in den vorgeschrittenen Rassen sind sie durch jahrtausendelange Entwickelung und Potenzierung bis zu derjenigen Höhe gediehen, welche wir als Kultur bezeichnen. In der größern Herrschaft über die eigenen Gedanken, in der entwickelten Willkürlichkeit der seelischen Bewegung liegt der allgemeine Charakter des menschlichen Seelenlebens, und diese Freiheit der Selbstbestimmung ist es denn auch, welche man unter dem Namen der Vernunft als das unterscheidende Wesen des M. zu bezeichnen pflegt. Dieselbe besteht in der Entwickelung fester, herrschender Vorstellungsmassen, welche einerseits als deutende und erklärende Begriffe die Auffassung der sinnlichen Eindrücke bedingen, andererseits als konstante und kräftigste Motive die Vorgänge der Willensentscheidungen bestimmen; nach beiden Seiten hin den M. von der Herrschaft des momentanen Zustandes befreiend und ihn zum Herrn seiner selbst machend, Deren dieselben sich in der Sprache ausgeprägt und efestigt: die Entwickelung der letztern ist mit derjenigen der Dastanch. völlig gleich, und die Sprache ist deshalb das äußere Kennzeichen, die spezifische Differenz, das charakteristische Merkmal des M. Auf dem theoretischen Gebiet zeigt sich die Vernunft in der Entwickelung allgemeiner Begriffe, welche dann der Auffassung aller andern Eindrücke zu Grunde gelegt werden, und in der Heranbildung der kritischen Fähigkeit, den Erkenntniswert der Vorstellungen zu unterscheiden, zwischen richtig und unrichtig, wahr und falsch zu unterscheiden; es gipfelt dieselbe in der Möglichkeit, sich auf abstrakte Grundsätze dieser Beurteilung zu besinnen. Auf praktischem Gebiet entstehen auf diese Weise Grundsätze des Thuns und Unterlassens, welche zu bleibenden Motiven der Willensentscheidung werden und wiederum den Maßstab für eine Beurteilung der einzelnen Handlungen und Entschlüsse abgeben, sodaß auch diese als recht und unrecht, als gut und böse unterschieden werden. Das gemeinsame Resultat beider Bewegungen ist die Ausbildung des individuellen Selbstbewußtseins, einer wesentlichen Eigentümlichkeit des M., in welchem zu gleicher Zeit eine Besinnung auf die für alle M. gültigen Regeln des Denkens und Handelns stattfindet. In der so herangezogenen Freiheit von dem bloß sinnlichen Eindruck und seiner unmittelbaren Gefühlswirkung wurzelt dann auch die Fähigkeit des M., an den Gegenständen seiner Wahrnehmung ein persönlich uninteressiertes Wohlgefallen oder Mißfallen zu haben, d. h. sich ästhetisch zu verhalten und die Dinge als schön oder häßlich zu beurteilen. In der Vereinigung aller dieser Vorstellungen gewinnt der M. den Gedanken eines einheitlichen Zusammenhangs der ganzen Welt, zu dem er erkennend, handelnd, genießend ein persönliches Verhältnis der Unterordnung und der ahnungsvollen Hingebung besitzt, und den er mit dem religiösen Gefühl umfängt. Die sozialen Instinkte, schon bei den Tieren verschiedener Ordnung lebhaft entwickelt, erreichen bei dem M. ihre größte Energie. Hier adeln sich die natürlichen Anlagen der Geschlechtsgemeinschaft zur Familie; hier bildet sich durch eine vernünftige Teilung der Arbeit, der Rechte und Ansprüche der Staat aus, hier schließen sich die moralischen Bestrebungen der Individuen zu der religiösen Form der Kirche zusammen, und als die Verschmelzung aller diefer Bewegungen erscheint der Kulturbegriff der Gesellschaft als einer Vereinigung, in welcher der natürliche Kampf ums Dasein, den die Individuen weiter führen müssen, durch Vernunftgesetze geordnet wird. Diese Ausbildung der sozialen Ordnung erscheint deshalb als der typische Charakter der menschlichen Gattung.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 623Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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