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TierreichBrockhaus 1882

Schön ist für die theoretische Kunstbetrachtung einer der wichtigsten Begriffe: man bezeichnet gewöhnlich das Wesen der Kunst als die Darstellung des Schönen. Nichtsdestoweniger ist die nähere Erklärung des Schönen äußerst schwierig. Der Sprachgebrauch nennt in Natur und Kunst bereits jede Linienschwingung schön, die das Auge reizt; die Asthetik (s. d.) bezeichnet diese sinnliche Gefälligkeit nur mit dem Ausdruck des Reizenden und Angenehmen. Die Asthetik als Wissenschaft vom Schönen beschränkt den Begriff des Schönen nur auf solche Gegenstände, bei welchen einerseits das Wohlgefallen nicht durch ein persönliches Bedürfnis bedingt ist und in denen andererseits die sinnliche Form und Erscheinungsweise durch und durch bestimmt ist durch die geistige Idee, die ihr zu Grunde liegt, in denen Form und Inhalt ganz und gar ineinander aufgehen und im innigsten Gleichgewicht sind. Das Schöne ist das verwirklichte Ideal. Diese Begriffsbestimmung ist besonders von der Schellingschen und Hegelschen Philosophie ausgeangen. Danach bestimmen sich auch die verwandten Sehön des Erhabenen, Komischen und Häßlichen. hön ist das harmonische Gleichgewicht und die innige Durchdringung des Geistigen und Sinnlichen. Im Erhabenen ragt das Geistige über das Sinnliche hinaus; im Komischen ragt umgekehrt das Sinnliche über das Geistige; das Häßliche ist die rohe, geistverlassene Sinnlichkeit. Die vollständigste Analyse des Begriffs des Schönen gibt Vischer (. d.) in seinem Buche aliber das Erhabene und Komisches (Stuttg. 1837) und im ersten Teil seiner „Asthetiko. Die Asthetik zeigt das Schöne nach seiner allgemeinen Wesenheit, die Kunstgeschichte in seiner besondern, durch Zeit und Ort bedingten Erscheinung und Entwickelung. Auch in der Beurteilung des Naturschönen stellt man, wenn auch zum Teil unbewußt, dieselbe Forderung der ideellen Durchgeistigung. So nennt man auch die menschliche Gestalt nur schön, wenn sie durchgeistigt ist; selbst die normalste äußere Gestaltung, wenn man ihr die Geistlosigkeit und Gemütsroheit ansieht, wirkt unschön. Die Durchgeistigung der Körpergestalt stellt auch die german. Kunst, ja sie stellt sie tiefer und innerlicher als die Kunst der Griechen und Italiener dar; aber nur die griech. Kunst und die ital. Renaissancekunst verbindet mit ihrer Durchgeistigung zugleich jene allgemeingültige Norm der Menschengestaltung, die, weil sie nicht bloß Natur, sondern ideale Natur ist, das ewig maßgebende unabänderliche Muster höchster Kunstschönheit ist. In diesem Sinne faßten die Griechen auch das höchste sittliche Ideal als Kalokagathie, d. h. als Einheit des Guten und Schönen, als das Gleichgewicht und die Harmonie des Geistigen und Körperlichen; es ist der einzig mögliche und einzig richtige Begriff der sog. Kosmetik (s. d.), der Lehre von der Erhaltung und Förderung der körperlichen Schönheit, Bildung des Geistes, Kräftigung des Körpers.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 459Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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