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Bildende KunstBrockhaus 1882

Ideal heißt das der Idee Entsprechende, das vollkommene Einssein von Idee und sinnlicher Erscheinung. Im Begriff des J. liegt daher die Forderung, das Einzelne der Idee gemäß zu gestalten; man spricht ebenso von sittlichen und staatlichen wie von wissenschaftlichen und künstlerischen J. Im Reich der natürlichen Wirklichkeit, die den mannigfachsten Zufällen und Trübungen ausgesetzt ist, findet sich diese volle Verkörperung der Idee in der sinnlichen Erscheinung nirgends; sie findet sich nur im Reich der Kunst, deren Wesen darin besteht, uns aus den Schranken der Wirklichkeit zu erheben, indem sie wenigstens im freien Spiel der schöpferischen Phantasie eine Gestalt (sinnliche Erscheinung) erzeugt, die der volle und reine Ausdruck ihres Gehalts (Idee) ist. Dies ist der tiefe Sinn des Schillerschen Gedichts: Das J. und das Lebeno. Wie die Ideen, so wechseln auch die J. je nach den verschiedenen Epochen des Menschen und der Menschheit. Nicht mit Unrecht hat man die Geschichte der Kunst die Geschichte der menschlichen J. genannt. Idealisieren heißt daher das Naturschöne in das Kunstschöne erheben. Es ist kein Vorwurf, wenn man vom Porträtmaler sagt, er schmeichle; es kommt nur darauf an, ob er fremde Züge in das Bild hineinlegt oder die vorhandenen nur verklärt und vergeistigt. ö Idealismus als Kunstausdruck für die allgemeine Charakterisierung philos. Systeme hat einen verschiedenen und zu Mißverständnissen leicht Veranlassung gebenden Sinn, je nachdem man ihm die verschiedenen Bedeutungen des Wortes Idee (s. d.) oder den Begriff des Ideals zu Grunde legt. Bezieht man J. auf den franz., engl. und in der allgemeinen Sprache auch deutschen Gebrauch des Wortes Idee, so bedeutet er eine Weltanschauung, welche aus erkenntnistheoretischen Gründen behauptet, daß, was wir für Dinge anzusehen gewohnt sind, nur Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen sind. In diesem Sinne steht dem J. der Realismus (s. d.), respG. der Materialismus entgegen. Dieser J. heißt dogmatischer I, wenn er behauptet, daß die Welt der absoluten Wirklichkeit nur aus Vorstellungen und vorstellenden Wesen bestehe, wie dies Berkeley that; er heißt transscendentaler oder kritischer I., wenn er nur behauptet, daß alles, was wir Menschen von der absoluten Wirklichkeit oder den Dingen an sich wissen, nur Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen sind, wie es durch Kant geschah. Eine — Anwendung des Terminus J. beruht auf dem platonischen Begriffe der Idee als des Allgemeinen, und J. in diesem Sinne ist jede Weliaushammnn, welche die Welt der sinnlichen Wirklichkeit nur als einen Abglanz der ewigen deenwelt betrachtet; dahin gehören die Lehren Platos, der sog. mittelalterliche oder scholastische Realismus, die Philosophie von Malebranche u. s. w. Drittens endlich weist die Anwendung des Terminus J. auf den sittlichen Begriff des eals zurück, wie man auch im gewöhnlichen Leen jemand einen Idealisten nennt und ihm J. zuspricht, wenn er, unbeirrt durch äußere Rückichten, lediglich einem seiner überzeugung vorschwebenden Wauf zustrebt. In dieser Beziehung ist J. eine We 1 s Lir O welche in dem ganzen Universum nichts als die Arbeit zur Realisierung der sittlichen Ideale sieht, wie sie von Fichte aufgestellt und von Spätern unrichtig als subjektiver J. be525 r worden ist. In der Verschmelzung endlich es transscendentalen, des Platonischen und des Fichteschen J. ist von Schelling und Hegel der sog. absolute J. aufgestellt worden, der den Weltprozeß in den beiden es Physich des Realen und des Idealen, d. h. des Physischen und des Psychischen, als eine stufenweise Verwirklichung der göttlichen Ideenwelt auffaßt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 525Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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