FeedSchußwunden (Vulnera sclopetaria)
HeilkundeBrockhaus 1882

Schußwunden (Vulnera sclopetaria), Wunden, welche vermittelst der Feuerwaffen (s. d.) hervorgebracht werden. Die S. haben im allgemeinen die Bedeutung der gequetschten und gerissenen Wunden. Das harte, meist metallene Projektil oder Geschoß (s. d.) trennt nicht bloß die Gewebsteile, wie z. B. ein Schnitt mit einem Messer oder ein Hieb mit einem scharfen Säbel, sondern es zermalmt die Teile und zerrt sie auseinander. Die quetschende und reißende Wirkung des Geschosses beschränkt sich aber wegen der Schnelligkeit desselben in den weichen Teilen meist auf die nächste Umgebung des Wundkanals; nur an den Knochen bewirkt das Geschoß meist ausgedehnte Zersplitterung (sog. Schußfraktur). Die Schwere der S. richtet sich nach dem verletzten Organ. S., welche wichtige Körperteile (das Gehirn, Rückenmark, große Blutgefäße, Brust⸗ oder Baucheingeweide) getroffen haben, sind meist schnell tödlich, weshalb verhältnismäßig wenig Verletzte der Art in den Lazaretten zur Beobachtung kommen. Schußverletzungen größerer Blutgefäße verraten sich nicht immer soglei durch starke Blutung; denn die Häute der zerschossenen Gefäße sind oft so unregelmäßig getrennt, daß sie sich nach innen einrollen und das Gefäß verstopfen. Nach einigen Tagen pflegt dann eine Nachblutung einzutreten. Ist der Schuß sehr schräg gegen die Körperoberfläche gerichtet, so reißt das Geschoß eine grabenförmige Wunde auf (Streifschuß); trifft das Geschoß mehr senkrecht auf die Körperoberfläche, so macht es einen Wundkanal, der blind oder durchgehend (Haarseilschuß) sein kann. In blinden Schußkanälen steckt in der Regel noch das Geschoß, letzteres kann jedoch wieder herausgefallen oder durch die von ihm eingestülpten Kleidungsstücke wieder herausgezogen sein. Auch in durchgehenden Schußkanälen kann noch ein Geschoß sich finden, wenn die Ausgangsöffnung von einem Stück des Geschosses, oder einem Eisengeschoß, oder einem Knochensplitter u. dgl. entstanden war. Am durchgehenden Schuß unterscheidet man Ein- und Ausgangsöffnung; erstere sieht mehr wie eine gequetschte, letztere mehr wie eine gerissene Wunde aus. Bei Schüssen aus nächster Nähe findet man die Umgebung der Eingangsöffnung von eingedrungenen Pulverkörnern geschwärzt. Matte Geschosse dringen oft nicht durch die Haut ein, sondern machen nur eine Quetschung (Prellschuß), deren Spuren häufig an der zähen und elastischen Haut kaum zu entdecken sind, während unter der unversehrten Haut erhebliche Verletzungen (einfache Knochenbrüche, Muskel⸗ und Eingeweidezerreißungen) sich finden. Früher glaubte man, in solchen Fällen habe das Geschoß den Körper gar nicht getroffen, und nannte sie Luftstreifschüsse. Die Wirkung eines Schusses ist übrigens sehr verschieden. Man unterscheidet zunächst direkte und indirekte Geschosse; erstere kommen aus dem Lauf der Feuerwaffen, letztere sind von erstern in Bewegung gesetzt. Zu den direkten Geschossen gehören die Kanonenkugeln, die ganze Körperteile wegreißen können, die Granaten, deren Sprengstücke oft die schlimmsten Zermalmungen anrichten, die Flintenkugeln, die konischen Geschosse der Büchsen, die Schroten. Die alten Flintenkugeln wurden durch Widerstände, namentlich Knochen, leicht von ihrer Bahn abgelenkt, umzogen dann wohl im Bogen den betreffenden Körperteil, z. B. den Brustkasten (Contourschüsse). Bei den konischen Geschossen der Büchsen hat man dies weit seltener beobachtet; diese durchdringen meist in gerader Richtung den betreffenden Körperteil. Alle bleiernen Flintengeschosse können sich, wenn sie matt sind, am Knochen abplatten und an einer Knochenkante teilen. Die Schrotschußwunden sind von verhältnismäßig geringer Bedeutung, da die Schroten meist nicht tief eindringen können. Indirekte Geschosse sind die von den Geschossen fortgeschleuderten Steine, Holzsplitter, Glasstückchen u. dgl., ferner Knöpfe, Münzen, Ringe und andere Gegenstände, welche die Verletzten an sich getragen haben, sowie auch Fetzen der Kleidungsstücke, endlich von dem Geschoß losgelöste und fortgeschleuderte Knochensplitter. Indirekte Geschosse können wegen ihrer unregelmäßigen Gestalt recht schlimme Zerreißungen anrichten. Metallene Geschosse von regelmäßiger Form heilen bisweilen in den Körper ein, besonders leicht Schrotkörner. Mit und außer dem Geschoß eingedrungene Zeug⸗ und Holzstückchen veranlassen in der Regel sehr bedeutende Eiterungen. Die Behandlung der S. ist im allgemeinen die der Quetschwunden und wird nur durch die speziellen Umstände modifiziert. Für den ersten Notverband, bis zum Eintreffen ärztlicher Hilfe, genügt meist das Bedecken der Wunde mit Jodoform,‚ Salicylwatte, Sublimatholzwolle oder einem andern antiseptischen Verbandstoff, welcher vermittelst einer Mullbinde oder eines saubern Tuchs in geeigneter Weise befestigt wird. Das Geschoß, Kleiderfetzen u. dgl. entfernt man möglichst bald nach der Verletzung; in der spätern Zeit, wenn schon eine beträchtliche Schwellung und Entzündung der Wundränder eingetreten ist, hat sich die Entfernung des Geschosses als meist unzweckmäßig erwiesen. Wird aber durch die Gegenwart des fremden Körpers die Heilung beeinträchtigt, so muß er natürlich herausgenommen werden. Die Behandlung der Komplikationen der S., z. B. Knochenbrüche, erfolgt nach allgemein chirurg. Regeln. Bei Schußfrakturen erfordert der Transport des Verletzten besondere Vorsichtsmaßregeln. (S. Knochenbrüche.) Vgl. Richter, «Chirurgie der Schußverletzungen im Kriege »(Bresl. 1875); Fischer, «Handbuch der Kriegschirurgies (Stuttg. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 527Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6