FeedSchätzengesellschaften
GeschichteBrockhaus 1882

Schätzengesellschaften sind der letzte Rest jener einst dem deutschen Bürger zustehenden allgemeinen Waffenfähigkeit, die mit der hohen Blüte⸗ und Machtentwickelung der Städte aufs engste zusammenhing. Als häufige Ein⸗ und Übergriffe des Adels und der Fürsten die Städte zu beständiger Kampfbereitschaft nötigten, ordnete sich auch ihr Kriegswesen. Die patricischen Geschlechter nahmen Waffen und Rüstung der Ritter an, die übrigen Bürger aber, nach Zünften oder Stadtvierteln geordnet, rüsteten sich mit verschiedenen Waffen, meist mit der Armbrust. Weil aber erfolgreiche Führung der Armbrust eine nur durch lange übung zu gewinnende Fertigkeit voraussetzte, bildeten sich bald Schützenvereine in der damals allgemein üblichen Form von Gilden, als deren Schutzheiliger gewöhnlich der durch Pfeilschüsse gemartete St. Sebastian galt. Schützenhäuser, Schießbahnen auf freien Plätzen oder in den Zwingern, eine durch Beiträge und Vermächtnisse bereicherte Vereinskasse und jährliche Schützenfeste waren die notwendige Folge, und die städtischen Behörden begünstigten solche Einrichtungen natürlich aufs kräftigste. Namentlich gediehen die Schützenfeste, welche den Bürgern dasselbe wurden, was den Rittern die Turniere gewesen waren, zu großer Ausdehnung und hoher, selbst polit. Bedeutung. Mit besonderm Glanze wurden sie im 15. und 16., ja bis ins 17. Jahrh. hinein gefeiert und Einladungen ergingen an Fürsten, Adel und Städte. Die Teilnahme anderer Städte diente zur Förderung und Befestigung mächtiger Bündnisse, wovon das durch Fischart im «Glückhaften Schiffo gefeierte Schützenfest der Stadt Straßburg (1576) ein Beispiel bietet. Wie Wappendichter den Turnieren nachgezogen waren, so fanden sich bei den Schützenfesten Pritschenmeister ein, die mit mäßigem bürgerlichen Humor eine Beschreibung des Festes in Reime brachten und mit zierlich ausgemalten Wappen der Festgeber und vornehmsten Teilnehmer ausputzten. Von solchen Dichtern ist Lienhard Flexel, Bürger und Pritschenmeister zu Augsburg in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh., durch Uhlands Abhandlung „Zur Geschichte der Freischießeno, vor Hallings Ausgabe von Fischarts (Glückhaftem Schiffo (Tüb. 1828), am bekanntesten geworden. Auch das Feuergewehr lernten die Bürger sehr bald mit Eifer handhaben, und so bildeten sich auch schon frühzeitig S. für Wallbüchse und Standrohr, neben welchen die ältern Vereine fortbestanden, die ihr jährliches Festschießen nach einem auf einer Stange aufgesteckten Vogel oder Stern (Vogelschießen, Stern⸗„Nagel⸗, Stahlschießen) fortsetzten. Durch veränderte Kriegführung und Einbuße städtischer Freiheit verloren die S. allmählich ihre frühere Bedeutung und sanken zu Vergnügungsgesellschaften herab, die nur in besondern Notfällen zum Zwecke des Gemeinwohls herangezogen wurden. Erst mit dem nationalen Aufschwunge der neuern Zeit erhoben sie sich wieder zu höherer patriotischer Bedeutung. In Nachahmung der großen schweiz. Schützenfeste, die alljährlich den Ort wechseln, hielten die deutschen Schützen 1861 in Gotha ein allgemeines deutsches Schützen⸗ und Turnfest und gründeten einen Deutschen Schützenbund, der sein zweites Bundesschießen 1863 zu Frankfurt a. M., dann solche 1865 zu Bremen, 1872 zu Hannover, 1875 zu Stuttgart, 1878 zu Düsseldorf, 1881 in München und 1884 in Leipzig abhielt: derselbe verfolgt das Ziel: Verbrüderung aller deutschen Schützen, Vervollkommnung in der Kunst des Büchsenschießens und Hebung der Wehrfähigkeit des deutschen Volks. In der Schweiz haben die modernen S. die beste Organisation. Vgl. Förster, «Die Schützengilden» (Berl. 1856).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 530Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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