FeedSchwefelsäure
NaturlehreBrockhaus 1882

Schwefelsäure (lat. acidum sulfuricum, frz. acide sulfurique, engl. sulfuric acide) ist die höchste Oxydationsstufe des Schwefels und führt in wasserfreiem Zustande den Namen Schwefeltrioxyd oder Schwefelsäureanhydrid: sie kommt in der Natur nur sehr selten als vulkanisches Produkt in Wässern vor, dagegen bildet sie in Form von Salzen zahlreiche Mineralien, so den Gips (schwefelsauren Kalk), Kieserit (schwefelsaure Magnesia), Kainit (schwefelsaures Kali und schwefelsaure Magnesia), Schwerspat (schwefelsauren Baryt), Cölestin (schwefelsauren Strontian) und Vitriolbleierz (schwefelsaures Bleioxyd). Man erhält sie als Anhydrid S0;z, indem man ein Gemenge von schwefliger Säure und Sauerstoff über erhitzten platinierten Asbest leitet, wobei beide Gase sich miteinander zu S. vereinigen, oder auch durch gelindes Erhitzen von rauchender S.; sie bildet eine aus verfilzten, seideglänzenden, weißen Nadeln bestehende Masse, die gegenwärtig in großer Menge in der Teerfarbendarstellung Anwendung findet. Von den Verbindungen der S. mit Wasser sind die beiden wichtigsten die rauchende Schwefelsäure (Nordhäuser S., Vitriolöl, acidum sulfuricum fumans) Und die gewöhnliche oder englische Schwefelsäure (acidum sulfuricum concentratum). Die rauchende S. ist eine Auflösung von wasserfreier S. in englischer S., aus welcher schon bei gewöhnlicher Temperatur die erstere, weiße Nebel bildend, abdunstet. Sie wurde früher in Goslar und jetzt in Böhmen durch Destillation von schwefelsaurem Eisenoxyd dargestellt; sie ist eine ölähnliche Flüssigkeit von 1,86 bis 1,89 spezifischem Gewicht, aus welcher sich in der Kälte weiße Krystalle von sog. Pyroschwefelsäure, krystallisierte Schwefelsäure des Handels, 8,05(01)2, abscheiden. Man verwendet sie zum Auflösen von Indigo und in der Fabrikation der Benzol⸗, Anthracen⸗ und Resorcinfarben. Die englische S., in ihrer höchsten Konzentration das Schwefelsäurehydrat 80. (OI), bildend, wird im großartigsten Maßstabe nach einem um die Mitte des 18. Jahrh. zuerst in England aufgekommenen Verfahren durch Oxydation von schwefliger Säure mittels Salpetersäure bei Gegenwart von Wasserdämpfen dargestellt. Diese Methode wird dadurch technologisch verwertbar, daß die zunächst in Reaktion gebrachte Salpetersäure zu Stickoxydreduziert wird und letzteres, mit Luft zusammengebracht, sich in salpetrige Säure verwandelt, welche beim Zusammentreffen mit schwefliger Säure und Wasserdämpfen abermals S. und Stickstofforyd liefern. Letztere Orydationswirkung kann mit Hilfe derselben beschränkten Menge von Stickoxyd beliebig oft wiederholt werden, wenn nur dafür gesorgt wird, daß stets schweflige Säure, Wasserdämpfe und atmosphärischer Sauerstoff im richtigen Verhältnisse vorhanden sind. Als e Bleil für den fabrikmäßigen Betrieb dienen große Bleikammern; die sich am Boden dieser Kammern ansammelnde verdünnte S. (Kammersäure) wird entweder, wie zu den Zwecken der Sodabereitung, direkt verwendet oder konzentriert. Bis zu 1,75 (60“ Baumé) wird sie durch Erhitzen in flachen Bleipfannen oder im Gloverturm (s. d.), bis zur Konzentration von 1,84 ( 66 B.) in Glasretorten oder Platinapparaten konzentriert. Die im Handel sich findende S. ist selten reines Hydrat, sondern Sn. noch 4—6 Proz. Wasser. Sie ist eine farblose Flüssigkeit von Olkonsistenz und eine der stärksten Säuren und treibt deshalb fast alle andern Säuren aus ihren Verbindungen aus. Eine bräunliche Färbung, welche die Säure des Handels oft zeigt, ist auf Berührung mit organischer Sub-Wern zurückzuführen. Sie zeichnet sich durch große erwandtschaft zum Wasser aus, womit sie unter hifdan Wärmeentwickelung verschiedene chem. Verindungen eingeht. Man benutzt sie deshalb zum Trocknen von Gasen und festen und flüssigen Kör-Roie (Exsiccatoren der chem. Laboratorien). In der otglühhitze zersetzt sich die S. in schweflige Säure und in Sauerstoff. Der mächtige Aufschwung, welchen die chem. Industrie seit 25 Jahren genommen, ist eine Folge der Vervollkommnung der Schwefelsäurefabrikation, denn es gibt keinen Zweig der Großindustrie, woran nicht die S. direkt oder indirekt Anteil hat. Sie findet unter anderm Anwendung zur Darstellung der meisten Säuren (Salpetersäure, Salzsäure, schweflige Säure, Kohlensäure, Citronensäure, Weinsäure, Phosphorsäure, Stearinsäure), zum Aufschließen der Phosphate zu Düngerpräparaten, zur Bereitung des Phosphors, des Glaubersalzes und der Soda, der Pottasche, des Alauns und der Vitriole, zur Scheidung des Goldes vom Silber in den Affinerien, zur Entsilberung des Schwarzkupfers und des Kupfersteins, zum Raffinieren des Rüböls, Petroleums und Paraffins, in der Stärkezuckerfabrikation, zur Herstellung des Pergamentpapiers, bei der Bereitung vieler Teerfarben, zum Verseifen der Fette und Ole und neben Salpetersäure in der Fabrikation der sog. Nitroverbindungen, wie Schießbaumwolle, Nitroglyzerin und Dynamit, Nitrobenzol, Pikrinsäure u. s. w. Der Fabrikation der S. hat der Umstand Vorschub geleistet, daß man gegenwärtig die schweflige Säure der Hüttenwerke, die früher die Luft verunreinigte und die Vegetation beschädigte, in S. überführt. Die S. verbindet sich mit den Basen zu den schwefelsauren Salzen oder Sulfaten, die neutralen Salze sind sämtlich in Wasser löslich, mit Ausnahme des schwefelsauren Baryts, Strontians, Kalks und Bleioxyds, von denen sich das erste gar nicht, die andern drei nur schwierig lösen. Sie bildet als zweibasische Säure neutrale und saure Salze. Die medizinisch und technologisch wichtigsten Sulfate sind das schwefelsaure Kali (Kalium sulfuricum), das schwefelsaure Natron oder Glaubersalz (Natrium sulfuricum), die schwefelsaure Magnesia oder das Bittersalz (Magnesia sulturica), das schwefelsaure Cisenorpdul oder der Eisenvitriol (Ferrum sulfuricum), das schwefelsaure Kupferoxyd oder der Kupfervitriol (Cuprum sulfuricum), das schwefelsaure Zinkoryd oder der Zinkvitriol (LZincum sulfuricum), der s enSener. Baryt, der den als Mineral vorkommenden Schwerspat und das künstlich erhaltene Barytweiß bildet, der schwefelsaure Kalk (Gips, Anhydrit) etc.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 579Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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