FeedSchweine
TierreichBrockhaus 1882

Schweine gehören zu der Säugetierordnung der Paarzeher (Artiodactyta) und zwar zur Unterordnung der Nichtwiederkäuenden (A. non ruminantia). Sie sind mit Ausnahme Australiens über alle Weltteile verbreitet, im allgemeinen zum Fettwerden geneigt und omnivor, lieben die Feuchtigkeit und wälzen sich gern im Schlamme, um sich abzukühlen und ihre mit Borsten bekleidete Haut gegen Insekten zu schützen. Der Rüssel ist kurz; von den vier Zehen (Klauen) sind die zwei Seitenzehen Die eigentliche Gattung Schwein (Sus) zeichnet sich durch lauter vierzehige Füße, dreikantige vorragende Eckzähne, einen mittellangen Schwanz und den Mangel der Rückendrüse aus. Zu ihr gehört das Wildschwein (Sus scrofa, s. Tafel: Schweine und Schweinera ssen, Fig. 1), das braunschwarz ist, sonst in ganz Europa gemein war, jetzt aber wegen des Schadens, den es in Kulturen anrichtet, in vielen Gegenden ausgerottet ist. Es ist reizbar, rachsüchtig, grimmig, furchtlos und stürzt sich wütend auf seinen Gegner. Man jagte es früher mit großen Hunden (Saurüden) und fing es mit dem Jagdmesser oder mit dem Spieße (Saufeder) ab; jetzt schießt man es mit der Büchse nach vorgängiger Hetze oder Einkreisung. Die Jagdbezeichnung für dasselbe ist Schwarzwild, im Gegensatz zu Rotwild (Hirsche und Rehe); das Männchen heißt Eber oder Keuler, das Weibchen Bache und die Jungen Frischlinge. Von ihm, sowie wahrscheinlich von in Asien einheimischen Arten stammt das Hausschwein (S. domesticus) ab, dessen Knochen schon in den Pfahlbauresten gefunden werden, und das als ein verhältnismäßig wohlfeil zu erhaltendes und einträgliches, besonders aber durch seine große Fruchtbarkeit wichtiges Haustier geschätzt, jedoch bei vielen orient. Völkern, wie Juden, Mohammedanern u. a., auch verabscheut ist. Außer den genannten gehören zu der Dickhäutergruppe der S. oder Borstenträger (Suinae s. Setigera) folgende Arten: das asiatische Wildschwein (S. indicus, identisch mit dem Torfschwein der Pfahlbauten), das Pinselschwein (Potamochoerus porcus) im Indischen Archipel, das Larvenschwein (P. africanus) in Mittelafrika; der Hirscheber oder Babirussa (Porcus Babirussa, Fig. 2); das Halsbandschwein Dicotyles torquatus, Fig. 3) in Südamerika; das Stummelschwanzschwein (Porculus indicus) auf Neuguinea; das afrikanische Warzenschwein oder Emgallo (Phacochoerus aethiopicus, Fig. 4. Die häufig als besondere Arten aufgeführten: chinesisches S. (Sus chinensis), japanisches Maskenschwein (S. pliciceps, Fig. 5), ind. Mähnenschwein (S. cristatus), javan. Bartschwein (S. barbatus), Andamanenschwein (S. andamanensis), Weißbartschwein (S. leucomystax) auf Formosa; Pustelschwein (S. verrucosus) und Bindenschwein (S. vittatus) im Indischen Archipel; Timorschwein (S. timorensis), Sennaarschwein (S. sennarensis) in Nordafrika, sind meist wahrscheinlich nur Spielarten oder Rassen von S. indicus und S. scrofa. Die Schweinezucht, d. i. die Aufzucht und Verwertung des Hausschweins, bildet einen wichtigen Zweig der landwirtschaftlichen Tierproduktion. Die für den mitteleuropäischen Zuchtbetrieb nutzbaren Schweinerassen lassen sich klassisizieren in: I. Alte europäische Landra sse (direkt vom Wildschwein abstammend): a. Landie langohrige und b. mittelschwere kurzohrige Landschläge. II. Europäische Schläge asiatischen Ursprungs (von Sus indicus): a. kraushaarige 1) Mongolicza (in Serbien), 2) Bakonyi (in Ungarn), 3) Szalonta (Ungarn, Siebenbürgen, Galizien, Fig. 6); b. romanische, 4) graubündener, 5) neapolitaner. III. Neuere englische Schweineschläge: 1) Große weiße orkshire, Fig. 7 und Suffolk, Fig. 8), 2) kleine weiße (Lancaster), 3) kleine schwarze (Essex, Fig. Y, 4) Berkshire (Fig. 10). 5) Mittelschläge. Die engl., künstlich erzüchteten Schweineschläge verdrängen nach und nach in allen Ländern der Hochkultur die einheimischen Landrassen. Die Zucht der S. wird als eine halbwilde bezeichnet, wenn die Tiere das ganze Jahr hindurch im Freien auf der Weide bleiben und auf eine bestimmte Mast angewiesen sind, nach welcher sie verwertet werden; so z. B. auf die Eichelmast im Bakonyer Walde (Ungarn). Diese Zucht kommt aber nur in südl. und uncivilisierten Ländern vor. Da, wo die Landwirtschaft eine höhere Stufe erreicht hat, wird der Schweinezucht dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wie andern Zweigen der Viehzucht. Dies schließt einen geregelten Weidegang nicht aus. Bekanntlich vergüten die S. den Schaden, welchen sie durch Wühlen thun, in der massenhaften Vertilgung von Ungeziefer, und nebenbei ist die Walmast mittels Eicheln und Bucheckern eine sehr vorteilhafte. Bei der reinen Stallfütterung erhalten die S., außer Trockenfutter, fast alle vorkommenden Futtermittel und Abgänge. Vorzüglich aber mästen sie sich mit den Überbleibseln der Molkerei, mit Kartoffeln und Getreideschrot, im Süden mit Mais, Kürbissen, Melonen; kein Tier verwertet das Futter besser und rascher als das S. Es ist ein Irrtum, daß ältere S. sich vorzüglicher mästen als jüngere; im Gegenteil liegt der besondere Vorzug der engl. Schweinerassen gerade in ihrer Frühreife, welche schon bis zu einem Jahre ausgemästete Tiere von vorzüglicher Produktion liefern. Die Stallung der S. soll reinlich, warm, solid gebaut, vor allem hinreichend trocken sein. Es ist ein schädlicher Wahn, wenn man diesem Tiere Reinlichkeit für nicht zuträglich hält, die vielmehr den Fettansatz und das Wohlsein ungemein fördert. Neben den Stallungen soll womöglich ein besonderer Schweinehof, im günstigen Falle mit einer Schwemme, angebracht sein. Das junge S. heißt Ferkel. Im Alter von 1— 1½ J. wird es zur Zucht verwandt, und es heißt alsdann das männliche Tier Eber, Bär, Hacksch, Hauer, Kämpe, Baier, Keiler, Faselschwein; das weibliche S. heißt Sau, Mutterschwein, Zuchtsau, Ferkelsau, Kosel, Docke, Bache. Verschnittene männliche Tiere nennt man Bark, weibliche Nonne. Solange die Ferkel saugen, heißen sie Milchschwein oder Spanferkel (Spansau), dann bis zur Paarung Läuferschwein. Das Hausschwein leidet an verschiedenen Krankheiten, von welchen zwei dem Menschen gefährlich werden: die Finnen, unentwickelte Formen des Bandwurms (s. d.), und die Trichinen (s. d.). Die Produkte des S.: Fett, Schmalz und Schmalzöl, Fleisch, Borsten, Haut u. w., treten in den Welthandel. Es gibt besondere Mittelpunkte für den Schinkenhandel, in Europa z. B. Westfalen, Bayonne, Neapel; in Nordamerika St.⸗Louis, Chicago und Cincinnati. In Frankreich und Savoyen werden S. zum Aufsuchen der Trüffeln (s. d.) verwendet. Vgl. Baumeister, «Anleitung zur Schweinezucht und Schweinehaltungo (4. Aufl., Stuttg. 1871); G. May, Die Schweinezuchty (Berl. 1880); Rohde, „Die Schweinezuchto (3. Aufl., Berl. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 583Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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