Sprache ist der lautliche Ausdruck des Gedankens. Jeder Ausdruck von Gedanken, der nicht durch Laute geschieht, sondern z. B. durch Geberden oder Zeichen, kann nur im uneigentlichen Sinne S. S. kommt allein dem Menschen zu. Die von Tieren hervorgebrachten, oft sehr mannigfaltigen Laute sind der Ausdruck nicht von Gedanken, sondern von Empfindungen, unsern Ausrufen des Schmerzes, der Freude u. s. w. analog; von einer Tiersprache läßt sich daher nur bildlich reden. In jenem allgemeinsten Sinne ist S. gleichbedeutend mit Sprachvermögen. Die besondere Art aber, in welcher sich das Sprachvermögen bei einem Volke äußert, nennt man seine S. Dieselbe umfaßt den gesamten Vorrat von Worten und deren Formen, in denen das Volk seine Gedanken ausdrückt. Die Sprachwissenschaft hat festgestellt, daß die S. sich nicht nach der Willkür der Menschen, sondern nach festen Gesetzen entwickelt und verändert (s. Lautgesetz e); die S. besitzt daher eine gewisse Ahnlichkeit mit einem Oranismus, und wurde von einigen Sprachforschern, jedoch unrichtig, als ein selbständiger Organismus aufgefaßt. Zugleich hat diese Wissenschaft die Verwandtschaft verschiedener S. entdeckt, d. h. nachgewiesen, daß eine gewisse Anzahl S. auf eine einst wirklich vorhandene und gesprochene Ur⸗ oder Grundsprache zurückzuführen und die sie redenden Völker einst ein einheitliches Gesamtvolk bildeten aus dem die Einzelvölker und Einzelsprachen durch Auswanderung, Abtrennung, Verbreitung über einen großen Raum und die infolge davon eintretende allmähliche Differenzierung hervorgegangen sind. Sämtliche auf eine Grundsprache zurückgehenden Einzelsprachen bilden einen Sprachstamm. Innerhalb eines ganzen Sprachstammes gibt es wieder eine gewisse Anzahl von S., die untereinander näher verwandt sind als mit andern desselben Stammes, und ihrerseits wieder auf eine früher noch ungeteilte Gesamtsprache zurückgehen. Diese kleinern Abteilungen heißen Sprachfamilien, z. B. indogermanischer Sprachstamm, german. Familie. Die Familie teilt sich in Einzelsprachen, z. B. die germanische in Gotisch, Nordisch, Deutsch, die Einzelsprachen in Dialekte (f. d.). Die einem und demselben Stamme, einer Familie anehörenden S. nennt man zuweilen Schwesterprachen, jede von einer ältern S. abstammende üngere Form Tochtersprache. Bei dem Verkehr er Völker kommt es vor, daß ein Volk seine S. aufgibt und die eines andern, z. B. erobernden Volks annimmt. Ebenso entlehnt ein Volk von einem andern oft Worte, Ausdrucks⸗ und Satzformen, und diese Entlehnungen können so zahlreich sein, daß die S. einiger Völker als eine Mischsprache erscheint. S., die nur in schriftlichen Denkmälern erhalten sind, von keinem Volke mehr gesprochen werden, heißen tote S., selbst wenn sie, wie das Lateinische, von einzelnen Klassen zum schriftlichen Ausdruck auch jetzt noch benutzt werden; lebend nennt man S., die von einem Volke bis auf den heutigen Tag im täglichen Leben gesprochen werden. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch versteht man unter dem Worte S. vielfach auch die bestimmte Ausdrucksweise gewisser Kreise oder Klassen von Menschen, insofern sie sich von dem als allgemeine Norm Angesehenen unterscheidet; man spricht daher von dichterischer, kirchlicher, Kunstsprache u. s. f. Die Schriftsprache eines Volks, d. h. diejenige Ausdrucksweise, welcher sich die Litteratur bedient, ist in der Regel der Dialekt desjenigen Stammes, dessen geistige Bildung zuerst das Bedürfnis einer Litteratur erzeugte, oder der durch polit., kirchliche und andere Verhältnisse ein übergewicht über die andern Stämme des Volks erlangte; im Laufe der Zeit streift dieselbe immer mehr von der lokalen dialektischen Färbung ab und wird zur allgemeinen Ausdrucksweise aller Gebildeten, die über allen Lokaldialekten steht. (S. Sprachwissenschaft.)