Semitische Sprachen heißen die Sprachen desjenigen Sprachstammes, welcher ursprünglich die Gebiete vom Tigris bis an die Küsten des Mittelmeers und Arabien umfaßte, von Südarabien aus auch nach Abessinien vordrang und durch die Kolonien der Phönizier und die Eroberungszüge der Araber nach Westen wie nach Osten hin weiter verbreitet wurde. Der Name ist von J. G. Eichhorn eingeführt mit Beziehung auf 1 Mos. 10,21 fg., wo die meisten der diese Sprachen sprechenden Völker auf Sem zurückgeführt werden. Charakteristis che Merkmale dieser Sprachen sind im Lautsystem mehere eigentümliche Gutturale und emphatische Stumm⸗ und Zischlaute, lexikalisch das Vorherrschen dreikonsonantiger Wurzeln, in der Wortbildung die Starrheit des konsonantischen und die Wandelbarkeit des vokalischen Elements, sowie der Mangel der Kompositionsfähigkeit im Nomen und im Verbum und die Beschränkung auf zwei Geschlechter und zwei Tempusformen, geringere Casus⸗ und reichere Konjugationsentwickelung, syntaktisch größere Einfachheit des Satzbaues; im Schriftsystem die Unvollkommenheit, daß ursprünglich und gewöhnlich nur die Konsonanten geschrieben, die Vokale aber fast durchaus weggelassen werden. Mit den indogermanischen und namentlich mit den hamitischen Sprachen (s. d.] haben sie wohl einzelne grammatische und lexikalische Berührungspunkte, aber nicht genügend, um ein ursprüngliches Verwandtschaftsverhältnis zu erhärten. Die vier Hauptzweige, in welche sich der semit. Sprachstamm teilt, sind: 1) das Ostsemitische oder die Sprache der assyr.⸗babylon. Keilschriftmonumente; 2) das Nordsemitische oder Aramäische, welches im Altertum in Syrien und Mesopotamien gesprochen und noch im pers. Reiche die Verkehrssprache Vorderasiens war und litterarisch a) im Jüdisch-Aramäischen (des Alten Testaments, der Targums etc.), Samaritanischen, den palmyrenischen und nabatäischen Inschriften, b) im Syrischen (der christlich syr. Litteratur), Mandäischen, auch Babylon.⸗Talmudischen erhalten ist, 3) das Mittelsemitische oder Kanaanäische, nämlich a) das Hebräische des Alten Testaments mit dem daraus abgeleiteten Neuhebräischen (der Mischna) und Rabbinischen, b) das Phönizische und Punische; 4) die südsemit. Sprachen, nämlich a) das Arabische des nördl. Arabien, welches durch den Islam die herrschende Sprache der mohammed. Reiche wurde und woraus sich verschiedene Dialekte bildeten, wie der syrische, ägyptische und die vielfach verderbten Dialekte in den Barbareskenstaaten, in Marokko und auf der Insel Malta, b) die südarab. Dialekte, wie sie teils auf den sabäischen Inschriften, teils in noch lebenden Volkssprachen (wie Ckhili) erhalten sind, e) in Abessinien die sog. äthiopische oder Geez-Sprache, das Amharische, das Tigray, Tigrißa, Harari u. a. Die meisten Forscher stimmen darin überein, daß in den arab. Sprachen der Typus des Semitischen am reinsten und vollständigsten ausgebildet vorliegt. Vgl. Renan, Histoire générale des langues Sémitiqueso (4. Aufl., Par. 1863).