FeedSequenz
ReligionBrockhaus 1882

Sequenz (kirchenlat.) heißen die aus den Modulationen des Halleluja beim Graduale-Responsorium (s. Graduale) im 9. Jahrh. hervorgegangenen Kirchengesänge, welche für die Entwickelung der Kirchenmusik eine große Bedeutung erlangt haben. Nach Einführung eines geregelten, von kunstmäßig geschulten Sängern ausgeführten Kirchengesangs war die Gemeinde allmählich nur auf die uralte refrainartige Wiederholung gewisser liturgischer Rufe, besonders des Kyrie eleison und Halleluja, beschränkt worden. Aber schon frühzeitig nahm der das Volk noch weiter zurückdrängende Gebrauch überhand, diese beiden Rufe durch Dehnung der Silben, besonders der Endsilbe, zu erweitern, was man Neuma oder Pneuma, d. h. wortlosen Erguß frommen Jubels, nannte. Zuletzt ward die auf der Endsilbe Kja bei dem Halleluja des Graduale ruhende Modulation, die man, eben weil sie auf das Halleluja als dessen unmittelbare Fortsetzung folgte (sequebatur), sequentia benannte, so ausgedehnt und verkünstelt, daß es selbst geschulten Sängern schwer fiel, die Melodien im Gedächtnis festzuhalten. Deshalb geriet der berühmte Notker (. d.) Balbulus auf den Gedanken, jenen Modulationen Texte unterzulegen, eine Neuerung, welche auch von andern Mönchen in St. Gallen, Ratpert, Tuotilo und ihren Schülern, sofort eifrig aufgegriffen und gefördert und noch vor dem Ablauf des Jahrhunderts selbst vom Papst bestätigt wurde. Notker hielt dabei, im Gegensatz zu den reich mit Figuren geschmückten Sätzen der Kunstsänger, die Regel fest, daß je auf eine Note eine Silbe kam; mithin waren die Texte der S. (im Gegensatz zu den Hymnen) durchaus abhängig von der Musik, wurden also nur durch die Melodie bestimmt, zunächst noch ohne alle Rücksicht auf Versmaß und Reim. Wegen dieser anfänglich prosaischen Form hießen sie Prosen, und als eingeschobene Texte wurden sie auch Tropen genannt. Gleichwohl waren auch schon die frühesten S. nicht form⸗ und gesetzlos, da sie, dem Gregorianischen Gesange entgegen, besonders auf die melodischen Formen der Lerman. Völker Rücksicht nahmen und deshalb für die Ausbildung der Melodie sehr wichtig wurden. 908 dieser Abhängigkeit von der Musik und Melodie degegneten die S. einer Gattung des ursprünglichen deutschen Volksgesanges, den Leichen (s. d.), und eine gegenseitige Einwirkung blieb nicht aus. Die S. wurden von Mönchen gedichtet, namentlich in dem seit ältester Zeit um die Pflege der Muttersprache und des deutschen Gesangs verdienten Kloster St. Gallen, erhielten sich auch am längsten im Gottesdienste der Klöster, schlossen sich liebsten an die Heiligenverehrung und an Legenden und gingen auch in die deutsche Sprache über, wodurch dem Volke wieder ein größerer thätiger Anteil am kirchlichen Gottesdienste eröffnet ward. Außer Deutschland aber wurden sie fast nur in Frankreich und England gepflegt. Als sie allmählich metrische Gestalt und Reim annahmen, erfuhr auch ihre äußere Form die Einwirkung der alten volksmäßigen Lieder, wie sie umgekehrt vielleicht noch stärker auf diese zurückwirkten. Aber gerade aus diesen Gründen wurden sie der röm. Kirche mißfällig; die Synode zu Köln 1536 erklärte sich für ihre Abschaffung, und als infolge des tridentinischen Dekrets unter Pius V. 1568 eine neue Ausgabe des Breviars veranstaltet wurde, traf hauptsächlich die S. das Verdammungsurteil; denn von mehr als vierthalbhunderten, welche nachweislich einst vorhanden waren, wurden nur vier beibehalten: Veni sancte spiritus o, Lauda Sion salvatorem v, Stabat mater dolorosa und «Victimae paschalih, nebst dem nicht aus dem Responsoriengesange hervorgegangenen, also nur halb und halb dazugehörigen Traktus Dies irae. Ja selbst diese fünf Gesänge werden gegenwärtig fast nur noch in Klosterkirchen gehört. Dagegen sind die gehaltvollsten S. durch Luther u. a. umgedichtet oder überarbeitet in den prot. Gesangbüchern zu finden. Vgl. Wolf, «über die Lais, S. und Leicher (Heidelb. 1841); Bartsch, Die lateinischen S. des Mittelalters in musikalischer und rhythmischer Beziehungo (Rost. 1868). — In der musikälischen Theorie wird die mehrfache Wiederholung derselben Tonstufen S. genannt, weil dadurch sowohl melodisch wie harmonisch gleiche Gruppen entstehen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 708Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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