FeedServiuns Tullius
GeschichteBrockhaus 1882

Serviuns Tullius, der als sechster röm. König 578—534 regiert haben soll, ist seinem Ursprung nach eine sagenhafte Erscheinung. Nach der gangbarsten Sage war er der Sohn eines Gottes und einer Sklavin des Tarquinius Priscus, Ocrisia, und von früh auf durch Wunderzeichen verherrlicht. Nach etruskischen Chroniken dagegen wäre er ein Etrusker gewesen, der mit seinem heimischen Namen Mastarna geheißen und mit einer Schar Landsleute in Rom sich festgesetzt hätte. Zum Eidam des Tarquinius erhoben, wurde er nach dessen Tode mit Hilfe der Gemahlin des Verstorbenen, Tanaquil, die den Tod ihres Gatten verheimlichte, zunächst angeblich Stellvertreter desselben, dann aber, als dessen Tod offenkundig werden mußte, König, mit übergehung der Söhne des Tarquinius, und ohne daß ein senatorisches Interregnum mit den üblichen Formen vorangegangen wäre, indem er sich unmittelbar an das Volk wandte. Seine Regierung wird durch glückliche Kriege mit den Vejentern und hauptsächlich durch die Reform der Verfassung bezeichnet, durch welche aus Patriciern und Plebejern ein einheitliches Volk geschaffen wurde, indem Stadt und Weichbild zum Zwecke der Besteuerung und des Kriegsdienstes in lokale Tribus, die in diesen ansässigen Plebejer und Patricier als Bürger nach Alter und Vermögen in Klassen und Centurien verteilt wurden. Doch wird bezweifelt, daß diese Einteilung durch die auf Grund derselben zusammentretenden Centuriatcomitien schon in der Königszeit auch weitere polit. Bedeutung gewann. Sicher fällt dagegen noch in diese die ebenfalls dem S. zugeschriebene Herstellung einer einheitlichen und einheitlich befestigten Stadt durch Umziehung der bisher einzeln befestigten Stadtteile mit einer gemeinsamen Mauer. Endlich wird der der Diana auf dem Aventin in Rom als ein zweites gemeinsames Heiligtum des Latinischen Bundes geweihte Tempel als das Werk des S. bezeichnet. (S. Rom und Römisches Reich, sowie Römische Altertümer.) Außerdem soll S. nach der Tradition geprägtes Geld eingeführt haben, indem er das bisher formlos als Tauschmittel gebrauchte Kupfer in Barren gießen ließ, welche mit Marken in der Gestalt von Tierfiguren versehen wurden. Der durch solche Werke und Maßregeln populäre König soll jedoch ein trauriges Ende gefunden haben. Er hatte, so wird erzählt, seine beiden Töchter mit den Söhnen des Tarquinius Priscus verheiratet. Die eine, des Aruns Gattin, verführte dessen Bruder Lucius und heiratete ihn, nachdem er seine Gattin und sie ihren Gemahl gemordet. Dann reizte sie ihren neuen Gemahl zur Verschwörung gegen ihren Vater. S. wurde erschlagen. über die blutige Leiche fuhr die entartete Tochter mit ihrem Wagen. Eine Gasse in Rom sollte davon, daß in ihr dieses geschah, den Namen die verruchte (vicus sceleratus) haben. Vgl. Gardthausen, Mastarna oder S.» (Lpz. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 731Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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