Sewastõpol oder Sebastopol, Hafenstadt des russ. Gouvernements Taurien, liegt 1950 kKm von Petersburg an der Südwestküste der Krim (s. d.), und zwar an dem südl. Gestade einer von Westen gegen Osten in das Land eindringenden Bucht, die einen der geräumigsten und sichersten Häfen der Welt bildet. Der Hafen wurde deshalb zum Kriegshafen und zur Station der gesamten russ. Kriegsflotte des Schwarzen Meers gewählt und galt wegen seiner Lage und seiner großartigen Befestigungswerke von der Meeresseite her für uneinnehmbar, fiel aber doch im Orientkriege, nach elfmonatiger Belagerung, 1855 der Zerstörung und Croberung durch die Verbündeten anheim. Seitdem durfte auf Grund der Bestimmungen des Pariser Friedens vom 30. März 1856 der Hafen nur noch als Handelshafen benutzt werden. Diese Beschränkung wurde 1871 durch den Londoner Traktat beseitigt. S. wurde unter Katharina II. 5. Mai 1784 von Potemkin an der Stelle des Tatarendorfs Achtiar gegründet, blieb jedoch bis 1805 unbedeutend und fast vergessen, seit welcher Zeit Alexander I. die Bauten von neuem mit Nachdruck aufnahm. Die wichtigsten Arbeiten fanden aber unter der Regierung des Kaisers Nikolaus statt; 1826 wurde S. zu einer Festung ersten Ranges erhoben. Von dem Kap Chersones an, der äußersten Südwestspitze der Krim, hat die gegen Osten gerichtete Küste der Bucht von S. eine Reihe zum Teil tief gegen Süden einschneidender Buchten, zunächst die Dreifache oder Bucht von Fanary mit der Kosaken⸗ und der Kamiesch⸗ oder Schilfbai, die Pestschanaja⸗ oder Sandige Bucht, die Strelitzen⸗ oder Schützenbucht und die Quarantänebucht. Nordöstlich von letzterer springt das Kap und frühere Fort Alexander vor und diesem gegenüber das Kap und Fort Konstantin, welche beide den 1 km breiten Eingang zur Reede von Sewastopol bilden. Dieselbe ist 8 Km lang, durchschnittlich (ohne die Seitenbecken) 1 km breit, hat 15 — 18 m Tiefe und vortrefflichen Ankergrund und endet im Osten an der Mündung der Tschernaja (s. d.) bei Inhserman (.d.). An der Südküste hat die Bucht ebenfalls mehrere Buchten, die Artilleriebucht, die südliche oder Linienschiffbucht, die Arsenal⸗ oder Docksbucht und die Kielbucht, sämtlich natürliche Häfen, durch die unmittelbar dahinter aufsteigenden Kalkfelsen vor Stürmen gesichert. Sofort nach dem Pariser Frieden vom 30. März 1856 begann man den Wiederaufbau der zerstörten Stadt nach einem neuen Plane. Die zwei Hauptstraßen sind mit Granit gepflastert und haben auf beiden Seiten Baumreihen. Die Stadt hat drei Boulevards, seit 1882 eine Wasserleitung, sechs Kirchen, eine Synagoge, eine Staatsbank in einem schönen, 1885 erbauten Gebäude, eine kleine Stadtbibliothek, ein Zollamt, eine Realschule, ein Mädchengymnasium, eine Schifffahrts⸗ und eine Gewerbeschule. An der Südbucht sind große Getreidemagazine und eine Dampfmühle. Im J. 1871 zählte S. bereits wieder 13259 E., 1884 schon 26 133 E., worunter nur 8007 weiblichen Geschlechts, während vor dem Ausbruch des Orientkriegs die Bevölkerung, mit Einschluß des zahlreichen Marine⸗ und Militärpersonals, sich auf 47474 Köpfe belief. Der sich seit 1856 wieder hebende Handel wird durch die 1875 eröffnete Eisenbahn nach Lowoso unterstützt, welche S. mit dem russ. Eisenbahnnetz verbindet. Im J. 1884 liefen bereits 350 1. in den Hafen von S. ein, dessen Küstenschiffahrt bereits auf 1300 Schiffe mit Ladung im Werte von 30 Millionen Mark gestiegen war. Die Reede von S. war den Alten unter dem Namen Ktenüs (d. h. Kammhafen) bekannt. Die Halbinsel zwischen ihr und der Bucht von Balaklawa ( d.) hieß der Herakleotische Chersonesos oder Cherronesos. Hier wurde im 5. Jahrh. n. Chr. von Heraklea am Pontus aus die Stadt Chersonesos oder Chersonesos-Heraklea (Cherronesos) gegründet, zuerst in unvorteilhafter Stelle südöstlich vom Kap Fanary, auf der schmalen Landzunge zwischen dem ich a Meere und der Kosakenbucht, dann aber westlich an der Quarantänebucht. Dies Chersonesos blühte zu einer bedeutenden Handelsstadt auf, hatte 7—8 Em im Umfange, starke Ringmauern, eine Citadelle, eine Wasserleitung und einen Tempel der Artemis (Diana), deren Kultus hier die Verehrung aller andern Götter weit überragte. Die Stadt behauptete bis zur Hälfte des 2. Jahrh. ihre Freiheit, wurde dann dem pontisch-bosporischen Reiche einverleibt und später den Römern zinsbar. Nach der Teilung des Römischen Reichs wurde sie Hauptstadt einer byzant. Provinz und Sitz eines Erzbischofs. Schon 988 wurde sie durch die Russen unter Wladimir d. Gr., der sich hier, zu Korsun, taufen ließ, vorübergehend besetzt. Später sah sie sich durch das genuesische Kaffa (Feodosia) verdunkelt, ward 1363 durch Olgerd von Litauen verheert, im 14. oder 15. Jahrh. von den Tataren völlig zerstört. Bei der Eroberung der Krim durch die Russen' hatte sie noch bedeutende Ruinen aufzweisen, die aber jetzt Pa spurlos verschwunden sind. Das Vorgebirge arthenium, wohin die Griechen die taurische Artemis und die Iphigenia versetzten, ist nicht, wie man früher meinte, das jetzige Kap Fanary, sondern nach Neumann das Kap Fiolente, im Westen von Balaklawa. Vgl. Polsberw, De rebus Chersonesitarum et Callatianorum „ (Berl. 1838); Köhne, «Beiträge zur Geschichte und Archäologie von Cherronesus in Taurieno (Petersb. 1849); Neumann, Die Hellenen im Skythenlander (Berl. 1855). Die berühmte Belagerung, welche S. während des Orientkriegs erlitt, gehört zu den merkwürdigsten, welche die Kriegsgeschichte überhaupt kennt. Nachdem die verbündeten Franzosen und Engländer 14. Sept. 1854 bei Eupatoria in der Krim gelandet waren, traten sie den Marsch auf S. an, um diesen wichtigen Platz zu erobern und die russ. Flottenabteilung im dortigen Hafen zu vernichten. Fhren Sieg an der Alma (s. d.) benutzten sie jedoch nicht zu einem raschen Angriff auf das noch nicht verteidigungsfähige S., sondern umgingen dasselbe, um, gestützt auf Balaklawa, dessen Hafen ihnen Zufuhr und Ersatz sicherte, die Festung von der Südseite anzugreifen. Am 28. Sept. kamen die verbündeten Heere unter Canrobert und Lord Raglan vor S. an. Die Franzosen besetzten die Halbinsel des Chersones; die Engländer nahmen ihr Hanprquartier in Balaklawa, wo auch die engl. Flotte einlief, während die französische in der Bucht von Kamiesch ankerte. Die Besatzung von S. konnte, da die Verbindung nach Norden und Osten offen blieb, jederzeit durch die russ. Feldarmee unter Fürst Menschikow verstärkt oder von frischen Trupden abgelöst werden. Zwar waren von den Werken der Verteidigungslinie, welche seit der Landung der Verbündeten in Angriff genommen worden, nur acht vollendet, darunter der Turm auf dem Malakowhügel, der Große Redan, beide vor der Schiffervorstadt, und die isolierte Mastbastion; aber die Befestigungsarbeiten wurden unter der genialen Leitung des Oberstlieutenants Totleben belehrte die verbündeten Feldhergewaltsamer Angriff keinen Erfolg Okt. die erste Parallele er-Batteriebau in den folgenden Taausgeführt wurde. Am 17. Okt. Mitwirkung der Flotten ein ziemlich un-Bombardement statt. In der Nacht die Franzosen den Bau der Fürst Menschikow versuchte entsetzen (25. Okt. bei Balaklawa, Inkjerman), jedoch ohne Erfolg. Die durch den Felsgrund erschwert, schritten nur langsam vor. Anfang Nov. E1854 begann der Bau der dritten Parallele und der Breschbatterien. Regenwetter und der eintretende Winter hinderten die Arbeiten und brachten den Truppen unsägliche Leiden. Dagegen verstärkten und vermehrten die Russen ihre Werke zu einer doppelten, oft dreifachen Verteidigungslinie, zu deren Armierung die lotte reichlich Geschütze zur Osten-Sacken wurde Kommandant von S. und führte eine aktive Verteidigung durch nächtliche Ausfälle. Im Jan. 1855 mußten die Arbeiten der Witterung wegen eine Zeit lang völlig eingestellt werden. Der franz. General Niel, der Ende Januar in besonderm Auftrage des Kaisers Napoleon eintraf, überzeugte endlich die Feldherren, daß der Angriff nicht, wie bisher, auf die eigentliche Stadt, sondern auf die Schiffervorstadt, welche das Arsenal und alle Marinewerkstätten enthalte, zu richten und dadurch allein die russ. Flotte zu vernichten sei. Angriffsfront war die Bastion Malakow und der vor-Doch bestanden die verbündarauf, daß gleichzeitig die Belageden Großen Redan, die Mastfortgesetzt würden, wodurch der Ausdehnung von 7 bis 8 km 1855 begannen die Arbeiten Mitte März schritten die Bedritten, auf der alten Angriffs-Parallele vor. Ein bedeuten-Nacht zum 24. März, der stärkste Belagerung, konnte dies Vor-Die Armee der Verbünde-Verstärkungen auf 110000 Auch die russ. Streitmacht war und Fürst Gortschakow kurz Kaisers Nikolaus zum Oberbefehlshaber ernannt worden. Am 9. April begann das allgemeine Bombardement auf der ganzen Linie, das 14 Tage lang dauerte. und Niel . starb der franz. Chef des Geniewesens, und Niel trat an seine Stelle. Auch en Dombar in der Kriegsgeschichte fast beispiellosen Bombardement konnte der Sturm noch nicht unternommen werden. Der Camd General Canrobert reichte Mitte Mai seine Entlassung ein, und Pelissier übernahm den Oberbefehl der Armee, welche abermals eine neue Organisation erhielt. Am 7. Juni 1855 erstürmten die Franzosen (Bosquet), unterstützt von einer engl. und türk. Division, die sog. Weißen Werke wei vorgeschobene Redouten) und den Grünen Hügel. Gegen den Malakow wurde die fünfte Parallele eröffnet und 18. Juni ein großartig angelegter Sturm auf denselben unternommen, welcher jedoch nach dreistündigem heftigen Kampfe auf allen Punkten abgeschlagen ward. Doch rückten die Angriffsarbeiten langsam weiter vor; die Batterien der sechsten Parallele konnten Anfang August armiert werden, und S. war nun in äußerster Gefahr. Fürst Gortschakow ließ daher 12. Aug. den Bau einer Floßbrücke über die Reede beginnen, um die belagerte Südseite der Festung mit der Nordseite zu verbinden und der Garnison die nötige Verstärkung oder den Rückzug zu sichern. Am 16. Aug. unternahm er noch einen letzten Entsatzversuch, der jedoch zu einer Niederlage an der Tschernaja führte. Schon 17. Aug. begann das Feuer aus der sechsten Parallele und wurde auf der ganzen rechten Angriffsfront fortgesetzt; aus neuangelegten Halbparallelen vorgehend, wurde die siebente auf nur 40 Schritt von den russ. Bastionen eröffnet. Ebenso nahe hatten sich die Franzosen auf der alten Angriffsfront herangearbeitet, und der Sturm sollte nun 5. Sept. von allen Batterien vorbereitet werden. In Erwartung desselben verstärkte Fürst Gortschakow die Besatzung auf 71 000 Mann, und Totleben ließ hinter der vordern Verteidigungslinie starke Abschnitte bauen. Am 5. Sept. begannen die Batterien das Feuer, welches drei Tage dauerte und die Stadt in einen Trümmerhaufen verwandelte. Um 12 Uhr am 8. Sept. begann der Sturm, und nach einem dreistündigen furchtbaren Kampfe wurde der Malakow von den Franzosen genommen und behauptet, während der engl. Angriff total abgeschlagen ward. Der Verlust des Malakow, des Schlüssels von bewog aber den Fürsten Gortschakow zum Rückuge; in der Nacht wurde die Südseite geräumt, ie Brücke abgetragen, die Befestigung an der Seeseite mit ihren Bastionen und Batterien 9. Sept. gesprengt und ein Teil der Schiffe auf der Reede versenkt; 11. Sept. sanken zuletzt die Dampfer, nachdem die Verbündeten am 10. in S. eingerückt waren. Der Sturm hatte auf jeder Seite 10000 Mann gekostet. Die Nordseite von S. war noch unbezwungen und wurde zur hartnäckigsten Verteidigung eingerichtet; doch ließ es der unerwartet abgeschlossene Friede hier zu keinem Kampfe mehr kommen. Die Verbündeten fanden in S. sehr viel Kriegsmaterial vor. Der franz. General Bazaine wurde Kommandant der Stadt und Pelissier erhielt den Marschallsstab mit dem Titel eines Herzogs von Malakow. Nach der Beendigung des Französischen Kriegs von 1870 und 1871 begann Rußland die Herstellung einer neuen Flotte s auf dem Schwarzen Meere, welche bald eine ansehnliche Stärke erreichte. Im Russisch-Türkischen Kriege von 1877 und 1878 machte sich der Mangel einer vorgeschobenen Station für Kriegsschiffe nachteilig geltend. Im J. 1885 beschloß die Regierung, allle Handelswerfte von der südlichen auf die nördl. Seite der Bucht von S. zu verlegen und die ganze Südseite für Anlagen der Marineverwaltung zu verwerten. Der innere Hafen ist zur Aufnahme der gesamten Panzerflotte des Schwarzen Meeres bestimmt und es wird bereits an der Wiederherstellung der großen Granitdocks daselbst, sowie an der anden Miitn des Platzes mit Aufwendung bedeutender Mittel gearbeitet. Vgl. Niel, Siége de Sébastopolo (Par. 1858); Weigelt, «Die Belagerungen S.s »„ (Berl. 1861); Totleben, «Die Verteidigung von S. v (deutsch, 4 Bde., Petersb. u. Berl. 1864—72).