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ErdkundeBrockhaus 1882

Siena, bei den Alten Sena, Hauptstadt der gleichnamigen ital. Provinz, 48 km südlich von Florenz, Über Montereggioni mit der Eisenbahn Empoli-⸗Chiusi verbunden, Sitz eines Erzbischofs, des Präfekten und einer Universität, liegt in schöner Gegend auf zwei langgedehnten Hügeln, gegen 348 m über dem Meere. Ursprünglich eine Stadt der Etrusker, seit Augustus röm. Kolonie und seitdem Sena Julia genannt, unter den Longobarden Sitz eines Gastalden, im Mittelalter Hauptort eines ansehnlichen Freistaats mit 150000 und 1554 noch mit 45000 E., sank sie nach dem Verlust ihrer Freiheit (1557) durch Cosimo I., Herzog von Florenz, nachmaligen Großherzog von Toscana, so herab, daß sie damals nicht über 10000 Bewohner hatte, welche nach der Zählung von 1881 wieder auf 25336 gestiegen sind. Die Kunst blühte in S. vor Cimabue und hat sich in ihrem byzant. Stile lange neben der florentinischen erhalten. Große Architekten, Bildhauer und Maler hat S. in Menge hervorgebracht. Die Industrie zeigt sich besonders in Seidenwebereien, Fabriken von Wollstoffen, von Leinen⸗ und Hanfgeweben, Rübenzucker⸗, Spiritus- und Hutfabriken. Die prächtige Domkirche, um 1229 begonnen, mit Chor von 1259, Kuppel von 1264 und nach Plänen von Giovanni Pisano 1270 1380 erbauter Fagçade, welche letztere das schönste Werk ital. Gothik ist; im Innern sind besonders bemerkenswert: der marmorne Fußboden mit schönen und umfangreichen Sgraffiti und Mosaiken (1369—1550), die prachtvolle Kanzel des Niecold Pisano, 1266 begonnen, das Bronzetabernakel von Vecchietta (1465 —72) auf dem Hochaltar des Chors, die Grabplatte des Bischofs Pecci (1426) und eine Bronzestatue Johannes des Täufers (1457), Werke von Donatello, das Altarbild des Duccio di Buoninsegna, das einzige erhaltene Werk (1308 — 11) dieses Hauptmeisters der Malerschule Sienas. Im Chorbüchergemach befinden sich Pinturicchios schöne Fresken aus der Geschichte Papst Pius' II. (Piccolomini), in der Bauhütte des Doms die berühmte antike Gruppe der drei Grazien. In den andern 50 Kirchen der Stadt sind sehr schätzbare alte Gemälde, so in der Kirche San-Domenico Sodomas treffliche Darstellungen aus dem Leben der heil. Katharina. In der Kirche Fontegiusta ist das Marmortabernakel des Hochaltars, von Lorenzo di Mariano (1517), eine der edelsten Schöpfungen der Renaissance. Die alte Signoria, jetzt Palazzo pubblico, ein Backsteinbau von 1289 bis 1305 mit dem 90 m hohen Glockenturm del uree hat im Innern Wandmalereien von Simone Martini, Sodoma, Ambrogio Lorenzetti, Spinello Aretino und Beccafumi. Unter den got. Profanbauten sind hervorzuheben der Palazzo Tolomei (1205) und Buonsignori, unter denen der Renaissancezeit der Palazzo del Governo (oder Piccolomini, 1490), Spanocchi (1475) und del Magnifico (1508), sowie die Loggia dei Nobili (1417) und Loggia del Papa (1462). Die Gemäldegalerie der Akademie weist namentlich treffliche Werke von Sodoma, Pacchia, Lorenzetti und Luca Signorelli auf. Eine der zahlreichen Fontänen speist 12 Brunnen, unter denen die Fonte Gaja auf der Piazza Vittorio Emmanuele der schönste ist, und 380 Cisternen; eine großartige Wasserleitung von 8,3 km ist von den Bergen zur Stadt geführt. Die Universität, deren Anfang man in das Jahr 1321 setzt, ist jetzt von geringer Bedeutung, hat aber ein anatom. Theater und einen botan. Garten. Sie besteht aus drei Fakultäten (für Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Chirurgie). Sonst bestehen in S. eine Kommunalbibliothek von 50000 Bänden und 5000 Manuskripten, die Accademia dei Fisiocritici mit naturhistor. Museum, ein Lyceum, ein Gymnasium, ein königl. Provinzialinstitut der schönen Künste, zwei Theater und die Promenade Lizza. In S. wird das wohlklingendste und reinste Italienisch gesprochen. In Südosten liegt das Kloster Monte-Oliveto maggiore auf den Waldhöhen des Berges Acorur mit 800 Zimmern, 9 u 350 Pferde und schön geschmückter Kirche. Zu S. tagte 1423— 24 ein fast nur von ital. Prälaten besuchtes Konzil. Die Provinz Siena zählt auf 3794,46 qkm (Ende 1881) 207013 E. und zerfällt in die beiden Bezirke S. (mit 138 171 E.) und Montepulciano.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 807Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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