Sikaner, altital. Volksstamm, s. Siculer. „Sikhs, auch Seikhs geschrieben, eine Religionsgenossenschaft im nördl. Indien, welche daselbst einen eigenen, gegenwärtig zu der Lieutenantgouverneurschaft Pendschab (s. d.) des brit. Vorderindien gehörenden Staat gründete. Ihr Name S., im Sanskrit Sikscha, bedeutet Schüler oder Jünger. Der Stifter dieser Sekte war Nanak, ein Hindu aus der Kriegerkaste, geb. 1469 im Dorfe Talwandi (jetzt Rayapur) am Beyah oder Hyphasis östlich von Lahore. Schon in seiner Jugend zeigte er Neigung zu einem aufs Höhere gerichteten Leben. Er studierte die Vedas und den Koran, sowie die Bücher ind. und mohammed. Schriftgelehrten, wodurch er zu der Ansicht kam, daß ein reiner Monotheismus, welcher innige Bruderliebe fordere, dem Brahmanismus wie dem Mohammedanismus zu Grunde liege und nur allmählich verfälscht worden sei, und den Plan faßte, durch eine geläuterte einfache Religion und eine gereinigte Sittenlehre eine Vereinigung zwischen Hindus und Mohammedanern zu bewirken. Eine solche Lehre, wie sie bereits durch andere Reformatoren, namentlich durch Ramanand und Kabir (um 1450) vorbereitet war, fand bei den damaligen Hindus des Pendschab, welche durch den nach der Vertreibung der Buddhisten mit allen seinen Roheiten und Ungeheuerlichkeiten wiederhergestellten Brahmanismus nicht befriedigt werden konnten, einen fruchtbaren Boden, zumal da sie in ihrer eklektischen Weise die Hauptbegriffe beider Systeme, wie die Einheit des Göttlichen, die Seelenwanderung, die Maya (s. d.), das Nirwana (s. d.) u. s. w. bestehen ließ und möglichst untereinander in Fühlung zu bringen suchte. Als Nanak 1540 zu Kirtipur starb, setzte er mit Übergehung seiner Verwandten seinen Diener Lehana zu seinem Stellvertreter in der neuen, noch nicht zahlreichen Religionsgesellschaft ein. Dasselbe that auch Lehana bei seinem Tode 1552, indem er den Diener Ameradas zum Haupt der Gemeinde ernannte. Diesem folgte 1574 dessen Schwiegersohn Ramdas. Unterdes hatte die Lehre Nanaks manche Umgestaltung erfahren. Nanak selbst hatte sich nur für einen menschlichen Lehrer ausgegeben. Damit er aber den andern Propheten nicht nachstehe, erklärten ihn seine Schüler für einen Awatar, für eine Menschwerdung Vischnus, schmückten seine Lehren mit einer phantastischen Sprache und dichteten ihm eine Menge Wunder und Prophezeiungen an. In diesem Sinne hat Ardschun-Mal, welcher Ramdas 1581 als Haupt der S. folgte, die Schriften der ersten Gurus oder Lehrer nebst seinen eigenen Erläuterungen in einem Buche gesammelt, das unter dem Namen Adi-Granth, d. i. erstes Buch, bekannt ist. (Vgl. The Adi Granth or the holy scriptures of the Sikhs, translated with introductory essays etc. by E. Trumppo, Lond. 1877.) Zu dieser Zeit organisierte sich die schon sehr ausebreitete Genossenschaft der S. nach den Vorchriften des Adi-Granth zu einer religiösen und staatlichen Gesellschaft, welche ihren Guru als ihr alleiniges Haupt betrachtete. Da die S. ebenso den Koran wie die Vedas verwarfen, so erregten sie die Feindschaft der Mohammedaner wie der Brahmanen, und Ardschun starb im Gefängnis als Märtyrer. Den Tod des Vaters zu rächen, verwandelte Har-Gowind, sein Sohn und Nachfolger, die Gemeinde der S. in eine Rotte wilder Krieger. Ein langer blutiger Kampf entspann sich zwischen den S. und ihren mohammed. Unterdrückern. Als Tegh-Bahadur, der neunte in der Reihe der Sikhshäupter, von dem fanatischen Aureng-Zeyb 1675 hingerichtet war, trat sein Sohn und Nachfolger, Guru-Gowind, auf und gab den S. eine ganz auf theokratischer Grundlage ruhende polit. Organisation, sodaß er der Begründer des Staats der S. wurde. Durch diese Einrichtungen entflammte Guru-⸗Gowind, der auch das zweite heilige Buch der S., das Dasema Padschach ke Granthv (das Buch des zehnten Fürsten) verfaßte, den Niece tismus seiner Anhänger zum unablässigen Kriege gegen die Mohammedaner und legte ihnen deshalb den Beinamen der Singhs, d. h. Löwen, bei. Guru-Gowind starb 1708, von einem Afghanen ermordet. Es war das letzte theokratische Oberhaupt der S. Gott selbst wurde nun als der unmittelbare Leiter der Kirche der S. betrachtet. Banda, der Freund Guru-Gowinds, hielt die Gemeinde zwar äußerlich zusammen, allein sein Bestreben, dem Gemeinwesen den kirchlichen Charakter zu nehmen und sich zum gewöhnlichen weltlichen Herrscher zu machen, zerrüttete den jungen Staat, sodaß es dem Großmogul gelang, die S. zu schlagen und meist zu vertilgen. Nach dieser großen Niederlage 1716 fanden die sehr zusammengeschmolzenen S. nur in den Schluchten des Himalaja eine sichere Zuflucht. Erst während der Wirren nach dem Rückzuge Nadir-Schahs aus Hindostan finden sie sich wieder als Räuber und Wegelagerer im Pendschab, wo der Druck, den die Großmoguln und später die Afghanen auf das Land ausübten, die verzweifelnden Hindu haufenweise zum übertritt zu ihnen trieb. Nach wechselndem Kriegsglück gelang es ihnen, die Afghanen mehrmals aufs Haupt zu schlagen, sodaß diese ihnen die Provinzen von Sirhind und Lahore, welches die S. 1764 eingenommen, überlassen mußten. Während dieses Räuberlebens war den S. das frühere sittliche und religiöse Element meist ganz abhanden gekommen. Sie zerfielen in zwölf verschiedene Gemein-oder Genossenschaften, Misals genannt, unter voneinander unabhängigen Häuptlingen oder Sirdars. Nach und nach aber war der größere Teil der Bewohner des Pendschab vom Hindustamme in die Religionsgemeinschaft der S. übergetreten, sodaß diese zu einem Kriegervolk und die einzelnen Kriegsgenossenschaften zu Volksstämmen wurden. Die übrigen Bewohner, welche nicht zu ihnen übertraten, Hindu wie Mohammedaner, sanken zu Knechten herab und wurden furchtbar gedrückt. Auf diese Weise entwickelte sich aus einem religiös-philos. Anfang ein fanatischer Geist, aus welchem endlich eine barbarische Zügellosigkeit hervorging, welche das charakteristische Kennzeichen der ganzen spätern Sikhskonföderation wurde. Nachdem der äußere Feind nicht mehr zu fürchten war, folgten im Innern der Sikhsrepublik Greuel auf Greuel, indem die Sirdars und Misals in unaufhörlicher Fehde miteinander lagen. Hierdurch aber wurde dem Despotismus eines Einzelnen der Weg zur Herrschaft gebahnt. Schon Maha-Singh hatte sich zum mächtigsten Sirdar des Pendschab emporgeschwungen. Nach seinem frühzeitigen Tode 1792 übernahm es sein Sohn Rundschit-Singh (s. d.), das Werk fortzusetzen; er machte aus der lose zusammenhängenden Bundesrepublik der S. ein mit dem härtesten Despotismus regiertes Reich, dem er als Alleinherrscher, als Maharadscha vorstand. Sein nach der Hauptstadt Lahore (s. d.) benanntes Reich erweiterte er allmählich über das ganze Pendschab (s. d.), gewann 1813 Attok am Indus, 1818 Multan, 1819 Kaschmir, 1829 Peschawer. Nach seinem Tode 1839 zerfiel indes das wenig gefestete Reich von Lahore alsbald in Zerrüttung, die nach sechs Jahren das Ende desselben herbeiführte. Nach einer Reihe von Aufständen, Palastrevolutionen und Greueln gelang es zuletzt einer Witwe Rundschit-Singhs, sich der Regierung für ihren unmündigen Sohn Dhalip-Singh zu bemächtigen. Bei den S. selbst verhaßt, gab sie dem Nationalhaß der S. gegen die Engländer nach. Es begann gegen Ende 1845 ein Krieg, der mit der Niederlage und der Teilung des Reichs durch den Vertrag zu Lahore 9. März 1846 endigte. Aber auch der Schatten von Unabhängigkeit, welchen die Hälfte des Reichs von Lahore erhalten, sollte bald infolge der Umtriebe verloren gehen, in welche sich der Günstling der Königin-Mutter, Lall-Singh, gegen die Engländer einließ. Letztere drangen darauf, daß das der Anarchie hingegebene Reich ein Subsidiarstaat der Englisch-Ostindischen Kompagnie werde. So kam notgedrungen 25. Dez. 1846 ein Vertrag zu Stande, vermöge dessen ein Resident der Englisch-Ostindischen Kompagnie in Lahore mit engl. Truppen blieb und die obere Leitung der Angelegenheiten übernahm. Bald entstanden indes abermals Verwickelungen, die 1848 zu einem neuen Krieg führten, der mit der gänzlichen Niederlage der S. und der Einverleibung des Pendschab in das Indo-britische Reich 29. März 1849 endigte. Nach der ind. Volkszählung 1881 betrug die Gesamtzahl der S. in Britisch-Indien 1853 385. Vgl. Cunningham, «History of the S. (Lond. 1849); Trumpp, Die Religion der S.v (Lpz. 1881).