FeedSlawische Mythologie
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Slawische Mythologie. Das Götterwesen der heidnischen Slawen gehört zu den unaufgeklärtesten Teilen der Altertumskunde, wesentlich deswegen, weil die Üüberlieferung der ältesten, einheimüschen und fremden Schriftsteller über das Heidentum der alten Slawen, trotz einer Menge einzelner Notizen, im ganzen sehr dürftig und unklar ist, und außerdem in der Zeit, aus der diese überlieferungen stammen, die Mythologie bei den einzelnen getrennten Völkern sich verschieden entwickelt hatte. Sicher war allen slaw. Stämmen ein Donnergott, Perun, bekannt. Ein Gott des Lichts, vielleicht des Himmels, ist in altruss. Chroniken unter dem Namen Svarog überliefert; derselbe erscheint in Thietmars Chronik bei polabischen Stämmen als Svarozic und, wie es scheint, als höchstverehrter Gott. Als Sohn Svarogs wird, ebenfalls in altruss. Chroniken, die Sonne (solnce) genannt, die nebenbei den besondern Namen Daßbog führt; sicher war letzterer der Sonnengott, da das griech. Helios damit übersetzt wird. Außerdem sind eine Anzahl Götternamen überliefert: Volos, Gott der Herden; Stribog, Wind⸗ und Sturmgott; Triglaw (der dreiköpfige) bei Polaben und Slowenen, bei den erstern ein Sonnengott Svetovit (Svatovit), bei den Polaben als Orakelspender verehrt und vierköpfig dargestellt. Von Göttinnen des slaw. Olymp lassen sich mit einiger Sicherheit nennen Vesna (appellative Bedeutung Frühlingo) und die ihr ähnliche Deva als Göttinnen der heitern Jahreszeiten, Morana, Winter⸗ und Todesgöttin. Von niedern göttlichen Wesen spielen bei den Südslawen in der Poesie des Volks bis gegenwärtig eine große Rolle die Vilen (Singular: Vila), nymphenartige, uber Berg, Wald, Fluß, See und Feld verbreitete weibliche Wesen, ferner die Schicksalsgöttinnen Rosdenice und Sgzdenice (bei den verschiedenen Stämmen, wo sie vorkommen, nach dem Dialekt etwas verschieden benannt); dazu, bei den einzelnen slaw. Völkern verschieden benannt und vorgestellt, ein ganzes Heer von Haus ⸗ Wald⸗, Feldgeistern u. s. w. Es ist bisher der Wissenschaft nicht gelungen, die lüberlieferung in ein System zu bringen und somit ein deutliches Bild von der Götterwelt der alten Slawen und der in ihr enthaltenen Weltanschauung zu entwerfen. Was mittelalterliche Schriftsteller in diesem Sinne berichten, bewegt sich in sehr allgemeinen Ausdrücken. Von den Slawen, die einst zwischen Elbe und Oder wohnten, wird ein bei den Schriftstellern mehr oder weniger ausdrücklich hervorgehobener Dualismus zwischen Licht und Finsternis (Blbog und Cernobog) oder Göttern des Lichts und der Finsternis überliefert, der indes wahrscheinlich schon auf christl. Einfluß zurückzuführen ist. Von den Werken üher slaw. Mythologie enthält das von Hanusch: Die Wissenschaft des slaw. Mythuso (1842), eine reiche Sammlungvon Quellenstellen, ist aber in Auffassung und Erklärung total verfehlt; das reichhaltigste Werk über die mythol. Volksüberlieferung der Slawen, wie sie sich im Aberglauben, in Märchen etc. erhalten hat, ist Afanasjevs Poetizeskija vO2ZL&- nija Slavjan na priroduo (Poetische Naturanschauungen der Slawend, 3 Bde., Mosk. 1865—69). Der im 6. Jahrh. lebende Procopius sagt von den hinterkarpatischen Slawen: «Sie verehren einen Gott, den Schöpfer des Blitzes und den allgemeinen Herrn aller Dinge: sie schlachten ihm Ochsen und bringen Opfer jeglicher Art. Sie kennen durchaus kein Verhängnis (Fatum), noch teilen sie demselben irgend eine Gewalt über die Geschicke der Menschen zu. Sie thun bei drohendem Tode, sei es während der Krankheit oder vor der Schlacht, dem Gotte ein Gelübde, welches sie, der Gefahr entronnen, treu erfüllen, indem sie glauben, durch dasselbe erlöst worden zu sein. Sie verehren aber auch Flüsse, Nymphen und andere zahlreiche Gottheiten, welchen allen sie Opfer bringen und daran Weissagungen knüpfen.» Der im 12. Jahrh. lebende Helmold sagt dagegen von den polabischen Slawen: «Außer den vielgestaltigen Gotteiten, denen sie Felder und Wälder, Trauer und Freuden zuteilen, glauben sie an einen Gott, der im Himmel über andere gebietet und der, während er als der allmächtige nur die himmlischen Dinge besorgt, alle andern Geschäfte den ihm unterebenen Göttern zuweist, die aus seinem Blut entprossen, jeder um so ansehnlicher ist, je näher er dem Gott der Götter steht.v

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 879Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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